ArizonaIm Bauch des Schattentiers

Am Rand des Roden Crater in Arizona fühlt man die Ewigkeit – und sich selbst angenehm mickrig. von 

Roden Crater, USA 2007: Der Schatten des erloschenen Vulkans im Abendlicht

Roden Crater, USA 2007: Der Schatten des erloschenen Vulkans im Abendlicht  |  © Hanno Rauterberg

Meine Nackenmuskeln scheinen dieses Bild nicht sonderlich zu mögen. Jedes Mal wenn ich es ansehe, wenn ich mich erinnere an den langen Flug nach Arizona , an die Landung in Flagstaff, die holpernde Fahrt im Jeep über Schlaglochpisten immer weiter hinein in die Wüste, bis sich irgendwann dieser sanfte Riese in den Horizont schob, ein erloschener Vulkankrater, rötlich schimmernd und wie alles hier von dürren Sträuchern überwuchert – immer wenn ich daran zurückdenke, spüre ich ein leichtes Ziehen im Nacken.

Ich war aufgebrochen, um den berühmten James Turrell zu besuchen , einen Land-Art-Künstler, dem es im Museum entschieden zu eng ist. Turrell zieht es hinaus in die Natur, er ist ein Cowboy mit weißem Rauschebart, der lange durch die Weiten des amerikanischen Westens streifte, bis er den idealen Ort für seine Kunst gefunden hatte, diesen perfekt geformten Vulkankegel, den er bohrend und baggernd in eine Skulptur verwandeln konnte, breit wie Manhattan , hoch wie das Chrysler Building. Schon seit Jahren arbeitet er am Roden Crater , und noch immer ist er nicht fertig und fürs breite Publikum geöffnet. Es fehle am Geld, sagt Turrell, aber vermutlich ist es das nicht allein. Denn was wäre, wenn plötzlich die Massen kämen, sich dichte Trauben durch die Gänge und Kammern der Vulkanskulptur drängten?

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Diese Kunst lebt von der Einsamkeit – davon, dass alles Gewohnte, die ganze Echtzeit-Handy-Hektik-Welt, zurückbleibt. Rund um den Krater passiert nichts, nichts eilt, nichts drängt. Und besonders viel zu sehen gibt es ehrlich gesagt auch nicht. Dick eingepackt gegen die aufziehende Kälte, stehe ich oben am Rand des Kraters und schaue hinaus in dieses Nichts, in die öde, leere, urzeitliche Landschaft. Vor 400.000 Jahren hat hier die Erde mächtig gespuckt, seitdem ist es, wie es ist. Und mittendrin zu stehen in dieser Endlosigkeit ist schon ein eigentümliches Gefühl: Mickrig fühle ich mich – und befreit zugleich.

Der Blick geht weit, immer weiter, fast könnte man meinen, über den Tag hinaus. Seltsam, wie die Zeit sich hier aufspannt und alles Minütliche, Stündliche, alles Alltägliche in dieser Weite verloren geht. So muss sich die Ewigkeit anfühlen.

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Als dann die Sonne sinkt und der kalte Wind noch kräftiger an mir zerrt, wächst der Schatten des Vulkans langsam hinaus in die Wüste, über die Felsen und Sträucher hinweg kriecht er gen Horizont, ist längst größer als der große Kraterhügel, dehnt und dehnt sich, nichts kann ihn halten. Bis das archaische Schattentier mit einem Mal versunken ist in Dunkelheit.

Wenig später nur, ein tiefes Blau hängt über der Wüste, beginnt das große Gefunkel, und aufs Neue beschleicht mich das Gefühl der Ewigkeit. So dunkel ist hier die Dunkelheit wie sonst nur noch selten, weil überall der Mensch, diese Lichtgestalt, mit seinen Lampen und Strahlern die Finsternis vertreibt. Auf dem Krater aber, fernab der Städte, sieht man, was sonst im Licht verschwindet: etwas von der Unendlichkeit des Alls; einen Himmel, der ungeheuer fern und unheimlich nah scheint in seiner Sternenüberfülle.

Ich habe mir schon immer gewünscht, mehr als zwei Augen zu haben. Jetzt fehlen sie mir besonders, die Augen am Hinterkopf und über den Ohren, um mehr zu sehen von der Großartigkeit dort oben, von den Punkten, Pünktchen und Schlieren am Nachthimmel. Und wie ich so dastehe, den Kopf weit zurückgelegt, melden irgendwann die Muskeln und Sehnen schwere Verspannungsgefahr und rufen mich zurück, plötzlich merke ich, wie kalt mir ist.

Bis heute hat mein Nacken die Schau hinaus ins Höhere nicht vergessen. Kleinlicher Körper: Er sollte sich nicht so anstellen.

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    • Schlagworte Chrysler | Cowboy | Jeep | Kunst | Vulkan | Wüste
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