Doku "Versicherungsvertreter""Ich habe so ein krasses Leben"

Ein spektakulärer Dokumentarfilm erlaubt einen direkten Blick in den Darkroom der deutschen Versicherungswirtschaft. von 

Mehmet E. Göker (2.v.r.) bei einem Firmen-Event der MEG 2007

Mehmet E. Göker (2.v.r.) bei einem Firmen-Event der MEG 2007  |  © Ulf Schaumlöffel

Mehmet Ercan Göker ein Großmaul zu nennen ist keine Beleidigung. Es ist vielmehr eine Beschreibung, die er selbst wohl nicht zurückweisen würde. "Das realistische Ziel ist: den größten Finanzvertrieb der Welt zu haben", hat er vor einigen Jahren angekündigt.

Auch die Wahl seiner Vorbilder zeugte nicht von Bescheidenheit. In seinem Büro in Kassel hing ein Porträt von Mahatma Gandhi .

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Mit Gökers eigener Friedfertigkeit ist es hingegen so eine Sache. Der Finanzunternehmer brüllte in seiner Firma leidenschaftlich herum, etwa wenn er sich über eine "Drecksniederlassung" aufregte, die man eigentlich schließen müsse, oder über einige Mitarbeiter schimpfte, die er wegen gefälschter Versicherungsverträge entlassen werde: "Weg, die Wichser!"

Manchmal aber sagt Göker einfach nur die Wahrheit: "Ich habe so ein krasses Leben."

Der Filmemacher Klaus Stern hat Mehmet Göker über mehrere Jahre mit der Kamera begleitet und zeichnet in einem herausragenden und unterhaltsamen Dokumentarfilm dessen Karriere nach. Versicherungsvertreter kommt diese Woche in die Kinos.

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Der Film erlaubt einen unverstellten Blick in eine Branche, deren Usancen zuletzt im Zuge der Berichte um eine Sexparty der Hamburg-Mannheimer in einer Budapester Badeanstalt zum Skandal wurden. Er liefert auch eine szenisch dichte Charakterstudie eines von sich selbst und den Umständen verführten Menschen, der scheitert und weitermacht.

Mehmet Göker, der ehrgeizige und charismatische Sohn eines aus der Türkei eingewanderten Schusters, baute mit Mitte zwanzig in Kassel eine Vertriebsfirma für Versicherungen auf, die in der Spitze mehr als tausend Mitarbeiter beschäftigte. Zeitweilig war die MEG AG der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland. Ihre Kunden fand die Firma im Internet, verkauft wurde vor allem per Telefon. Das Geschäft war lukrativ, von den Versicherungskonzernen kassierte das Unternehmen Provisionen von bis zu 8.000 Euro pro vermittelter Police.

Ein Vertriebsdirektor der MEG, den Stern in seinem Film zu Wort kommen lässt, berichtet von einem Einkommen von 30.000 Euro – im Monat. Göker stellt den Mann im Film als ein früheres NPD-Mitglied vor, das sich gefragt habe, warum sich "sein Leben nicht verbesserte". Erst als er sich Gökers Bewegung anschloss, ging es für ihn aufwärts.

Wie eine Sekte führte Mehmet Göker die Firma, die er nach seinen Initialen benannt hatte. Das Kürzel AG wurde intern auch mit Alleiniger Gebieter übersetzt. Stern zeigt den Unternehmer, wie er seine Mitarbeiter heißmacht und zu immer neuen Verkaufsanstrengungen antreibt. Es geht um Geld, aber nicht nur das. Es geht auch um Erfolg, um Anerkennung, um Zugehörigkeit. In einem Wackelvideo ist festgehalten, wie sich Göker und einige seiner Gefolgsleute die Buchstaben MEG auf den Unterarm tätowieren ließen.

Auf einer der pompös inszenierten Firmenfeiern, bei denen Göker schon mal den britischen Sänger Paul Potts einfliegen ließ, zeichnet er die Besten seiner Verkäufer aus. Man sieht ihn vor einem Mitarbeiter in die Knie gehen und dem Mann eine Art Antrag machen. Ob er bereit sei, mit ihm sein Blut, sein Herz und seine Seele für diese Firma zu teilen?, fragt Göker, einen Ring in seiner Hand. Der Zuschauer weiß nicht, ob er weg- oder weiter hinschauen soll.

Je mehr man von Mehmet Göker hört und sieht, desto klarer wird, dass sich sein außerordentlicher Erfolg als Antreiber nicht allein auf seine rhetorischen Fähigkeiten, sein demagogisches Talent, gründet, sondern vor allem darauf, dass er an das glaubt, was er sagt. Man hat selten einen Menschen so besoffen von sich selbst gesehen wie diesen Mehmet Göker.

Leserkommentare
    • Spez
    • 13. März 2012 19:37 Uhr

    Beim Lesen dieses Artikels fällt mir eine Szene aus dem Film "Das Leben der Anderen" ein. In dieser sagt die Hauptfigur zu einem ehemaligen Minister "Kaum zu glauben, dass Leute wie Sie mal ein Land regiert haben."
    So werden wir vielleicht mal rückblickend sagen: "Kaum zu glauben, dass Leute wie diese mal eine leitende Position in der Wirtschaft inne hatte."

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    dürfte es heute noch in der deutschen Wirtschaft (vor allem bei Banken und Versicherungen) zuhauf geben - und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß die nächste finanzielle Krise aus ihren Geschäften resultiert, vermutlich eher das Gegenteil.
    Herr Jain von der Deutschen Bank hat den Vorstand inzwischen umgestaltet - nach der Einschätzung von SPON sind diejenigen, die halbwegs besonnen das Investmentbanking betrieben haben, inzwischen gegangen worden.

  1. erinnert er mich an die Reichen aus Griechenland. Erst ganz viel Geld machen und am Ende mit Riesenschulden auswandern.

    Ganz ehrlich: Der Mann gehört hinter Gittern.

  2. zu wie in der Versicherungsbranche. Kunden werden ganz subtil überfahren und in die Unterschriftenecke gedrängt. Menschen, die sich kein Nein trauen zu sagen, haben hier schlechte Karten. Es gibt nur eine Verteidigungsstrategie: die Damen und Herren Vertreter gar nicht erst hereinlassen -

  3. Der Mann hat 50 Mio Schulden, lebt wie Kroesus in der Tuerkei und nichts passiert ? Aber "der Staatsanwalt ermittel". Offenbar stimmt der alter Spruch doch: wenn du 1000 euro schuldest, hast du ein Problem. Wenn du Millionen schuldest haben die Glaeubiger eins.

  4. Entfernt, da polemisch. Die Redaktion/se

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    Manchmal ist es gut wenn jemand derart regaiert, dann kann auch der dümmste den Nazi dahinter prima erkennen.

    Göker ist ein völlig Irrer und unterscheidet sich von ihnen darin kein Stück.

    klein angefangen und der ist ein Deutscher. Um Lügner und Betrüger zu finden, muß man nicht erst in der Türkei suchen.

  5. Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/se

    Antwort auf
  6. Manchmal ist es gut wenn jemand derart regaiert, dann kann auch der dümmste den Nazi dahinter prima erkennen.

    Göker ist ein völlig Irrer und unterscheidet sich von ihnen darin kein Stück.

    Antwort auf "Tolle Integration..."
  7. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/se

    Antwort auf

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