Krieg in SyrienWorauf warten wir?

Europa lädt Schande auf sich, wenn es das Morden in Syrien nicht stoppt, sagt der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy. von 

Bernard Henri-Lévy

Bernard Henri-Lévy  |  © PATRICK KOVARIK/AFP/Getty Images)

DIE ZEIT: Emir Suljagic, ein Überlebender des Massakers von Srebrenica , hat unlängst in der ZEIT vom Westen gefordert, die syrische Opposition mit Waffenlieferungen und Lufteinsätzen zu unterstützen. Sind Sie damit einverstanden?

Bernhard-Henri Lévy: Natürlich. Srebrenica ist eine klaffende Wunde im Herzen Europas . Unser aller Schande. Wer damals vor fast zwanzig Jahren geschworen hat "Nie wieder! Nie wieder Srebrenica", der kann nur wie Emir Suljagic reagieren. Wenn man denkt, wie er, wie ich, dass es eine Zeit vor Srebrenica und eine Zeit danach gibt, kann man diese Unredlichkeit nicht zulassen: das Nichteingreifen in Syrien .

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ZEIT: Sie sind also für eine militärische Intervention .

Lévy: Ich bin dafür, konsistent zu sein. Wir feiern bald den ersten Jahrestag der Rettung Bengasis, der libyschen Rebellenstadt; heute gibt es ein neues Bengasi, und dieses Bengasi heißt Homs, mögen die Situationen auch unterschiedlich sein. Aber es würde sich ja auch nicht um eine gleichartige Intervention handeln.

ZEIT: Inwiefern liegt der syrische Fall anders als der libysche?

Lévy: Die Panzer liegen anders, zum Beispiel. In Bengasi standen sie in den Vororten, in Homs stehen sie mitten in der Stadt. Oder dass wir während der Intervention in Libyen über eine große befreite Zone verfügten, die Kyrenaika. So etwas gibt es in Syrien nicht. Doch im Prinzip handelt es sich um das Gleiche. Für das Nichteingreifen gibt es keine Entschuldigung.

ZEIT: Nur, dass es im syrischen Fall keine Legitimation durch die UN geben wird. Wäre eine Intervention nicht ein Bruch des Völkerrechts?

Lévy: Doch, gewiss. Aber ich erinnere daran, dass Nicolas Sarkozy im libyschen Fall durchaus einen solchen Verstoß erwogen hatte. Er hatte den Vertretern des nationalen Übergangsrats, die ich ins Élysée gebracht hatte, am 10. März gesagt: "Ich werde mich für ein Mandat der UN einsetzen und alles dafür tun; und wenn mir das, Gott behüte, nicht gelingen sollte, dann muss man auf eine andere Instanz ausweichen, die die Sache hinbekommt." Woran er dachte, war eine Art Ad-hoc-Gruppe um Frankreich und Großbritannien, bestehend aus der Arabischen Liga, einigen Staaten der Afrikanischen Union und der Nato. So ist es jetzt auch in Syrien: Am besten wäre es, über den UN-Sicherheitsrat zu gehen. Aber wenn man da die Geisel der Chinesen und der Russen bleibt, muss man sich eben über sie hinwegsetzen.

ZEIT: Es gibt die Sorge, eine Intervention in Syrien würde Israel das taktische Fenster für einen Angriff auf die iranische Atomrüstung öffnen. Teilen Sie diese Sorge?

Lévy: Ich glaube umgekehrt, dass der Sturz des Assad-Regimes die schiitische Achse schwächen würde, die von Teheran bis ins Hamasland und zu Hisbollah im Libanon reicht. Also das Gegenteil dessen, was Sie sagen! In Syrien zu intervenieren würde Israel nicht ermutigen, sondern einen Krieg gegen den Iran eher unnötig machen, weil Ahmadinedschad geschwächt würde. Moral und Realpolitik marschieren hier ausnahmsweise einmal im Gleichschritt.

ZEIT: Sie stehen in Kontakt mit François Hollande , der vielleicht Frankreichs nächster Präsident wird . Ist Syrien ein Gesprächsthema?

Lévy: Wir haben uns vor einem Monat einmal gesehen. Und an dem Tag haben wir tatsächlich über Syrien gesprochen. Er schien mir, sich der Realitäten bewusst zu sein, erschüttert von dem Horror und entschieden, dem Thema Priorität zu geben, sollte er gewählt werden.

ZEIT: Die Zeitschrift Le Nouvel Observateur hat einen Appell "SOS Syrien" veröffentlicht, der den zukünftigen Präsidenten darauf verpflichten soll, sich für die Öffnung Syriens für Journalisten und NGOs einzusetzen. Hollande und andere Kandidaten haben unterschrieben, Nicolas Sarkozy nicht. Bedauern Sie das?

Lévy: Als Präsident, das glaube ich zu wissen, tut er, was er kann, und zwar mehr als die meisten seiner Amtskollegen. Das ist mindestens so gut, wie einen Appell zu unterschreiben.

ZEIT: Haben Sie auch mit ihm über Syrien gesprochen?

Lévy: Ja. Er scheint mir bestärkt davon zu sein, dass er in Libyen recht hatte. Der Zynismus Russlands und Chinas dürfte ihn ziemlich entsetzen. In den UN sind sie zwei große Schurkenstaaten. Sarkozy hat sie einmal umgangen, im libyschen Fall. Es wird schwerfallen, das im syrischen Fall noch einmal fertigzubringen. Das Thema des Augenblicks heißt safe haven an den Grenzen Jordaniens und des Libanons. Es heißt no kill zones, geschützt entweder von einer fremden Macht oder von der Freien Syrischen Armee, von uns bewaffnet. Es heißt aus der Luft einzugreifen, um die Bewegung der Truppen, Panzer und schweren Waffen zu verhindern, die im Begriff sind, in Syrien ein, zwei, drei neue Srebrenicas zu schaffen.

ZEIT: Eine fremde Macht, sagen Sie – an wen denken Sie?

Lévy: An die Türkei zum Beispiel. Sie hat verstanden, dass es auch um ihre Stellung in der Region geht, um ihren Einfluss und ihre Fähigkeit, den imperialistischen Absichten Teherans etwas entgegenzusetzen.

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Leserkommentare
  1. ...der "König der Kriebstreiber"!

    Mehr braucht man zu seinen "Äußerungen" nicht sagen.

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    • joG
    • 10. März 2012 20:36 Uhr

    .... Mitteln vollzogen wird mit den gleuchen Mitteln zu interbinden. Das ist nicht "Kriegstreiberei". Es ist allerdings Mittaeterschaft den Diktator gewaehren zu lassen. Dessen machen Sie sich schuldig.

    Kann Ihnen leider nur vollkommen zustimmen. Was sind das für Menschen, die mit intellektuellen Aufwand offen zu Krieg aufrufen, das aber natürlich geschickt und rethorisch aufgepeppt verpacken. In was für einer Welt leben wir eigentlich. Der reine Wahnsinn. Wenn nicht mal hochgelobte Intellektuelle die Hintergründe differenzieren können und nur einen Seite der Medaille beleuchten ... . Schlimm. Auch Intellektuelle sind nicht vor Fehlurteilen gefeit. Man erinner sich an Thomas Mann's ursprüngliche Einschätzung des Nationalsozialismus. Hat gedauert, trotz seiner Intelligenz, bis er seine Meinung revidiert hat. Kluge Leute sind leider kein Garant für Wahrheit, leider. Was im voriegenden Fall bewiesen wäre.

    Ist doch toll so ein Krieg, dann kommt mal wieder was gute im Fersehen.

    -------------S A T I E R E -------------

    Das PRoblem wird sein, das nun mal andere Staaten andere ansicht sind, und wenn eine Pro-Rebellen Staatengruppe die UN Umgeht und Militärisch aushilf, dann kann das auch eine Pro-Assad Staaten Gruppe machen.

    Grade wenn Staaten die gegen ein Eingreifen sind, z.b. grad Wahlen hinter sich haben die Angezweifelt werden, wäre für sei so ein Abenteuer gut um von innenpolitischen Problemen Abzulenken.

    Das nennt man dann Stellvertreterkrieg. UNd grade dabei kommt es meist zu massiven Schaden an der Zivilgesellschaft des Landes in dem er ausgetragen wird.

    Also sollten die Kriegstreiber mal bitte erklären was wir denn tun wenn russland und china auf das eingreifen anderen Länder damit Reagiren Syrien mit Luftabwherraketen und Jagdflugzeugen zu versorgen.

    Panisch wegrennen können wir dann nicht wenn wir uns nicht lächerlich machen wollen, aber da gleiben und kämpfen kommt auch nicht in Frage da die Meinung de Befölkerung hier eher gegen einen Krieg ist.

    Was glaibt wäre eine Intervention die dafon abhänig ist das Russland und China stillscheingent sie ertragen und sich so als papirtieger darstellen lassen. Und sollten sie doch einen Gegenintervention Starten in ein massives Fiasko führen wird mit einen fast schon sicheren Politischen sieg für beide.

    • Fatuus
    • 11. März 2012 10:30 Uhr

    über Ihre Lesermeinung.Erzählen Sie dies mal den Menschen in Homs und anderswo in Syrien. Schön vom warmen Sofa aus sieht es anders aus als in zerbombten Kellern ohne Nahrung!

    bevor die zeit einem herrn levy diese plattform einräumt, sollte sie erst mal ihre position zu libyen nach dem großen freiheitskrieg bestimmen.
    sie schweigt zum ergebnis.
    und deshalb hinterfragt sie den herrn auch nicht, was denn seine kriegsforderung und kriegsförderung in libyen gebracht hat.

    dann hätte sich die frage zum nächsten krieg syrien nämlich erledigt ...

    es ist das selbe wie im libyen konflikt: von subjekten wie ihnen werden sämtliche greuel und verbrechen des diktators verleugnet und ignoriert, völlig egal, wieviele menschen dieser diktator auf dem gewissen hat. subjekte wie sie verleugnen, dass diktatoren menschen untrdrücken und verleugnen ebenfalls, dass diese diktatoren mit waffengewalt gegen das eigene volk vorgehen. dies ist für subjekte wie sie offensichtlich in ordnung, solange sie usa, nato, etc als "kriegstreiber" beschimpfen können. ein diktator fängt einen bürgerkrieg an, und subjekte wie sie verteidigen und unterstützen diesen diktator durch verbreitung von lügen und propaganda sowie beschimpfung des "westens". warum?

  2. es haben sich anscheinend viele Rechtsnormen geändert - nur die Gesetze stehen noch gültig im StGB. Wenn ständig Bombardierungen gefordert werden - dann würde das den § 80 StGB, Vorbereitung eines Angriffskrieges, betreffen - isn't it. Muß dies jetzt ständig so interpretiert werden, dass bei Nichtbeteiligung eine eigene Bedrohung gegeben ist. Denn Kriegsgründe - mit Umschreibung als Friedensmission - existieren viele.

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    Ein Mensch liegt auf der Straße, ein anderer schlägt auf ihn ein. Sie haben eine Eisenstange in der Hand. Ist es dann illegitim den Angreifer umzuhauen? Natürlich nicht!

    Man hat hier den Eindruck, als würde hier so mancher die Eisenstange fallen lassen, weil er sich so gerne als Pazifist sieht. Ich finde das erbärmlich.

    • grrzt
    • 11. März 2012 9:26 Uhr

    Herr Levy macht nichts anderes als Sie, nämlich seine Meinung äussern. Dieses juristische Laienspiel kann man sich sparen. Ich teile seine Meinnung nicht. Es ist nicht "Sache des Westens" in einen Bürgerkrieg einzugreifen, auch wenn er sich faktisch postitioniern wird, so oder so.

    • Varech
    • 10. März 2012 20:01 Uhr

    Eher wohl ein Sophist.

  3. Libyen-Militärintervention seine demagogische Kriegspropaganda in der ZEIT ablassen dürfen? Meine mich dunkel erinnern zu können.
    Rezipiert wurde er damals schon vom Großteil der Foristen überaus negativ. Was macht die Redaktion? Gräbt ihn noch einmal aus und führt ein Interview mit ihm, über das sich die meisten auch nur aufregen werden. Klasse.

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    • Varech
    • 10. März 2012 20:49 Uhr

    ... lässt sich das bei der ZEIT sicher alles wiederfinden. 1984, als auf der Schwäbischen Alb Atomraketen mit 40 km(!) Reichweite standen und französische auch nicht über D hinaus fliegen konnten, hätte dieser "Philosoph" es gut gefunden, wenn die Deutschen mal selber erlebten, wie Vernichtung tut.

    Redaktion

    Tja, und stellen Sie sich vor: So wichtig uns die Foren sind, sie bestimmen trotzdem nicht darüber, wie wir unseren Job machen.

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur an der Diskussion, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zum Thema des Artikels leisten möchten. Danke. Die Redaktion/vn

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/sc

  5. Das Highlight ist ganz eindeutig dieser Abschnitt:
    "Ja. Er scheint mir bestärkt davon zu sein, dass er in Libyen recht hatte. Der Zynismus Russlands und Chinas dürfte ihn ziemlich entsetzen. In den UN sind sie zwei große Schurkenstaaten."

    Sämtliche Meldungen über Folterungen durch die "Revolutionäre", Unterdrückung schwarzer Minderheiten, wehenden Al-Quaeda-Flaggen an öffentlichen Gebäuden, marodierende Milizen etc. blendet er offensichtlich aus.

    Und Russland und China als Schurkenstaaten, womit er sie per Vokabular in eine Liga mit Nordkorea (und dem Iran) rückt?

    [...]

    Gekürzt. Verzichten Sie auf diffamierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    Sehr einfach von seinem Zimmer aus über Frieden zu schwadronieren während woanders Menschen ja sogar Kinder gefoltert und ermordet werden. Für wen argumentieren die vielen von Herrn LEvy schockierten Damen und Herrn eigentlich? Und nun zu Herrn Levy hat dieser nicht geschrieben das Rußland und China in den UN und nicht generell Schurkenstaaten sind? Und tatsächlich hat das einzig auf eigenen wirtschaftlichen Vorteil bedachte Verhalten der genannten Staaten im UN-Sicherheitsrat nicht nur das Entsetzen der hier so oft gescholtenen westlichen Staaten, sondern auch Entsetzen und Wut in vielen arabischen Staaten herbeigeführt. Das die Regierungen Chinas und Rußlands in der internationalen Politik sowie auch innerhalb der besagten Staaten opportunistisch und brutal handeln ist ja wohl evident.

    • joG
    • 10. März 2012 20:36 Uhr

    .... Mitteln vollzogen wird mit den gleuchen Mitteln zu interbinden. Das ist nicht "Kriegstreiberei". Es ist allerdings Mittaeterschaft den Diktator gewaehren zu lassen. Dessen machen Sie sich schuldig.

    Antwort auf "Herr Levy ist"
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    ...mich schuldig? Mittäterschaft?

  6. Levy - ein übler Kriegshetzer, der maßgeblich die libysche humanitäre Katastrophe, die noch nicht mal in ihrer hohen Reife ist initiiert hat!

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  • Schlagworte Krieg | Nicolas Sarkozy | Syrien | Hisbollah | UN-Sicherheitsrat | Intervention
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