Ich hatte nicht direkt geplant, volltrunken im legendären Chelsea Hotel zu übernachten, aber im Nachhinein passt es natürlich ganz wunderbar zu der Vorstellung, die man von diesem Ort hat. Dass ich noch in der Lage war, durch das völlig verdreckte Hotelfenster die defekte Leuchtreklame zu fotografieren, war schon eine sportliche Leistung. Und dieses Foto lieferte auch noch den Beweis, dass Bochum und New York sich in mancher Hinsicht ähneln.

Eigentlich wohnte ich damals für zehn Tage bei Freunden auf Long Island. Jeden Tag fuhr ich von dort nach Manhattan, um mir Stephen Frys Diktum bestätigen zu lassen, wonach New York deshalb so atemberaubend sei, weil es einem genau liefere, was man erwarte. Dabei trieben mich als Bochumer – jenseits der üblichen Erwartungen – noch zwei Fragen um: Werde ich ordentliches Bier zu trinken bekommen? Und: Wo kann ich die Spiele des sympathischsten Vereins Deutschlands, des VfL Bochum 1848, sehen?

Das Spiel des VfL in Oberhausen verfolge ich morgens um sieben in Long Island, noch im Bett, auf meinem Laptop über einen illegalen russischen Livestream. Als die mexikanischen Gärtner ihre Arbeit aufnehmen, hat mein Verein schon 1:3 verloren. Die Freunde, die mir Obdach gewähren, trösten mich und empfehlen zudem eine Kneipe im East Village, die den ganzen Tag und die halbe Nacht internationalen Fußball überträgt. Im richtigen Ambiente sollte es mit dem Spiel nächsten Mittwoch gegen Arminia Bielefeld also hinhauen.

Etwa vierzig Minuten dauert am folgenden Dienstag meine Fahrt von Manhasset zur Penn Station unter dem Madison Square Garden, und im Prinzip ist es kein Problem, die Strecke zweimal am Tag zurückzulegen, wie es etliche Pendler in ihren Business-Anzügen und mit Kaffeebechern in der Hand auch tun. Aber wenigstens eine Nacht will ich mal mittendrin verbringen. So beziehe ich am Vormittag ein renoviertes Zimmer im Chelsea Hotel, mit Blick auf die 23. Straße. Dass das filmreife Schiebefenster fingerdick mit Dreck bedeckt ist, steht in interessantem Kontrast zur Sauberkeit des Zimmers, das neben einem Flachbildfernseher auch eine Küchenzeile und ein geschmackvoll gefliestes Bad aufweist. Da Amerikaner von Wärmeisolierung etwa so viel halten wie von Sozialismus, lässt sich das Fenster nicht richtig schließen, was beim herrschenden September-Wetter (schmerzhaft blauer Himmel, 27 Grad) allerdings nicht schlimm ist. Im Januar möchte ich hier aber nicht absteigen, weil ich ständig daran denken müsste, gegen wie viele Klimaprotokolle so ein Fenster verstößt. Andererseits: weiße Kunststoff-Thermopane-Fenster am Chelsea? Hm.

Großartig aufhalten will ich mich im Zimmer sowieso nicht. Eigentlich will ich nur auf die Frage, wo ich denn gewöhnlich in New York logiere, später ganz locker sagen können: »Im Chelsea natürlich« – am besten mit einem Unterton, der den Gesprächspartner vermuten lässt, ich hätte mich regelmäßig dorthin zum Schreiben zurückgezogen, weil ich nur von der Hauptstadt der Welt aus diesen liebevoll ironischen Blick auf meine Heimatprovinz werfen könne, den ich mir selber nachsage.

Nach dem Mittagessen fahre ich ins East Village, wo ich an der 3rd Avenue zwischen 11th und 12th Street das Nevada Smith’s finde, laut Eigenwerbung »the planet’s most famous football venue«, in jedem Fall ein feuchter Traum für alle Fußball-Junkies: Schon im oberen Bereich ein gutes Dutzend Bildschirme, auf denen bereits jetzt irgendwelche kruden Spiele laufen, dazu eine imposante Großbildleinwand. Im Keller außerdem ein wahrer Fußball-Darkroom: pechschwarze Wände, nicht ganz so viele Bildschirme, zwei nicht ganz so große Projektionsflächen. Ich frage den Mann hinterm Tresen, ob man auch zweite deutsche Liga zeige. Er hebt nur eine Augenbraue und sagt: »Sure.« Wahnsinn! Diese Stadt kann alles, sogar VfL!

Danach mache ich mich auf den Weg nach Coney Island, noch so ein mythischer New Yorker Ort. Der Himmel, die Vergnügungsparks, das Wonder Wheel, die Cyclone, der Parachute Jump, das New York Aquarium – man hat das so oft in Filmen gesehen, dass man meint, schon mal hier gewesen zu sein. Als bekennender Merchandising-Freak besorge ich mir ein Coney-Island-T-Shirt und eine Tasse mit einem funny face drauf. Dann lasse ich mich unter dem Schild der U-Bahn-Station von einem Punker-Pärchen fotografieren, das glücklicherweise nicht mit meinem teuren Mobiltelefon abhaut, um es gegen Drogen einzutauschen. Ich nehme mir vor, unbedingt mal an einem 4. Juli hier vorbeizuschauen, wenn bei Nathan’s Famous der große Hotdog Eating Contest stattfindet. Die Rekordhalterin bei den Frauen hat 41, der Spitzenreiter bei den Männern 68 Wurstbrötchen geschafft. Wie endeten früher noch die Gespenstergeschichten-Comics: »Seltsam? Aber so steht es geschrieben...« Vielleicht sollte man die Idee adaptieren und in Bochum zum Tag der Deutschen Einheit ein Currywurst-Wettfuttern unterm Förderturm des Bergbaumuseums veranstalten?