Um nicht ungerecht zu sein und die Herren zu warnen, muss man hier einfügen, dass das Diktat der Körperbeherrschung auch sie zunehmend einholt. Eingefleischte Sexisten lüsteln die trainierten Mädchen ja nicht mehr aus dem patriarchalen Lehnstuhl an. Man findet sie im Fitnessstudio oder beim Waxing, wo sich Biografien an der Frage entscheiden: "Brusthaar, ja oder nein?"

Es könnte also auch für Männer interessant werden, zu welchen manifesten Beschwerden die Anpassung an stereotype Geschlechterrollen führt. Penny beschreibt zum Beispiel ihre Erfahrung mit Essstörungen: "Nichts zu wollen scheint leicht erlernbar zu sein, und ebenso scheint es einfach zu sein, die Regeln bis in ihre letzte, tragische Konsequenz zu beherrschen und jede Nahrungsaufnahme zu verweigern, den Körper zu bestrafen und mit der künstlichen Vorpubertät, in der er durch das Hungern chemisch dauerhaft gehalten wird, die Libido abzutöten. Es ist leichter, ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen."

Es ist einfacher, heißt das, sich dem Size-Zero-Sex-Appeal anzupassen, als auf der eigenen Körperlichkeit zu bestehen, deren Erotik möglicherweise erst durch echte Berührungen zwischen Menschen ausgehandelt werden müsste: "Junge Menschen, die mit dem Druck aufwachsen, in jedem Bereich ihres Lebens etwas zu leisten, finden sich in der Situation wieder, eine roboterhafte, kapitalistische Erotik nachzuäffen, die kaum etwas mit ihren eigenen legitimen Wünschen zu tun hat." Das geschieht, argumentiert Penny, in einer Gesellschaft, die es für hervorragend hält, wenn Frauen ihre Haut als Playboy- Hasen zu Markte tragen, aber die Grauzonen, in denen Menschen mit Sex Geld verdienen, noch immer tabuisiert. Sie widerspricht hier feministischen Vorgängerinnen, die Prostitution grundsätzlich für frauenfeindlich halten: "Nur wenn man anerkennt, dass Sex theoretisch auch ohne Ausbeutung verkauft werden könnte, kann man fragen, warum genau das so selten passiert."

Pennys Einwand gegen einen Feminismus , der den patriarchalen Stereotypen nur die Gegenideologie der "natürlichen" Weiblichkeit entgegensetzt, bedeutet nicht, dass sie die Frauenbewegung infrage stellt. Im Gegenteil: Indem sie die Behauptung, Gleichberechtigung sei erreicht und müsse jetzt durch jede Einzelne verwirklicht werden, als Schummelei entlarvt, macht sie erst richtig klar, wie zwingend relevant Feminismus ist. Die Gegenkräfte sind heftig, eine radikale Emanzipation wäre ein Instabilitätsfaktor. "Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten", fantasiert Penny, "und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen."

Nicht nur, dass sie die Arbeit am Selbst einfach einstellen könnten, es bestünde auch die Gefahr, dass sie einen echten Willen zur Macht entwickelten. Wie die Dinge liegen, scheinen Frauen keine Möglichkeit zu haben, sexy gefunden zu werden, weil sie Macht an sich nehmen, höchstens obwohl. Frauen, die Einfluss wollen, müssen deshalb ihre professionellen Ziele immerzu gegen ihren erotischen Wert "verrechnen". Sie tun es, indem sie ihren Geschlechtskörper sublimieren, was die Bundeskanzlerin beispielhaft vorzeigt. Oder indem sie ihre erotischen Körper selber als Instrument ihrer Macht "nutzen". In jedem Fall muss ihr Dasein als weibliches ihnen abstrakt zur Disposition stehen – eine erschöpfend schizophrene Situation. Dieses Problem haben Männer nun wirklich nicht: Man trennt, was sie betrifft, nicht zwischen ihrem körperlichen Begehren und ihrem Begehren nach Macht. Was, wenn Frauen ihnen darin gleich würden? Man sieht schon Staaten gären und Hohe stürzen. Es verspräche aber auch aufregende neue Abenteuer in den Chefetagen.

Am utopischen Horizont des Feminismus, den Laurie Penny vertritt, liegt eine Gesellschaft, in der es so viele verschiedene Geschlechteridentitäten gäbe wie Menschen. Manche mögen davor Angst haben, weil sie befürchten, ohne "richtige" Männer und Frauen wäre auch Sex sinnlos und alle Freude am Leben perdu. Es ist doch aber sehr unwahrscheinlich, dass wir gleich den Spaß an Sex verlieren, bloß weil wir aufhören in Hellblau und Rosa zu denken. Natürlich sind solche Ideen nicht irre neu oder revolutionär, sondern seit etwa zwanzig Jahren Status quo aller Gendertheorie, auf die sich auch Penny bezieht. In die Massenkultur sind sie aber bisher nicht vorgedrungen.

Vielleicht weil Ideologiekritik an ihre Grenzen gerät, wo sie einen Verblendungszusammenhang nicht einfach zerschlagen kann, weil er wirksam ist. Wir leben ja in unseren zugerichteten Körpern. Alle, die sich auf ihrem Social-Network-Profil von schräg oben in den Ausschnitt fotografiert zeigen, die finden, nichts schmecke so gut, wie sich Dünnsein anfühlt, die an der größten ihnen zur Verfügung stehenden Öffentlichkeit ihr Sexualverhalten breittreten, werden immer sagen: "Ich mache das nur für mich, nicht für Geld oder weil es Mode ist. Mir geht es besser so." Ihr Begehren ist real, es funktioniert, ob es nun falsch ist oder richtig. Es zu desavouieren wäre unsensibel, es durch politische oder pädagogische Maßnahmen ersetzen zu wollen autoritär.

Laurie Penny fordert deshalb Solidarität zwischen "all jenen, die in der heutigen Welt an Geschlechtszuschreibungen leiden". Und sie zeigt, wie subtil diese Leiden sein können. Ihr Buch ist eine starke Ermutigung für einen jungen, lebendigen Feminismus. Dessen avancierteste Strömungen sind ja schon einen Schritt weiter und versuchen, über die Krise der Kritik hinwegzuhelfen, indem sie neue Sinnangebote entwerfen. Sie fragen: Womit identifizieren wir uns, um uns nicht mehr durch unser Geschlecht identifizieren zu lassen? In Deutschland ist ihr Leitmedium das großartige Missy Magazine, in dem sich zu dieser Frage die neuesten Ergebnisse aus der Popkultur finden, neben Verweisen auf viele Blogs und Publikationen aus der ganzen Welt. Sie machen das Leben sicher nicht übersichtlicher, aber freier.

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