Sterns Film profitiert von der Schamlosigkeit seines Protagonisten und dessen offenbar grenzenloser Eitelkeit. Er verzichtet auf jeden Kommentar, Menschen und Szenen sprechen für sich. Dabei ist die Zurschaustellung persönlichen Reichtums und privater Prasserei ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells im Versicherungsvertrieb. Durchstarten, andere überholen, abheben, darum geht es in dieser Szene, in der nicht selten auch Kokain eine Rolle spielt.

Der Ferrari-Fahrer Göker ließ für seine Starverkäufer eine ganze Flotte dieser Luxusautos auffahren. Bis zu 14 Ferrari hatte die MEG geleast. Die zweite Garde fuhr Porsche.

Wer für Spitzenumsätze sorgte, der durfte mit auf große Reise nach New York , wo man im Waldorf Astoria abstieg und shoppen ging, oder nach Las Vegas . All das wird in Firmenvideos dokumentiert, als Erinnerung für die Mitgereisten – und damit auch die Daheimgebliebenen sahen, was sie verpasst hatten, und sich mehr anstrengten.

Für Mehmet Göker, der mal ganz brav Versicherungskaufmann gelernt hat und seine ersten Policen aus dem Kinderzimmer der Mietwohnung seiner Eltern verkaufte, ist das Leben eine "riesige Torte", bei der man nur beherzt zugreifen muss. Wer keine Grenzen kenne, der habe auch keine, doziert er am Steuer seines Sportwagens. Grimme-Preis-Träger Klaus Stern, der eine ganze Reihe bemerkenswerter Unternehmerfilme gedreht hat, zeigt den Drückerkönig aber auch als einen Getriebenen. Einen "Sklaven des Geldes" nennt Göker sich selbst.

Die Millionen kamen von den großen Versicherungsgesellschaften, deren Policen Göker und seine Truppe vermittelten. "Und, heute Axa-Geld eingegangen?", fragt Göker im Film von unterwegs in seiner Firma nach. Auf einer Firmenfeier hofierte Gernot Schlösser, damals Vorstandsmitglied der Axa , das versammelte Drückerteam. "Liebe MEGler, wir sind froh und glücklich, dass es Sie gibt." Ein Video hielt es fest.

Vor Sterns Kamera mochte dann aber keiner der Branchengrößen über Göker reden. Der Fall ist für die Assekuranz mehr als peinlich. In den Vorstandsetagen von Allianz, Axa, Hallescher, Inter, Central und Alter Leipziger ist man schon länger nicht mehr gut auf den Kasseler Starverkäufer zu sprechen. 2009 geriet dessen Firma in finanzielle Schwierigkeiten und wurde alsdann für einen Euro verkauft. Wenig später war die MEG dann insolvent.

Zurück blieb ein 50 Millionen Euro hoher Schuldenberg. Ein Großteil der beim Insolvenzverwalter angemeldeten Forderungen stammt von Versicherungen, die Göker hohe Vorschüsse auf Provisionszahlungen geleistet hatten.

Stern beschränkt sich in seinem Film auf das Innenleben der MEG und verzichtet auf die Perspektive der Kunden, aus deren Versicherungsbeiträgen der ganze Zauber finanziert wurde. Für das Image der Branche ist der Dokumentarfilm gleichwohl verheerend.

Göker sei an seinem Größenwahn gescheitert, meint Klaus Stern. Hätte er die Firma nicht über die Maßen aufgepumpt, würde er vermutlich heute noch mit seiner MEG gute Geschäfte machen. So aber arbeitet er heute für eine Firma namens Göker Consulting, die auf den Namen seiner Mutter läuft. Der Versicherungsbranche ist er treu geblieben.

Mehmet Göker, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, lebt heute überwiegend in der Türkei und umgibt sich in einer Ferienanlage mit langjährigen Mitstreitern. Im Boden des Swimmingpools ist das Logo der MEG eingekachelt. Im Gespräch mit Filmemacher Stern blickt er auf sein bisheriges Leben zurück und gibt sich geläutert. "Ich bin heute ein ruhiger, in sich gekehrter Mensch geworden", sagte er. "Ich bin glücklich, bin zufrieden, egal, was in dem Film rüberkommt."

Der Mann hat alles, was er braucht. Nur für die Grillwürstchen muss er auf eine nahe gelegene griechische Insel fahren. Dort gibt es einen Lidl und Schweinefleisch.