SchlafwagenDrei Stunden im Niemandsland

Im Zug von Berlin nach St. Petersburg, irgendwo auf halbem Weg. Die Stimme einer weißrussischen Bahnhofsvorsteherin weckt die Reisende auf. Sie steigt aus und muss in die fremde Stadt. Es regnet gerade so schön

Orscha, Weißrussland 2010: Judith Hermann war im November in einer nasskalten, nebligen Landschaft.

Orscha, Weißrussland 2010: Judith Hermann war im November in einer nasskalten, nebligen Landschaft.

In Orscha bin ich nie gewesen. Das stimmt nicht ganz – ich war in Orscha, ich bin mit dem Zug durch Orscha gefahren, der Zug hat dort einen Aufenthalt gehabt von drei Stunden. In Orscha bin ich drei Stunden lang gewesen? In Orscha hat meine Reise begonnen.

Im Winter bin ich mit dem Zug von Berlin nach St. Petersburg gefahren, diese Reise dauert anderthalb Tage. Ich verließ Berlin am Nachmittag um drei Uhr. Ich hatte ein Abteil für mich alleine, das Abteil hatte nichts mit der Nummerierung auf meiner Platzkarte zu tun, es war ein anderes Abteil. Warum? Der Schaffner und die Schaffnerin, beide in zerknautschten Uniformen, müde und ernst, verstanden nicht, dass ich das wissen wollte, und gaben keine Auskunft, es war mir auch nur eine kleine Weile lang wichtig, dann vergaß ich es. Sie hatten mich auf Russisch, das ich nicht spreche, zur Eile gedrängt, mir Fahrkarte und Pass abgenommen und mich dann allein gelassen. Das Abteil war schmal, eine Sitzbank, die zu einem Bett umgeklappt werden konnte, ein Kissen, eine Decke, mit blassblauen Fischen bestickt. Ein Tischchen am Fenster, ein Haken an der Wand für den Mantel. Durch die staubige Scheibe sah schon der Berliner Ostbahnhof sofort anders aus, fragwürdig und fremd. Ich war in einen Zug gestiegen, der Heimat in Fremde verwandelte, noch bevor er überhaupt losgefahren war.

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Kaum Mitreisende, die Türen der anderen Abteile verschlossen, im Gang ein Beamter der Deutschen Bahn, mit dem ich ein Gespräch über Reiseabläufe und Grenzkontrollen führte, in dem jedes einzelne deutsche Wort plötzlich kostbar war. Der Beamte sagte »wird schon, wird schon«. In Frankfurt Oder verließ er den Zug, fast heimlich, er machte sich aus dem Staub. Wir rollten über den Fluss nach Polen. Ich hatte zu viel Proviant mitgenommen, Brot und Käse, Aprikosen und Tomaten, Schokolade und Kekse, eine Flasche Wein. Es gab heißes Wasser aus dem Samowar im Glas im silbernen Halter, die Schaffnerin döste in ihrem Abteil, winkte mich in die kleine Küche durch, ich durfte mir ohne sie heißes Wasser holen, was ich als eine Ehre empfand. Vor den Fenstern Finsternis. Station Rzepin, Station Poznań. Im Abteil war es sehr warm. Ich aß was. Ich trank ein wenig Wein, ich hatte das Gefühl, ich dürfe nicht zu viel Wein trinken. Klappte mein Bett aus, legte mich hin, las Konstantin Paustowski, versuchte einzuschlafen und gab es in Warschau wieder auf. Las weiter bis Brest, in Brest kamen die Passkontrolleure, kam der Zoll, der Zoll wühlte meinen Koffer durch und klappte meine Bettstatt auf und nicht wieder zu, ich las Konstantin Paustowskis Regnerische Morgendämmerung, während die Räder gewechselt wurden, der Zug in der Luft hing, die Arbeiter gegen die Achsen hämmerten, gelbes Licht aus der Werkhalle durch den Spalt im zugezogenen Vorhang fiel.

Judith Hermann
Judith Hermann

ist Schriftststellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien 2009 ihr Erzählband Alice.

Ich erinnere mich heute an alles – an einzelne Sätze aus Paustowskis Erzählung, an die Akustik, die Müdigkeit, die kapitulative Passivität ob der unverständlichen Vorgänge am Grenzübergang. Ich bin beinahe versucht, zu sagen, dass ich glücklich war. Fast geborgen. Ich verkläre das, aber es muss doch Anzeichen dafür gegeben haben, sonst würde ich heute nicht so an diese Stunden denken. Irgendwann fuhren wir weiter. Als es hell wurde, war draußen Weißrussland. Birkenwälder, Holzhäuschen, blau und rot gestrichen, Rauch aus den Schornsteinen, Birkenwälder. Manchmal ein Pferd, ganz alleine. Manchmal eine Babuschka mit einer Kiepe auf dem Rücken. Hunde hinter Zäunen, Kinder. Wir fuhren ziemlich langsam. Der Schaffner und die Schaffnerin hatten ihre Uniformen ausgezogen, sie trugen jetzt Trainingsanzüge, er las, sie sah aus dem Fenster, später zählte sie mir an den Fingern vor, dass sie drei Mal nach Berlin und zurück fahren müsse, erst dann sei eine Schicht vorbei. Ich machte mein Bett, trank schwarzen Tee mit Zucker, sah hinaus, las, sah hinaus, legte mich wieder hin und schlief endlich ein.

Ich wachte auf, weil der Zug stillstand. Ich hatte fest geschlafen und wachte langsam auf, ein Auftauchen aus der Tiefe, noch von irgendetwas festgehalten, und ich hatte auch geträumt. Im Auftauchen hörte ich die Stimme einer Bahnhofsvorsteherin, ich hörte ihr Orscha Central, Orscha Central. Es gibt den Ausdruck »zu sich kommen«, der nicht gilt, weil man sich selbst ja leider nicht verlassen kann, aber er gilt doch, weil man sich im Schlaf verlieren kann; ich kam zu mir und begriff nur schwer, wo ich war – in einem Abteil in einem Zug in Weißrussland in: Orscha, Hunderte von Kilometern weit weg von zu Hause. Mitten in der Fremde, mitten darin. Als ich das endlich begriffen hatte, bekam ich keine Luft mehr. Ich wollte sofort an den Anfang der Reise, in die bloße Vorstellung von dieser Reise, ich wollte augenblicklich nach Hause zurück.

Leserkommentare
  1. Der Artikel ist spannend geschrieben und regt zum Weiterlesen an. Dennoch: Eine Zugreise von Berlin nach Sankt Petersburg ist nun wirklich nichts außergewöhnliches. Man hat das Gefühl, schon das Überqueren der Oder sei ein riesen Abenteuer und Warschau der Vorhof zur Hölle, dabei ist das für viele Menschen Alltag.
    Wie sollte dann erst ein Bericht über eine Nachtfahrt im indischen Schlafwagen aussehen, die ich im Übrigen selber als ein schönes Erlebnis in Erinnerung habe?
    Liebe Frau Hermann, es ist schön, dass Sie diese Fahrt so intensiv wahrgenommen haben, aber besonders viel Mut war das jetzt noch nicht.

    Eine Leserempfehlung
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    Indischer Nachtzug. Agra - Varanasi. 10 Stunden Verspätung. Die ganze Nacht am Bahnhof abgehangen. Aus dem Nachtzug wurde ein Tagzug.

    Oder Pakistanischer Nachtzug. Karachi - Moenjodaro. 2e Klasse. 35°C unter Ventilatoren. In der Gepäckablage gepennt. Mit "Schichtwechsel" alle 4 Stunden. Von eiskaltem Weizenbier geträumt. Dann mit dem Ochsenkarren zur archäologischen Stätte.

    Und Berlin - St. Petersburg würde ich mir nur mit Air-Berlin antun

    Indischer Nachtzug. Agra - Varanasi. 10 Stunden Verspätung. Die ganze Nacht am Bahnhof abgehangen. Aus dem Nachtzug wurde ein Tagzug.

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  2. Indischer Nachtzug. Agra - Varanasi. 10 Stunden Verspätung. Die ganze Nacht am Bahnhof abgehangen. Aus dem Nachtzug wurde ein Tagzug.

    Oder Pakistanischer Nachtzug. Karachi - Moenjodaro. 2e Klasse. 35°C unter Ventilatoren. In der Gepäckablage gepennt. Mit "Schichtwechsel" alle 4 Stunden. Von eiskaltem Weizenbier geträumt. Dann mit dem Ochsenkarren zur archäologischen Stätte.

    Und Berlin - St. Petersburg würde ich mir nur mit Air-Berlin antun

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