DIE ZEIT: Frau Brežná, Sie kamen 1968 mit Ihren Eltern aus der Tschechoslowakei in die Schweiz . Sie waren damals 18, heute sind Sie 62 Jahre alt. Leben Sie mittlerweile gerne hier?

Irena Brežná: Ja. Ich musste allerdings eine Wandlung durchmachen, die Verzweiflung überwinden, die mich anfänglich befiel. Ich geriet in eine Kultur, die den Abstand zum anderen pflegt. Ich aber wollte verschmelzen, Liebe, Gefühle spüren – ganz so, wie ich es aus meiner Kultur gewohnt war. Erst mit der Zeit begriff ich, dass man daraus etwas machen kann. So wie Friedrich Dürrenmatt gesagt hat: »Sei human, bewahre Abstand.«

ZEIT: Hatten Sie diese Einsicht plötzlich?

Brežná: Die kam allmählich. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich mich nicht ummodeln lassen muss, nicht zu einer Kopie einer Schweizerin werden muss. Ich merkte, dass ich etwas habe, was die anderen nicht haben, dass sie zuweilen gar neidisch wurden, weil ich eine Kraft besaß, über die sie nicht verfügten. Es wurde mir klar, dass ich nicht nur ein Mangelwesen bin, sondern einen Reichtum besitze.

ZEIT:Die undankbare Fremde ist ein radikales Buch. Ich kenne keine andere Migrantin, die so schonungslos wie Sie von ihrer Einwanderung berichtet und so vehement ein »Recht auf Fremdheit« gefordert hat. Weshalb haben Sie dieses Buch geschrieben?

Brežná: Weil ich mich nicht selbst verraten und wiederholen wollte, was die Fremden hier offiziell verlauten lassen. Wie wunderbar alles sein soll. Ich weiß um die unterschwelligen Gefühle bei Migranten, über die wir nie lesen. Wenn ich Porträts von Zugewanderten lese – geschrieben von Schweizer Journalisten – wird immer Beschönigendes gesagt. Wenn ich als Fremde mit ihnen reden würde, erzählten sie mir etwas ganz anderes.

ZEIT: Was meinen Sie, wenn Sie ein Recht auf Fremdheit fordern?

Brežná: Dass meine Heldin erkennt, dass sie sich nicht dem Diktat beugen muss, sich zu integrieren. Dass sie sein darf, wie sie ist, und sich trotzdem für eine gute Bürgerin halten kann. Sie ist wie ich fremd. Diese Fremdheit ist etwas sehr Wichtiges. Ich habe aus meinem anfänglichen Leiden, aus diesem Loch, einen Hügel erschaffen. Ich bin nicht Masseuse geworden, weil ich keine Sprache hatte, sondern fuhr in mein Manko hinab und habe an der fremden Sprache gearbeitet wie eine Minenarbeiterin. So habe ich mir meine Identität aufgebaut. In diesem meinem Fremdsein möchte ich anerkannt werden. Der Senegalese Léopold Senghor machte aus dem Schimpfwort »Neger« die Bewegung Négritude, er hat es auch umgepolt. Und ich möchte nicht verstoßen werden nur deshalb, weil ich die Hochsprache des Landes, in dem ich wohne, spreche und nicht die Dialekte. Meine Liebe für die Hochsprache soll als Liebe anerkannt werden. Es tut mir weh, dass die meisten Deutschschweizer ihre eigene Hochsprache nicht mögen. An Lesungen werde ich manchmal gefragt, weshalb ich besser Deutsch könne als die Zuhörenden. Ich antworte jeweils, ich würde halt seit dreißig Jahren leidenschaftlich an meiner Sprache arbeiten. Ich kann als Migrantin nicht in diese intimen Dialekte einwandern. Es wäre lächerlich, wenn ich ins Schlafzimmer einwandern würde, ich möchte im Wohnzimmer bleiben. Im Wohnzimmer sitzt man kultiviert und spricht die Hochsprache. Das ist die Fremdheit im positiven Sinne, der Abstand eben.