Eingreifen in Syrien? Ja, fordert Jan Ross. Warum soll dort nicht gehen, was im Kosovo und in Libyen ging? 

Dieser Mörder ist schwach. Das muss man sich klarmachen beim Anblick der Schreckensbilder aus Syrien : dass hier nicht der Herr über eine Großmacht die Opposition massakriert, kein unantastbarer Besitzer von Atombomben. Baschar al-Assad regiert ein heruntergewirtschaftetes, innerlich zerklüftetes Land im Aufruhr. Seit einem Jahr kann die Repression durch das Regime das Volk nicht gefügig machen. Wochenlang hat die Armee die Protesthochburg Homs belagern und beschießen müssen, bevor sie sich die Eroberung zutraute – gegen eine bestenfalls halb professionelle Rebellentruppe ohne schwere Waffen .

Es gibt Gewaltakte, bei denen die Welt nur zuschauen kann: wenn China die Tibeter unterdrückt oder Russland gegen Georgien Krieg führt. Doch Syrien ist anders. Hier kommt beides zusammen: die Brutalität des Regimes und seine Angreifbarkeit. Hier ist die Frage unvermeidlich, ob man sich einmischen soll – bis hin zur militärischen Intervention. Denn auch das muss man wissen: Dass Assad am Ende auf jeden Fall stürzen wird, wie die westliche Politik derzeit zuversichtlich behauptet, ist keineswegs gewiss. Er ist schwach, aber "Siege" wie die Eroberung von Homs stärken ihn. Sie verbreiten Angst und halten Soldaten, die in ihrer Loyalität schwanken, von der Desertion ab.

Wenn Assad an der Macht bleibt, wäre das der bislang schlimmste Rückschlag für die arabische Reform- und Revolutionsbewegung. Und wenn er nach endloser, blutiger Gegenwehr fällt, obwohl er mit fremder Hilfe schneller hätte fallen können, wird die Welt sich nach ihrer Mitverantwortung für die Opfer fragen müssen, die auf diesem Umweg umgekommen sind.

Niemand will eine große Invasion in Syrien. Der amerikanische Senator John McCain hat Anfang der Woche Luftangriffe zur Verteidigung der Zivilbevölkerung gefordert. Am aussichtsreichsten wäre der Aufbau von Schutzzonen, in denen die Bürger vor Angriffen der syrischen Armee sicher wären und die zugleich als Rückzugsraum für die Oppositionskräfte dienen könnten. Sie müssten nahe an der libanesischen oder türkischen Grenze liegen, um eine Versorgung von außen zu ermöglichen. Die syrische Widerstandsbewegung hat, wie Kritiker der Interventionsidee einwenden, "kein Bengasi" – kein eigenes Zentrum, in dem sie politisch Gestalt annehmen und von dem aus sie strategisch operieren könnte, wie es die Rebellen in Libyen vermochten. Die Schutzzonen wären geeignet, den Assad-Gegnern ihr Bengasi (oder ihre Bengasis) zu verschaffen.

Ohne westliche Flugzeuge geht es nicht

Das Regime in Damaskus würde das als kriegerischen Akt verstehen. Die Schutzzonen müssten verteidigt werden, gegen Attacken aus der Luft und gegen Angriffe mit Panzern; das würde den Einsatz von Kampfflugzeugen erfordern, eine Flugverbotszone für die syrische Luftwaffe, die Ausschaltung der syrischen Flugabwehr.

Es wäre gut, wenn die Türkei und die arabischen Assad-Gegner (wie Katar ) die Hauptlast einer Intervention tragen wollten und könnten. Aber das ist unrealistisch. Ohne westliche Flugzeuge (und wahrscheinlich westliche Spezialtruppen) ist eine aussichtsreiche Militäraktion kaum vorstellbar.

Eine solche Intervention wäre kein Feldzug, der zum sicheren Sieg der Opposition führen würde. Ihr Zweck wäre humanitär – und politisch. Auf einen Schlag würde sich das Machtgleichgewicht im Lande verschieben. Nichts ermutigt Assad, den schwachen Diktator, so sehr zu seinen Bluttaten wie die Gewissheit, dass die Widerstandsbewegung letztlich allein bleiben wird, ohne auswärtige Hilfe. Und nichts auch demoralisiert und radikalisiert die Opposition so sehr; vom Westen im Stich gelassen, mag sie sich dem islamischen Radikalismus zuwenden oder dem Gruppenhass der benachteiligten Sunniten gegen die privilegierten Alawiten.

Nichtstun führt schneller ins Chaos

Das Bürgerkriegschaos, das Interventionsgegner bei einer Militäraktion und nach einem Sturz Assads fürchten, der Macht- und Einflusskampf aller gegen alle auf syrischem Boden, von Al-Kaida bis zum iranischen Regime – das ist viel eher vom Nichtstun des Westens zu erwarten als von seinem Eingreifen.

Zu Recht warnen Interventionsskeptiker davor, sich vom Erfolg des Libyen-Krieges beim Thema Syrien zu Abenteuern verführen zu lassen. Aber eine Lehre lässt sich aus Libyen ziehen: Man darf sich vom militärischen Maximalismus und Perfektionismus nicht lähmen lassen. Was ist nicht gewarnt worden, ohne die Bereitschaft zum Einsatz von Bodentruppen, zur unbegrenzten Eskalation dürfe man sich auf ein Eingreifen gar nicht einlassen! Das war in Libyen falsch, und es wäre auch in Syrien falsch.

Es geht nicht um einen Krieg gegen Baschar al-Assad, den wir um jeden Preis gewinnen müssten und von dem wir sonst besser die Finger lassen sollten. Es geht um einen Kampf zwischen Assad und seinen revolutionären Gegnern, in dem der Diktator rücksichtslos Gewalt anwendet und in dem militärische Hilfe der Revolution zum Überleben und womöglich zum Sieg verhelfen kann. Moralisch und politisch steht genug auf dem Spiel, um es zu versuchen.

Autor: Jan Ross