BuchauszugDie undankbare Fremde

Irena Brežná, eingewandert 1968 aus der Tschechoslowakei, erzählt die Geschichte ihrer Emigration. Ein exklusiver Vorabdruck

Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde. »Wie viel Licht!«, rief Mutter, als wäre das der Beweis, dass wir einer lichten Zukunft entgegenfuhren. Die Straßenlaternen flackerten nicht träge orange wie bei uns, sondern blendeten wie Scheinwerfer. Mutter war voller Emigrationslust und sah nicht die Schwärme von Mücken, Käferchen und Nachtfaltern, die um die Laternenköpfe herumschwirrten, daran klebten, mit Flügeln und Beinchen ums Leben zappelten, bis sie, angezogen vom gnadenlosen Schein, verbrannten und auf die saubere Straße herunterfielen. Und das grelle Licht der Fremde fraß auch die Sterne auf.

In der Kaserne verhörte uns ein Hauptmann, der mehrere Sprachfehler hatte. Er konnte kein r rollen, weder ž, l’, t’, dž, ň noch ô aussprechen und betonte unseren Namen falsch, sodass ich mich nicht wiedererkannte. Er schrieb ihn auf ein Formular und nahm ihm alle Flügel und Dächlein weg:

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»Diesen Firlefanz brauchen Sie hier nicht.«

Er strich auch meine runde, weibliche Endung, gab mir den Familiennamen des Vaters und des Bruders. Diese saßen stumm da und ließen meine Verstümmelung geschehen. Was sollte ich mit dem kahlen, männlichen Namen anfangen? Ich fror.

Der Hauptmann lehnte sich zufrieden zurück:

»Sind Sie zu uns geflüchtet, weil es hier die Meinungsäußerungsfreiheit gibt?«

Wir kannten dieses lange Wort nicht. Mussten wir dem Mann jetzt unsere Meinung sagen, damit er jedem ein Bett und eine Wolldecke gibt? Zu sagen, was man denkt, sät Zwietracht, man wird einsam davon, kommt in Einzelhaft.

Der Hauptmann wartete vergeblich auf unsere Meinung, dann senkte er die Stimme verdächtig tief:

»Was für einen Glauben haben Sie?«

Die beste Einwanderin der Schweiz

Sie brauchte Jahrzehnte, um dieses Buch schreiben zu können. Jetzt ist es da. Und es wird die Migrationsdebatte in der Schweiz verändern. In »Die undankbare Fremde« berichtet die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Kriegsreporterin Irena Brežná, geboren 1950 in der Tschechoslowakei, anhand einer Icherzählerin von ihrer Emigration in die Schweiz, wo sie seit 1968 lebt.

Es ist die brillant geschriebene Geschichte einer Identitätsfindung zwischen Anpassung und Widerstand. So schonungslos, wütend und erkenntnisreich hat noch nie eine hiesige Migrantin über ihr Dasein in der Fremde geschrieben. Diese Frau will nicht dankbar sein für ihr Bleiberecht, sie will in ihrer Fremdheit anerkannt und gehört werden.

Die unterdessen eingebürgerte Brežná liest Schweizern wie Einwanderern die Leviten. Sie zeigt auf, dass es nur ein Miteinander geben kann, wenn beide Seiten aus ihrer Deckung herauskommen. So eine Einwanderin kann man sich nur wünschen. Brežná, die auch als Dolmetscherin arbeitet, lebt in Basel. Zuletzt erschien ihr stark autobiografisch gefärbter Roman über eine Kindheit im Sozialismus, er heißt Die beste aller Welten.

Peer Teuwsen

Ich fürchtete, Mutter und Vater würden den Pakt mit dem Teufel schließen und Gott ins Spiel bringen, aber sie blieben sich gottlos treu und schwiegen.

Da wandte sich der Mann an mich:

»Woran glaubst du, Mädchen?«

»An eine bessere Welt.«

»Dann bist du richtig bei uns. Herzlich willkommen!«

Er zwinkerte mir zu und besiegelte mein Schicksal mit einem Stempel.

Eine hagere Frau führte uns durch lange Gänge. Ihr mitleidvoller Blick streifte mich. Ich suchte die Unglückliche, der ihr Blick galt, aber die Welt war leer. Diese Frau, die weder geschminkt noch toupiert war, hatte Mitleid mit mir! Ich tastete meinen Körper ab, er war noch ganz. Da spürte ich, wie meine Seele auf dem Weg zum Flüchtlingsbett hinkte. Sie war lahm. Und schon wurden uns raue, karierte Decken ausgehändigt. In der Turnhalle saßen unsere Landsleute auf Feldbetten. Ich suchte in ihren Augen nach der eigenen Meinung, die sie loswerden wollten, doch ich fand darin bloß geblendete Nachtfalter. Als jemand Okkupationswitze erzählte, tauchte mein verlorenes Lachen auf, das gleich darauf in Tränen unterging. Ich weinte über den letzten Witz aus unserer Diktatur. Nun sollten wir demokratisch und witzlos leben. Die Landsleute redeten über unbekannte Länder, mutmaßten, wo es besser sei. Gefaltet wie sie waren, ließen wir die karierten Decken zurück und brachen erneut auf.

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