Rainer Brüderle steht unter der Kuppel des früheren Kaiserlichen Postfuhramtes in Berlin-Mitte, Weinglas in der Hand, Wolfgang Kubicki bei Fuß, und nuschelt sich gewohnt launig durch seine Begrüßungsworte. Die FDP-Bundestagsfraktion hat zum Medientreff geladen, und da zumindest der Veranstaltungsort, vulgo Location, überaus angesagt ist, tummeln sich die Gäste. Plötzlich entdeckt Brüderle im Pulk die Chefin der FDP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. » Katja Suding , komm doch mal her – du siehst ja auch gut aus.« Suding kommt, und während sich Brüderle und Kubicki, der FDP-Spitzenmann aus Schleswig-Holstein, verbal die Bälle zuspielen, von Kerl zu Kerl, von Halbglatze zu Graukopf, macht die 36-jährige Suding das, wofür sie gerufen wurde: eine gute Figur.

Doris Buchholz sitzt in einem Café in Saarbrücken und packt aus. Broschüren, Anträge, selbst gebrannte CDs – immer mehr Infomaterial quillt aus dem Rucksack der Vorsitzenden der Liberalen Frauen, dem Sprachrohr des weiblichen Liberalismus, Texte, Tabellen, Grafiken. Es sind Dokumente des Scheiterns. Wie Hohn klingen Hefttitel wie Frauen sind Löwinnen, Frauen nach vorn, Frauen sind der Schlüssel zum Erfolg. Seit 1978, seit dem »Programm zur Gleichberechtigung«, berichtet die Rechtsanwältin, präsentiere die FDP immer neue Förderprojekte. »Mit dem Ergebnis, dass Frauen in der FDP heute allenfalls als Politmodel Karriere machen. Wir plakatieren Frauen, die Männerfantasien bedienen.«

Die FDP bleibt der Männerverein unter den deutschen Parteien . Nur knapp 23 Prozent ihrer Mitglieder sind weiblich, sie wird weit überproportional von Männern gewählt, in ihren Reihen ist der Herrenwitz noch immer zu Hause, in den 49 Regierungsjahren, zu denen es die FDP in bald 63 Jahren Bundesrepublik Deutschland gebracht hat, kann sie gerade mal zwei – in Zahlen 2 – Bundesministerinnen aufweisen, Irmgard Schwaetzer und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Spitzenfrauen kommen heute in der FDP in zwei Varianten vor. Zum einen als schwächster Teil einer Männerseilschaft, der, wie etwa Birgit Homburger, im Krisenfall als Erster geopfert wird. Und zum anderen als Trümmerfrau in Covergirl-Optik.

Seit die Silvana-Koch-Mehrin-Plakate die FDP bei der Europawahl 2004 nach zehnjähriger Abstinenz zurück ins Europäische Parlament brachten, kommen in besonders aussichtslosen Situationen besonders attraktive Frauen zum Zug. Katja Sudings Hinguckerqualitäten ve rhalfen der Hamburger FDP bei der Bürgerschaftswahl vor einem Jahr zu sensationellen 6,7 Prozent. Auf die Topmodel-Strategie setzt nun auch im Saarland die von der CDU aus der Regierung geworfene, heillos zerstrittene FDP. Für die Landtagswahl am 25. März geht sie mit Nathalie Zimmer als Co-Spitzenkandidatin ins Rennen: jung, hübsch, bis dato völlig unbekannt.

Steuersenkung und Aufschwung: Die FDP konzentriert sich auf Jungsthemen

Unter den vielen Problemen der FDP ist die Frauenfrage ein unterschätztes. Innerparteilich sind für Frauen, wenn überhaupt, Nebenrollen reserviert, nach außen sorgen sie für schönen Schein. Der politische Unernst, mit dem FDP-Männer ihren Kolleginnen begegnen, hat zur Verengung auf Jungsthemen wie Steuersenkung und Aufschwung beigetragen. Die FPD müsste nicht so verzweifelt nach einem erweiterten Profil, nach Themen suchen, die den kühlen Liberalismus von Philipp Rösler menschlicher und wärmer machten, wenn ihre Frauen mehr zu sagen hätten als »Die Quote passt nicht zu einer liberalen Partei«.

Irmgard Schwaetzer war die erste Trümmerfrau der FDP. 1982, nach der Wende von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, von Sozialliberal zu Schwarz-Gelb, wurde sie Generalsekretärin der Liberalen. Weil sie als einzige Frau aus der Führungsriege den Koalitionswechsel befürwortete und blieb, als andere gingen. »Und weil die Lage der Partei so verheerend war, dass kein Mann den Posten haben wollte«, sagt die heute 69-Jährige. Vor der Wende lag der Frauenanteil unter den FDP-Mitgliedern bei 30 Prozent. Von dem damaligen Aderlass haben sich die Liberalen nie erholt. Mit den Frauen verschwand das Sozialliberale, das Gemeinwohlorientierte. Fortan wurde, in der Schnittmenge mit der Union, der Kern gestärkt, die Wirtschaft, die Finanzen – und die Männer.

Schwaetzer, eine vernunftgesteuerte Frau, die nie unter lila Flagge Männerbastionen stürmen wollte, sitzt im Berliner Café Einstein und erzählt von der Gründung der »Liberalen Frauen« im Jahr 1990. Bei einer Parteiveranstaltung kündigten damals die FDP-Herren unter Gejohle an, einen Verein liberaler Männer gründen zu wollen. »Wir wurden lächerlich gemacht«, sagt Schwaetzer. Die herablassende Art den Frauen gegenüber habe in der Partei bis heute gehalten.