Altes Land, 1984. Ijoma Mangold mit 13 Jahren in Bentwisch © Ijoma Mangold

Schon der Name klang komisch: Bentwisch, mit langem e. Wenn ich nach den großen Ferien zurück in die Schule kam, hatte ich das Problem, dass weder Bentwisch noch das Alte Land als Chiffre funktionierten wie Toskana , Provence , Mallorca oder Kufstein – Urlaubsortsnamen, die immer schon eine ganze Weltanschauung transportierten. »Bentwisch – hä?« Kein Mensch hatte je von diesem Ort gehört, aber von meinem achten bis zu meinem 15. Lebensjahr verbrachten meine Mutter und ich alle Sommerferien dort. Freiwillig.

Von Heidelberg fuhr man mit dem Intercity etwa sechs Stunden bis Hamburg . Von dort brachte einen ein Nahverkehrszug in einer Stunde nach Basbeck-Osten. Dann waren es noch zwanzig Minuten mit dem Taxi bis Bentwisch. Dieses vielleicht 300-Seelen-Dorf bestand im Grunde nur aus einer schmalen Straße entlang des Deichs. Wenn man so will, eine Struktur von großer Klarheit: Fluss, Deich, Straße, rotes Klinkerstein-Bauernhaus plus Reetdach, dahinter Apfelgärten, danach Bullenwiesen.

Marsch nennen die Geologen diese Gegend. Sie ist nicht nur flach wie eine Flunder, sie liegt auch noch unter dem Meeresspiegel. Das allein versprach schon Abenteuer. Man verbrachte seine Ferien in einer Gegend, die im Falle einer Sturmflut, sollten die Deiche nicht halten, von den Wassermassen hoffnungslos verheert würde. Und die Idee einer Sturmflut war für mich als Kind überhaupt das Größte. Über die große Hamburger Sturmflut von 1962 konnte man mir gar nicht genug erzählen. Trotz der Dauerangst des Kalten Krieges hatte ich nämlich das Gefühl, dass in Wahrheit nie etwas wirklich Gefährliches passierte. In jedem Haus hingen zwar Feuerlöscher (an sich total aufregend), nur kamen sie nie zum Einsatz. Die Erwachsenen schwangen öfter apokalyptische Reden, aber das konnte mich nicht täuschen: Ich lebte tatsächlich, Gott sei’s geklagt, in der sichersten aller Welten. Die Natur als Urgewalt durfte sich nie austoben. Schneestürme, Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Vulkanausbrüche fanden immer irgendwo anders statt. In Heidelberg gab es nur domestizierte Natur, das höchste der Gefühle war ab und an ein lautes Sommergewitter.

Der Fluss, an dem Bentwisch liegt, heißt Oste. Die Oste mündet kurz vor Cuxhaven in die Elbe , also fast schon in die Nordsee, und ist der Tide unterworfen. Dieser Fluss war also voller Eigenleben, zugleich zugänglich und respekteinflößend. Morgens stürmte ich als Erstes über den Deich, um nach dem Wasserstand zu sehen. Am Frühstückstisch konnte ich dann berichten, dass gerade Ebbe war. Bei Ebbe sah der Fluss ziemlich unwirtlich aus, weil dann ein zwei Meter breiter, brauner Streifen aus Schlick zwischen Wasser und Schilf lag. Da wollte man nicht schwimmen. Am besten wartete man also noch sechs Stunden, bis das Wasser seinen Höchststand erreichte und für 30 Minuten zum Stillstand kam. Gemütliches Baden war eigentlich nur in diesen 30 Minuten möglich, vorher und nachher kämpfte man kraulend gegen die Strömung an. Deswegen war der morgendliche Blick über den Deich so wichtig: Die Tagesplanung hing vom Wasserstand ab. Anders als im heimatlichen Freibad setzte einem hier die Natur Grenzen. Oder ließ es zumindest auf ein Kräftemessen ankommen. Als Kind dachte ich: Endlich einmal echte Natur!

Manchmal, gar nicht so selten, gab es eine Sturmflut. »Hurra!«, jauchzte ich innerlich, wenn die Erwachsenen mit besorgter Miene die entsprechende Wettervorhersage kommentierten. Dann zogen sich die Wolken am Himmel zu einer gewaltig grauen Landschaft zusammen, der Fluss stieg über die Ufer, und das Wasser schwabbte für drei bis fünf Tage gurgelnd bis an den Saum des Deichs. An Schwimmen war dann nicht mehr zu denken, aber es war ein erhebendes Schauspiel, ein echter Ausnahmezustand.

Nur einen Wermutstropfen hatte die Sache: Das neue, 1968 fertiggestellte Sperrwerk in Neuhaus an der Ostemündung. Sollte der Wasserdruck zu groß für die Deiche werden, würde das Sperrwerk seine stählernen Stemmtore schließen. So richtig echte große Gefahr drohte also keineswegs, wie ich mir zähneknirschend eingestehen musste.

Trotzdem war man den Elementen viel mehr ausgesetzt als im lieblichen Heidelberg. Dort gab es zwar auch einen Fluss, den Neckar , der kam als Natur aber gar nicht infrage. Er war eher ein Postkartenmotiv, ansonsten von verkehrsreichen Straßen zu beiden Seiten eingefasst und zubetoniert und in den späten siebziger Jahren so verschmutzt, dass kein Mensch auch nur seinen großen Zeh ins Wasser streckte.