Mehmet Ercan Göker ein Großmaul zu nennen ist keine Beleidigung. Es ist vielmehr eine Beschreibung, die er selbst wohl nicht zurückweisen würde. "Das realistische Ziel ist: den größten Finanzvertrieb der Welt zu haben", hat er vor einigen Jahren angekündigt.

Auch die Wahl seiner Vorbilder zeugte nicht von Bescheidenheit. In seinem Büro in Kassel hing ein Porträt von Mahatma Gandhi .

Mit Gökers eigener Friedfertigkeit ist es hingegen so eine Sache. Der Finanzunternehmer brüllte in seiner Firma leidenschaftlich herum, etwa wenn er sich über eine "Drecksniederlassung" aufregte, die man eigentlich schließen müsse, oder über einige Mitarbeiter schimpfte, die er wegen gefälschter Versicherungsverträge entlassen werde: "Weg, die Wichser!"

Manchmal aber sagt Göker einfach nur die Wahrheit: "Ich habe so ein krasses Leben."

Der Filmemacher Klaus Stern hat Mehmet Göker über mehrere Jahre mit der Kamera begleitet und zeichnet in einem herausragenden und unterhaltsamen Dokumentarfilm dessen Karriere nach. Versicherungsvertreter kommt diese Woche in die Kinos.

Der Film erlaubt einen unverstellten Blick in eine Branche, deren Usancen zuletzt im Zuge der Berichte um eine Sexparty der Hamburg-Mannheimer in einer Budapester Badeanstalt zum Skandal wurden. Er liefert auch eine szenisch dichte Charakterstudie eines von sich selbst und den Umständen verführten Menschen, der scheitert und weitermacht.

Mehmet Göker, der ehrgeizige und charismatische Sohn eines aus der Türkei eingewanderten Schusters, baute mit Mitte zwanzig in Kassel eine Vertriebsfirma für Versicherungen auf, die in der Spitze mehr als tausend Mitarbeiter beschäftigte. Zeitweilig war die MEG AG der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland. Ihre Kunden fand die Firma im Internet, verkauft wurde vor allem per Telefon. Das Geschäft war lukrativ, von den Versicherungskonzernen kassierte das Unternehmen Provisionen von bis zu 8.000 Euro pro vermittelter Police.

Ein Vertriebsdirektor der MEG, den Stern in seinem Film zu Wort kommen lässt, berichtet von einem Einkommen von 30.000 Euro – im Monat. Göker stellt den Mann im Film als ein früheres NPD-Mitglied vor, das sich gefragt habe, warum sich "sein Leben nicht verbesserte". Erst als er sich Gökers Bewegung anschloss, ging es für ihn aufwärts.

Wie eine Sekte führte Mehmet Göker die Firma, die er nach seinen Initialen benannt hatte. Das Kürzel AG wurde intern auch mit Alleiniger Gebieter übersetzt. Stern zeigt den Unternehmer, wie er seine Mitarbeiter heißmacht und zu immer neuen Verkaufsanstrengungen antreibt. Es geht um Geld, aber nicht nur das. Es geht auch um Erfolg, um Anerkennung, um Zugehörigkeit. In einem Wackelvideo ist festgehalten, wie sich Göker und einige seiner Gefolgsleute die Buchstaben MEG auf den Unterarm tätowieren ließen.

Auf einer der pompös inszenierten Firmenfeiern, bei denen Göker schon mal den britischen Sänger Paul Potts einfliegen ließ, zeichnet er die Besten seiner Verkäufer aus. Man sieht ihn vor einem Mitarbeiter in die Knie gehen und dem Mann eine Art Antrag machen. Ob er bereit sei, mit ihm sein Blut, sein Herz und seine Seele für diese Firma zu teilen?, fragt Göker, einen Ring in seiner Hand. Der Zuschauer weiß nicht, ob er weg- oder weiter hinschauen soll.

Je mehr man von Mehmet Göker hört und sieht, desto klarer wird, dass sich sein außerordentlicher Erfolg als Antreiber nicht allein auf seine rhetorischen Fähigkeiten, sein demagogisches Talent, gründet, sondern vor allem darauf, dass er an das glaubt, was er sagt. Man hat selten einen Menschen so besoffen von sich selbst gesehen wie diesen Mehmet Göker.

"Sklave des Geldes" nennt Göker sich selbst

Sterns Film profitiert von der Schamlosigkeit seines Protagonisten und dessen offenbar grenzenloser Eitelkeit. Er verzichtet auf jeden Kommentar, Menschen und Szenen sprechen für sich. Dabei ist die Zurschaustellung persönlichen Reichtums und privater Prasserei ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells im Versicherungsvertrieb. Durchstarten, andere überholen, abheben, darum geht es in dieser Szene, in der nicht selten auch Kokain eine Rolle spielt.

Der Ferrari-Fahrer Göker ließ für seine Starverkäufer eine ganze Flotte dieser Luxusautos auffahren. Bis zu 14 Ferrari hatte die MEG geleast. Die zweite Garde fuhr Porsche.

Wer für Spitzenumsätze sorgte, der durfte mit auf große Reise nach New York , wo man im Waldorf Astoria abstieg und shoppen ging, oder nach Las Vegas . All das wird in Firmenvideos dokumentiert, als Erinnerung für die Mitgereisten – und damit auch die Daheimgebliebenen sahen, was sie verpasst hatten, und sich mehr anstrengten.

Für Mehmet Göker, der mal ganz brav Versicherungskaufmann gelernt hat und seine ersten Policen aus dem Kinderzimmer der Mietwohnung seiner Eltern verkaufte, ist das Leben eine "riesige Torte", bei der man nur beherzt zugreifen muss. Wer keine Grenzen kenne, der habe auch keine, doziert er am Steuer seines Sportwagens. Grimme-Preis-Träger Klaus Stern, der eine ganze Reihe bemerkenswerter Unternehmerfilme gedreht hat, zeigt den Drückerkönig aber auch als einen Getriebenen. Einen "Sklaven des Geldes" nennt Göker sich selbst.

Die Millionen kamen von den großen Versicherungsgesellschaften, deren Policen Göker und seine Truppe vermittelten. "Und, heute Axa-Geld eingegangen?", fragt Göker im Film von unterwegs in seiner Firma nach. Auf einer Firmenfeier hofierte Gernot Schlösser, damals Vorstandsmitglied der Axa , das versammelte Drückerteam. "Liebe MEGler, wir sind froh und glücklich, dass es Sie gibt." Ein Video hielt es fest.

Vor Sterns Kamera mochte dann aber keiner der Branchengrößen über Göker reden. Der Fall ist für die Assekuranz mehr als peinlich. In den Vorstandsetagen von Allianz, Axa, Hallescher, Inter, Central und Alter Leipziger ist man schon länger nicht mehr gut auf den Kasseler Starverkäufer zu sprechen. 2009 geriet dessen Firma in finanzielle Schwierigkeiten und wurde alsdann für einen Euro verkauft. Wenig später war die MEG dann insolvent.

Zurück blieb ein 50 Millionen Euro hoher Schuldenberg. Ein Großteil der beim Insolvenzverwalter angemeldeten Forderungen stammt von Versicherungen, die Göker hohe Vorschüsse auf Provisionszahlungen geleistet hatten.

Stern beschränkt sich in seinem Film auf das Innenleben der MEG und verzichtet auf die Perspektive der Kunden, aus deren Versicherungsbeiträgen der ganze Zauber finanziert wurde. Für das Image der Branche ist der Dokumentarfilm gleichwohl verheerend.

Göker sei an seinem Größenwahn gescheitert, meint Klaus Stern. Hätte er die Firma nicht über die Maßen aufgepumpt, würde er vermutlich heute noch mit seiner MEG gute Geschäfte machen. So aber arbeitet er heute für eine Firma namens Göker Consulting, die auf den Namen seiner Mutter läuft. Der Versicherungsbranche ist er treu geblieben.

Mehmet Göker, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, lebt heute überwiegend in der Türkei und umgibt sich in einer Ferienanlage mit langjährigen Mitstreitern. Im Boden des Swimmingpools ist das Logo der MEG eingekachelt. Im Gespräch mit Filmemacher Stern blickt er auf sein bisheriges Leben zurück und gibt sich geläutert. "Ich bin heute ein ruhiger, in sich gekehrter Mensch geworden", sagte er. "Ich bin glücklich, bin zufrieden, egal, was in dem Film rüberkommt."

Der Mann hat alles, was er braucht. Nur für die Grillwürstchen muss er auf eine nahe gelegene griechische Insel fahren. Dort gibt es einen Lidl und Schweinefleisch.