StuttgartEr ist ein Star, holt mich hier raus

Peter Kümmel wird auf Reisen von Dieter Bohlen verfolgt. In Stuttgart wehrt er sich und wird zum Paparazzo. von 

Stuttgart 2011: Peter Kümmel fotografiert das Schloss Solitude. In der Mitte: Dieter Bohlen, begleitet von seinem Bodyguard (rechts)

Stuttgart 2011: Peter Kümmel fotografiert das Schloss Solitude. In der Mitte: Dieter Bohlen, begleitet von seinem Bodyguard (rechts)  |  © Peter Kümmel

Im Herbst 2011 fahre ich an einen der schönsten Flecken Deutschlands, auf das Schloss Solitude . Es liegt im Westen Stuttgarts am Rand eines riesigen Waldgebietes. Die gekurvten Gebäude beherbergen heute die Akademie Schloss Solitude, einen Rückzugsort für Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Ich selbst darf auf Solitude für einige Wochen in Ruhe tun, was ich auch im Alltag am liebsten tue, nämlich lesen, laufen und schreiben, und ich freue mich auf den Wald. Hier trifft man an Wochentagen kaum einen Menschen; an den Wochenenden ist mit jungen Paaren zu rechnen, die sich auf den Schlosstreppen in Brautkleid und Frack fotografieren lassen.

Der württembergische Herzog Carl Eugen hatte Solitude in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts erbaut, um darin, »vom Getümmel und den Täuschungen der Welt sich erholend, Stunden der Muße und der Zurückgezogenheit verleben zu können«. So schrieb er zumindest. In Wahrheit organisierte er in den Wäldern wilde Prunkjagden und vergnügte sich nachts beim Tanz.

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Die ersten Tage verbringe ich, um Körper und Geist an die Freiheit zu gewöhnen, vor allem im Wald. Die Stuttgarter Stadtlandschaft ist eng, aber hier, rund um Solitude, entwickelt sie eine fast skandinavische Weite und Großzügigkeit. Der Herbstwind braust, das Laub der riesigen Eichen und Buchen leuchtet, und am ersten Abend wandere ich zu den drei Seen, die tief im Wald liegen; sie heißen die Bärenseen. Auf einer Anhöhe steht eine Gaststätte, das Bärenschlössle . Ich kehre ein und esse Maultaschen , wie es sich hier gehört. Ein alter Herr am benachbarten Tisch erzählt mir die Geschichte des Ortes. Früher, so sagt er, stand an dieser Stelle ein Jagdpavillon, und die Gäste des württembergischen Königs Wilhelm I . konnten zusehen, wie aus dem Wald das Wild in den See getrieben und von der höfischen Jagdgesellschaft totgeschossen wurde. Den Rückweg zum Schloss Solitude, es ist schon Nacht, gehe ich mit gespannten Sinnen. Ich bin in der Natur, aber ich bin auch in einer alten Kulturlandschaft, und das bedeutet: Der Boden ist mit Blut getränkt.

Ich schlafe tief in meinen beiden ersten Nächten auf dem Schloss. Der Wald ergreift von mir Besitz. Doch am dritten Tag speit er mich schon wieder aus: Die Solitude hat sich über Nacht verwandelt. Jubelschreie reißen mich aus dem Schlaf. Ich tappe ans Fenster und schaue hinunter auf den Schlosshof: überall junges Volk, Angehörige der werberelevanten Zuschauergruppen! Menschen mit Gitarren, bekleidet mit tief hängenden Jeans, eilen, verfolgt von Kamerateams, über das Pflaster. Irgendetwas gibt es hier zu holen, es riecht schweflig nach Ruhm und Ehrgeiz, und dann sehe ich einen Mann, den ich an diesem Ort nie vermutet hätte, Dieter Bohlen , umringt von der Jugend des deutschen Südwestens.

Was geht hier vor? Aus der Schlossgaststätte ins Freie springen glückliche Kinder in Holzfällerhemden und Halstüchern, die sich an Gitarren festhalten und im Sprung etwas brüllen: Weiter! Oder: Geschafft! Oder: Super! Manche werden abgefangen und zurückgescheucht in die Gaststätte, dann müssen sie höher springen und noch euphorischer Yeah! rufen. Jetzt begreife ich: Bohlen castet. Er veranstaltet auf Solitude eine Vorauswahl für seine Show Deutschland sucht den Superstar . Im Schlosshof stehen Lieferwagen mit Filmausrüstung, im Schatten der Mansardengebäude parken Shuttle-Limousinen, mit denen die Jury nach Drehschluss schnell wieder von hier fortkommt. Ein größerer Gegensatz lässt sich kaum denken: einerseits die Ruhe in der Akademie, wo mit langem Atem über das womöglich brotlose Lebenswerk sinniert wird, andererseits das Aufstiegsgewimmel da draußen, die Meute der Selbstverwirklicher rund um Bohlen. Ich fühle mich fehl am Platz, Bohlen nimmt mir meine Solitude, er übernimmt den Ort. Er schafft es schon wieder, mir eine Reise zu vergiften.

Ich habe nämlich schon einmal eine Reise gemacht, die im Zeichen Bohlens stand, das fällt mir jetzt, an jenem Herbsttag in Stuttgart , wieder ein. Das war neun Jahre zuvor, in der Osterzeit des Jahres 2002. Ich saß in einem Jeep, der von Amman in Jordanien nach Bagdad fuhr. Das Ensemble des Theaters Mülheim an der Ruhr hatte mich mit auf eine Gastspielreise in den Irak genommen, es war das letzte Jahr der Herrschaft Saddam Husseins . Der furchtlose Mülheimer Intendant Roberto Ciulli hatte vom irakischen Regime die Erlaubnis bekommen, in Bagdad Bert Brechts Dreigroschenoper aufzuführen.

Es war die Zeit des Embargos gegen Saddam, und die Reise nach Bagdad war natürlich illegal. So reisten wir unauffällig, in kleinen Gruppen. Ich saß mit drei Musikern des Ensembles in einem Jeep, den wir nachts in Amman bestiegen hatten und der uns nonstop nach Bagdad bringen sollte. Am Steuer saß ein völlig übermüdeter Jordanier. Wir fuhren über eine kerzengerade Straße, auf welcher es so gut wie keinen Privatverkehr gab. Allerdings waren in dieser Nacht unzählige Öltanklastwagen unterwegs, die das über den Irak verhängte Ausfuhrverbot brachen. Es waren riesige, kaum beleuchtete, uralte, euphorisch dröhnende, öltropfende Gefährte, in denen, wie es mir schien, ausschließlich kettenrauchende, mit dem Schlaf kämpfende Fahrer saßen (sie rauchten, das gebot die arabische Trucker-Ehre, auch dann, wenn sie ihren Laster betankten: In der rechten Hand hielten sie den Einfüllstutzen, in der linken die glimmende Zigarette).

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Gegen diesen Schmuggelverkehr kämpfte der Chauffeur unseres Jeeps, er überholte auf ölglatter, schwarzer Piste in höchster Geschwindigkeit. Und wenn er nicht überholte, kämpfte er mit dem Schlaf. Bisweilen nickte er, bei Tempo 170, auch mal weg, dann weckten wir ihn mit Gebrüll und kniffen ihm in den Arm. Was hielt den Mann in seiner diabolischen Trance? Es war die Musik, die er während unserer 16-stündigen Fahrt hörte, eine Musik von tückischer Banalität und durchtriebener Witzlosigkeit: Es waren die Greatest Hits des deutschen Popduos Modern Talking, Dieter Bohlens Duo. Wir hörten You’re My Heart, You’re My Soul, Cheri Cheri Lady und viele andere Scheußlichkeiten, die alle waghalsig trivial und betäubend triumphal klangen – und in mir wuchs der Glaube, dass es das Böse gibt und dass es am Ende siegt. Wir rasten auf glitschiger Straße in die Hauptstadt eines Teufelsregimes, es gab keinen Ausweg, und Bohlen spielte seine Lieder. Es war die Musik zum Höllenritt.

Jetzt, an diesem herrlichen Stuttgarter Oktobertag des Jahres 2011, steht Bohlen auf dem Hof des Schlosses Solitude. Und mir fällt meine Reise nach Bagdad wieder ein: Saddam verschwand ein Jahr später von der Bühne. Bohlen ist größer denn je. Ich habe noch nie einen Prominenten fotografiert, jetzt tue ich es doch. Bohlen steht vor dem Europcar-Lastwagen und telefoniert, rechts wartet im summenden, gemütvoll aggressiven Stand-by-Modus sein Bodyguard. Der Mann links bin ich, Bohlens Gestalt in der Scheibe einer Shuttle-Limousine fixierend. Soeben bemerkt mich der Wächter, gleich wird er sich in Bewegung setzen, um weitere Paparazzi-Aktionen abzuwenden, aber zu spät. Ich habe das Bild, das ich wollte, und ich bin beruhigt. Bohlen kann kein bedeutender Dämon sein, allenfalls ein Hilfsdämon. Die wirklich Bösen werfen kein Spiegelbild.

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Leserkommentare
    • Nately
    • 04. April 2012 11:12 Uhr

    Gut, daß ich den Text bis zu Ende gelesen habe, ich dachte erst, der Typ mit der Kamera sei Thomas Anders.

  1. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke. Die Redaktion/ag

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    habe ich diskutiert. Bitte Beitrag nochmal lesen.

  2. Wer Herrn Bohlen entkommen möchte, fährt einfach ins englisch- spachige Ausland.

    Die Texte mit denen Herr Bohlen seine Geräusche unterlegt sind dermaßen dämlich, dass kein Muttersprachler sich so etwas antut.

  3. "Ein größerer Gegensatz lässt sich kaum denken: einerseits die Ruhe in der Akademie, wo mit langem Atem über das womöglich brotlose Lebenswerk sinniert wird, andererseits das Aufstiegsgewimmel da draußen,..."

    Eventuell ist der Unterschied dann doch icht so groß, wie Sie denken. Denn das von Ihnen genannte "brotlose Lebenswerk" lässt sich auf beiden Seiten erkennen (siehe Daniel Schuhmacher - schon mal gehört? - ich nicht; Pietro Lombardi - was, wer?!).
    Jedoch möchte ich ihrem Lebenswerk mehr schöpferische und somit sinnvollere Bedeutung zuschreiben.

    mms

  4. 5. Das..

    habe ich diskutiert. Bitte Beitrag nochmal lesen.

    Antwort auf "Bruder!"
  5. Also mein exotisches Bohlen-Erlebnis hatte ich in Taschkent, als – wenn ich mich nicht irre – "Cheri Cheri Lady" aus den Katakomben des Paxtakor-Stadions zu hören war. Es waren mutmaßlich die Trainigsräume der vor dem Eingang stehenden, Respekt einflößenden Bodybuilder...

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