Haben Deutschlands Rektoren den Draht zur Basis verloren? Die Ergebnisse des Hochschul-Barometers , das der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft veröffentlicht hat, könnten zumindest einen solchen Schluss nahelegen: Demnach sehen sie ihre Hochschulen ausgerechnet in der Lehre exzellent aufgestellt – und das angesichts von überfüllten Hörsälen , Dozentenmangel und immer wieder aufflammenden Protesten gegen die Bologna-Studienreform .

Eine Art neuartiges Stimmungsthermometer soll es sein: Nach dem Vorbild des Ifo-Index , der die Wirtschaftskonjunktur misst, wollen die Stifterverbandsforscher das Hochschul-Barometer als Temperaturmesser der Hochschulen etablieren. Doch wer in der Umfrage nach Meinungen von Professoren und Studenten sucht, wird enttäuscht. Nicht "die Hochschulen" haben geantwortet, sondern eben ausschließlich deren Spitzen: Präsidenten und Rektoren. Dafür 199 an der Zahl. Angesichts von 389 Hochschulen bundesweit erreicht der Stifterverband damit eine Abdeckung, die erstmals ein umfassendes Bild von dem vermittelt, was die Hochschulchefs hierzulande über den Zustand ihrer Hochschulen, der Forschung und über die Bildungspolitik im Allgemeinen denken. Und die Ergebnisse sind so überraschend wie brisant.

Die Kurzzusammenfassung aus Sicht der Rektoren: Lage gut, Zukunft etwas schlechter. Oder – mathematisch ausgedrückt auf einer Skala zwischen minus 100 und plus 100 – Lage: 31. Erwartung: 19. Wer jetzt ergründen will, wie die Autoren der Studie gerade auf diese Werte gekommen sind, kann sich in die Tiefen mathematischer Formelrechnung begeben. Oder einfach zur Kenntnis nehmen, dass sie eine Vielzahl von Einzelantworten zu Themen wie Finanzsituation, Personalausstattung, gesetzliche Rahmenbedingungen oder Infrastruktur zu besagtem Lage- und Erwartungsindikator verschmolzen haben.

Der Blick auf die Detailergebnisse bestätigt den erstaunlich positiven Gesamteindruck: So sagt knapp die Hälfte der Rektoren, die Einnahmesituation an ihren Hochschulen sei zufriedenstellend, für schlecht oder sehr schlecht halten sie 15 Prozent. Offenbar tun die zahlreichen Förderprogramme des Bundes von der Exzellenzinitiative bis hin zum Hochschulpakt 2020 , mit dem Geld für zusätzliche Studienplätze fließt, ihre Wirkung, denn 54 Prozent der Rektoren berichten, dass sich ihre Finanzlage im Vergleich zu vor fünf Jahren verbessert habe. Noch überraschender ist, dass nur 14 Prozent der Rektoren staatlicher Hochschulen die Personalsituation für schlecht oder sehr schlecht halten, aber 29 Prozent für gut oder eher gut. Sogar ein Kompliment an die Landespolitik teilen die Rektoren aus: 61 Prozent sind der Meinung, dass die Zusammenarbeit mit ihr ausgesprochen positiv verlaufe.

Die Zahlenreihe ließe sich fortsetzen, aber die Frage, die sich stellt, ist immer dieselbe: Kann das wirklich sein? Sind die Ergebnisse des Stifterverbandes als Meinungsbild der deutschen Rektoren vertrauenswürdig? Oder doch eher rosarot gemalt?

Die Bildungsforscherszene nimmt den Stifterverband in Schutz. Andrä Wolter von der Berliner Humboldt-Universität etwa bescheinigt dem Hochschul-Barometer, wissenschaftlich sauber zu sein, trotz einer Reihe methodischer Schwächen. So sei unglücklich, dass die Antworten aller Rektoren gleich stark in die Bewertung eingingen, unabhängig von der Größe ihrer Hochschulen. Dabei hätten große Hochschulen eben ganz andere Probleme als die kleinen. Insgesamt aber greife die Studie Themen auf, die in anderen Untersuchungen so nicht enthalten seien.