New YorkHeimspiel in Manhattan

Frank Goosen will es sich in New York gemütlich machen: Bierchen trinken, VfL Bochum gucken, im Chelsea übernachten. Kann das gut gehen? von Frank Goosen

New York City 2010: Frank Goosen hat die berühmte Leuchtreklame des Hotels Chelsea leicht verfremdet vorgefunden.

New York City 2010: Frank Goosen hat die berühmte Leuchtreklame des Hotels Chelsea leicht verfremdet vorgefunden.  |  © Frank Goosen

Ich hatte nicht direkt geplant, volltrunken im legendären Chelsea Hotel zu übernachten, aber im Nachhinein passt es natürlich ganz wunderbar zu der Vorstellung, die man von diesem Ort hat. Dass ich noch in der Lage war, durch das völlig verdreckte Hotelfenster die defekte Leuchtreklame zu fotografieren, war schon eine sportliche Leistung. Und dieses Foto lieferte auch noch den Beweis, dass Bochum und New York sich in mancher Hinsicht ähneln.

Eigentlich wohnte ich damals für zehn Tage bei Freunden auf Long Island. Jeden Tag fuhr ich von dort nach Manhattan, um mir Stephen Frys Diktum bestätigen zu lassen, wonach New York deshalb so atemberaubend sei, weil es einem genau liefere, was man erwarte. Dabei trieben mich als Bochumer – jenseits der üblichen Erwartungen – noch zwei Fragen um: Werde ich ordentliches Bier zu trinken bekommen? Und: Wo kann ich die Spiele des sympathischsten Vereins Deutschlands, des VfL Bochum 1848, sehen?

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Das Spiel des VfL in Oberhausen verfolge ich morgens um sieben in Long Island, noch im Bett, auf meinem Laptop über einen illegalen russischen Livestream. Als die mexikanischen Gärtner ihre Arbeit aufnehmen, hat mein Verein schon 1:3 verloren. Die Freunde, die mir Obdach gewähren, trösten mich und empfehlen zudem eine Kneipe im East Village, die den ganzen Tag und die halbe Nacht internationalen Fußball überträgt. Im richtigen Ambiente sollte es mit dem Spiel nächsten Mittwoch gegen Arminia Bielefeld also hinhauen.

Frank Goosen

lebt als Schriftsteller und Kabarettist in Bochum. Gerade ist sein neuer Roman Sommerfest erschienen

Etwa vierzig Minuten dauert am folgenden Dienstag meine Fahrt von Manhasset zur Penn Station unter dem Madison Square Garden, und im Prinzip ist es kein Problem, die Strecke zweimal am Tag zurückzulegen, wie es etliche Pendler in ihren Business-Anzügen und mit Kaffeebechern in der Hand auch tun. Aber wenigstens eine Nacht will ich mal mittendrin verbringen. So beziehe ich am Vormittag ein renoviertes Zimmer im Chelsea Hotel, mit Blick auf die 23. Straße. Dass das filmreife Schiebefenster fingerdick mit Dreck bedeckt ist, steht in interessantem Kontrast zur Sauberkeit des Zimmers, das neben einem Flachbildfernseher auch eine Küchenzeile und ein geschmackvoll gefliestes Bad aufweist. Da Amerikaner von Wärmeisolierung etwa so viel halten wie von Sozialismus, lässt sich das Fenster nicht richtig schließen, was beim herrschenden September-Wetter (schmerzhaft blauer Himmel, 27 Grad) allerdings nicht schlimm ist. Im Januar möchte ich hier aber nicht absteigen, weil ich ständig daran denken müsste, gegen wie viele Klimaprotokolle so ein Fenster verstößt. Andererseits: weiße Kunststoff-Thermopane-Fenster am Chelsea? Hm.

Großartig aufhalten will ich mich im Zimmer sowieso nicht. Eigentlich will ich nur auf die Frage, wo ich denn gewöhnlich in New York logiere, später ganz locker sagen können: »Im Chelsea natürlich« – am besten mit einem Unterton, der den Gesprächspartner vermuten lässt, ich hätte mich regelmäßig dorthin zum Schreiben zurückgezogen, weil ich nur von der Hauptstadt der Welt aus diesen liebevoll ironischen Blick auf meine Heimatprovinz werfen könne, den ich mir selber nachsage.

Nach dem Mittagessen fahre ich ins East Village, wo ich an der 3rd Avenue zwischen 11th und 12th Street das Nevada Smith’s finde, laut Eigenwerbung »the planet’s most famous football venue«, in jedem Fall ein feuchter Traum für alle Fußball-Junkies: Schon im oberen Bereich ein gutes Dutzend Bildschirme, auf denen bereits jetzt irgendwelche kruden Spiele laufen, dazu eine imposante Großbildleinwand. Im Keller außerdem ein wahrer Fußball-Darkroom: pechschwarze Wände, nicht ganz so viele Bildschirme, zwei nicht ganz so große Projektionsflächen. Ich frage den Mann hinterm Tresen, ob man auch zweite deutsche Liga zeige. Er hebt nur eine Augenbraue und sagt: »Sure.« Wahnsinn! Diese Stadt kann alles, sogar VfL!

Danach mache ich mich auf den Weg nach Coney Island, noch so ein mythischer New Yorker Ort. Der Himmel, die Vergnügungsparks, das Wonder Wheel, die Cyclone, der Parachute Jump, das New York Aquarium – man hat das so oft in Filmen gesehen, dass man meint, schon mal hier gewesen zu sein. Als bekennender Merchandising-Freak besorge ich mir ein Coney-Island-T-Shirt und eine Tasse mit einem funny face drauf. Dann lasse ich mich unter dem Schild der U-Bahn-Station von einem Punker-Pärchen fotografieren, das glücklicherweise nicht mit meinem teuren Mobiltelefon abhaut, um es gegen Drogen einzutauschen. Ich nehme mir vor, unbedingt mal an einem 4. Juli hier vorbeizuschauen, wenn bei Nathan’s Famous der große Hotdog Eating Contest stattfindet. Die Rekordhalterin bei den Frauen hat 41, der Spitzenreiter bei den Männern 68 Wurstbrötchen geschafft. Wie endeten früher noch die Gespenstergeschichten-Comics: »Seltsam? Aber so steht es geschrieben...« Vielleicht sollte man die Idee adaptieren und in Bochum zum Tag der Deutschen Einheit ein Currywurst-Wettfuttern unterm Förderturm des Bergbaumuseums veranstalten?

Leserkommentare
  1. ...das Lesen hat Spaß gemacht. Nur das mit dem Bier kann ich so nicht stehen lassen. Da haben die Amis völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf, beim nächsten Besuch unbedingt mal ein gutes Sam Adams oder Fat Tire probieren!

  2. Eine sehr schöne Geschichte.
    Und alles so wahr.
    Und das Bier IST grausig, sorry.
    Aber dafür gab es an jeder Ecke zum Glück das Heineken, wenn auch leider nichts von Moritz Fiege.
    Übrigens, Herr Goosen, das "Rock-n-Rösti" hat jetzt eine Chilisauce, die auch wieder den Namen verdient, wie ich neulich nach einem Spontanbesuch in meiner alten Stadt feststellen durfte. Auch wenn die nicht so gut war wie vom alten Rösti... aber da habe ich ja zum Glück das Rezept geerbt.

  3. ist ja bekanntlich etwas, worueber man streiten kann. Aber alle amerikanischen Biere als schlecht zu bezeichnen, weil man EINES nicht mag, das passt nicht. Ich breche also (wie schon ein Vorredner) eine Hopfenstange fuer die amerikanische Braukultur. Die Amis brauen eben anders. Viele Biere haben einen eigenen Geschmack - im Gegensatz zu Heineken, dessen Geschmack saemtliche zusammen gekauften Biermarken auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt; naemlich Wasser.
    Mit einem Brauer oder einem kundigen Bartender in den USA zu sprechen, aehnelt dem Gespreach mit einem Weinkenner. Da wird ueber unterschiedliche Hopfensorten referiert, Schoko-, Frucht- und andere Aromen werden angesprochen. Immer wieder hinreissend. Und wirklich enorm, welche Gaumenfreuden aus Bier herausgeholt werden. Dass die nicht immer jedem zusagen, ist klar. Aber mit etwas Neugier und Freude am trinken und probieren, findet jeder etwas, da bin ich mir sicher.
    Meine Favoriten:
    Brooklyn Pennant Ale (in New York gebraut, die Brauerei in Williamsburg Brooklyn kann man besuchen)
    Magic Hat #9 (aus Vermont)
    Und von der Westkueste
    Sierra Nevada Summer Ale (Californien)
    + unzaehlige Mikrobrews, die man regional und saisonal finden kann. Das kann man (fast) mit Franken vergleichen.
    In diesem Sinne, Prost!

  4. noch was vergessen: in jeder Bar darf man auch gerne die Biersorten am Ausschank probieren. Meist gibts extra kleine Probierglaeschen.

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