Heidi Klum in Los Angeles 2012 © Frederic J. Brown/AFP

Eines hat der Sache der Frauen in den letzten Jahren auf subtile Art geschadet: die anerzogene Gewohnheit, wenn es Probleme gibt, die Schuld bei sich zu suchen. Es ist beim besten Willen nicht zu übersehen, dass es in Sachen Gleichberechtigung noch sehr viel Anlass gäbe, Streit anzufangen. Aber wie soll man Forderungen stellen, wenn man damit befasst ist, sich zu fragen, ob man dünn und entspannt genug ist? Bekommt man Lust auf Macht, indem man ständig die eigene "Ausstrahlung" überprüft? Wie kann man kämpfen, während man verzagt den eigenen Bauchnabel betrachtet?

Was hat uns bloß so paralysiert?, mag man sich fragen und dabei vielleicht den Fernseher einschalten, wo gerade wieder die einflussreichste Erzählung unserer Zeit über erfolgreiche Weiblichkeit angefangen hat. Sie heißt Germany’s Next Topmodel , es wird die Personality sehr junger Frauen nach der Hurtigkeit bewertet, mit der sie sich den Körpermaßen, Bewegungsabläufen und Vermarktungsstrategien der Modeindustrie anpassen. Die das nicht so gut können, fliegen raus. Das Leistungsideal, das dort repräsentiert wird, ist im Laufe der sieben Jahre, die das Casting läuft, derart prägend gewesen, dass immer öfter Frauen berichten, sie hätten in der Nacht vor einem durchaus ernst zu nehmenden Bewerbungsgespräch ihre akademisch hochgerüsteten Lebensläufe fest umklammert, geträumt, sie müssten im Bikini auf rutschigen Laufstegen vor eine Jury schmieriger Prominenter treten und um ein Foto von sich selbst bitten.

Den "halb bewussten Dämmer zwischen Selbsttäuschung und Betrogenwerden", wie der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme es mal genannt hat, könnte jetzt ein Buch stören, das tatsächlich selbst vom weiblichen Körper handelt, sich aber radikal aller Tips zur Selbstoptimierung entschlägt. Stattdessen schildert es die Lage als Schlachtengemälde: Bombardiert von den suggestiven Forderungen der Kulturindustrie, kapitulieren Frauen vor der gnadenlosen Abscheu, die ihren Leibern entgegenschlägt und werden zu erbitterten Gegnern ihrer selbst. Sie hungern, sie disziplinieren sich, sie liefern sich jeder Überwachung aus, "um nur ja nicht zu viel Raum zu beanspruchen". Das Beispiel einiger Kombattantinnen lehrt sie ständige Furcht vor sexueller Gewalt und Totschlag. Sie marschieren unter der "Parole einer neuen Geschlechterkonformität, die uns direkt ins Fleisch gebrannt wird".

Kurios klingt das doch, vierzig Jahre nachdem Frauen mit der Parole "Mein Bauch gehört mir" die Entscheidungen über ihren Körper der Fremdbestimmung entrissen zu haben glaubten. Und jetzt eine so grausige Rhetorik aus dem Mund einer 25-Jährigen! Laurie Penny, die Autorin von Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus ist eine britische Bloggerin und Aktivistin. Im Vorwort zu einer Sammlung ihrer Texte schreibt ihr älterer Kollege Warren Ellis, er mache sich immer Sorgen, wenn er auf Twitter sehe, dass Penny unterwegs sei. Unweigerlich sei dann irgendeine Protestaktion im Gange und sie mittendrin. Ist die Frau auf Krawall gebürstet?

Bestimmt, aber sie übertreibt kein bisschen. Ihre Polemik, das schrill Agitatorische, ist vielleicht die einzige Tonlage, in der sie ihre Wunden zeigen kann, für die sie die gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich macht. Sie nölt nicht an Befindlichkeiten herum, sie kritisiert herrschende Ideologien. Dass dieser Gestus seit geraumer Zeit als altmodisch und spielverderberisch gilt, spricht dafür, dass er so nötig ist wie nie. Es ist befreiend, Laurie Penny zu lesen, denn der entscheidende Vorteil ihrer "materialistischen Sicht auf Geschlecht und Gesellschaft" ist, dass er vor dem ideologischen Trick schützt, der sich in der Aussage verbirgt: Wenn du Schmerzen hast, befrage dich selbst, entspanne, trainiere, organisiere dein Leben. Du kannst alles haben, du musst es nur wollen. Wie es in der Kampagne für Ausbildungsplätze bei McDonald’s heißt: "Häng dich rein und du bekommst hier deine Chance".

Solche Appelle übertragen eben gerade die Widersprüche, mit denen Frauen konfrontiert werden, ihrer individuellen Verantwortung und verwickeln sie in Selbstzweifel. Eine grundsätzliche Verwechslung wird deshalb kaum verstanden und selten so klar thematisiert, wie in Pennys feministischem Manifest. Jene Verwechslung nämlich, durch die man Freiheit und Emanzipation realisiert glaubt, auf einem liberalen Markt, auf dem Frauen ja längst frei sind, durch Arbeit und Konsum teilzunehmen und dabei den eigenen Wert zu messen und zu verhandeln – aber eben nur genau so frei. Das führt zu dem verblüffenden Phänomen, dass sie sich immer just durch die Moden, Hygieneartikel und Geräte selbst verwirklichen können, die gerade käuflich zu haben sind. Germany’s Next Topmodel übrigens ist gerade deshalb auf so verschrobene Art wahrhaftig, weil es in nuce inszeniert, welch grotesken Einsatz diese sogenannte Freiheit fordert.

Was sich den Anschein selbstbestimmten Handelns gibt, so Laurie Pennys These, sei in Wirklichkeit körperliche Arbeit am eigenen Marktwert. Auch weil die Arbeit im Haushalt und im sogenannten "privaten" Leben noch immer überwiegend von Frauen getan wird – natürlich unbezahlt. Vor allem geht es aber um harte Arbeit am Körper. Tatsächlich ist ja weibliches Auftreten, das mit Anerkennung belohnt wird, wie eh und je mit Disziplin und Kontrolle der Physis verbunden – mitnichten nur in Castingshows. Nachdem die Girls einen Parcours aus Diäten, Schamhaarentfernungen und Hormonbehandlungen absolviert haben, ähneln sie auffällig den Mädchen ganz alter Ordnungen. Sie tun es jetzt aber voller Stolz und freiwillig. Die latente Drohung, sie könnten das Begehren der Männer verwirken, sichert diese Freiwilligkeit.