Nina Hoss ist eine Barbara, die sich einprägt, wie ein Hinweis
Als sei nichts gewiss außer einer alles umfassenden Illusionslosigkeit
Auf diese Qualität läuft die Wette, und der ruhige, wortkarge Film schafft dafür auch visuellen Raum. Die weiten Küstenlandschaften, die rumpelnde städtische Straßenbahn (wo hat Petzold die bloß noch aufgetrieben?), das Regionalbähnchen, das über Land fährt, die Waldwege, vieles scheint offenzustehen, man ist unterwegs: Transit, irgendwoanders hin. Ausreise ist überall: Als André davon berichtet, er habe ein Serum selbst hergestellt, will Barbara das Labor sehen, er wirft ihr dort die Bemerkung hin, er führe gern nach Den Haag, wegen Rembrandt, sie sagt trocken: »Antrag stellen«, soll er’s doch der Firma berichten, falls er es tut. Tut er es?
Nina Hoss, diese schöne Frau aus Augen und Haltung, ist eine Barbara, die sich einprägt, wie ein Hinweis: So eine sollte ein Mensch in seiner Lebenszeit einmal getroffen haben, es wäre mehr Gelassenheit in der Welt. Aber nicht weniger stark wirkt die männliche Hauptfigur: Die weiche, immer etwas zauselige Figur des André, den Ronald Zehrfeld spielt wie einer, der in den Erinnerungswelten seiner realen ostdeutschen Kindheit schon für diese künftige Filmrolle täglich geprobt hat, ist allein ein Grund, diesen Film wieder und wieder sehen zu wollen.
Die Kompromisse, die dieser Arzt vielleicht, wer weiß, gemacht hat, um zwischen der Leidenschaft für die kaum mögliche Forschung, dem Ethos des Heilens und dem aufrechten Gang einen Weg zu finden, führen in Andrés Augen ihr Schauspiel auf. Wenn er neben Barbara auf dem Rad durch den Wald radelt, verschwimmen in ihrem Gespräch die Grenzen zwischen unmerklichem Verhör und Zugewandtheit bis ins Unkenntliche. Zehrfeld kann in einem Moment ganz aus Sehnsucht bestehen, dann augenblicks wieder nur aus Verantwortung, und dann sind die Augen leer, reglos, als sei nichts gewiss außer einer alles umfassenden Illusionslosigkeit.
Dieser Film wird für den historischen Realismus des Schnarrens der Türklingel, der Abendlichtschattierungen, von Kantinenatmosphäre, Krankenhausflurpatina und Interhotelfrivolität gepriesen, zu Recht. Es ist, als sei dies bis in die durchgebrannte Steckdose die Wirklichkeit der späten DDR, und nicht mal der Sturm in den betörend schlichten Küstenlandschaften Vorpommerns ist romantisch, sondern realistisch zu sehen. Aber wäre dieser Film wirklich realistisch, so wäre das nicht trivial: Dann würde die Kunst, deren Kamera das Land in so klarem Licht liegen sieht, erkennen, dass es eine andere Möglichkeit gibt.
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- Datum 08.03.2012 - 09:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.3.2012 Nr. 11
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Was macht eine gute Story aus? Charaktere, die sich in widrigen Verhältnissen entwickeln können. Die ausbaufähigen werdenden DDR-Klischees bieten sich gleich doppelt an. Man braucht sich nicht die Mühe zu machen, in der Realität nach Konflikstoff zu suchen und die Filmförderung ist einem gewogen. Bloß - was bringt uns dieser jährlich neu erzählte Stoff? Wenig.
der Fragen stellt, die immer wichtig sind: Wem kann ich vertrauen und woran merke ich das? Besonders beeindruckend die leichte Verschiebung in Richtung Melodram (vielleicht zuviel Arztromantik), die den Film weniger kalt wirken lässt als die vorigen und die Geschichte beweglicher, lesbarer macht.
Danke Herr Petzold!
Entfernt. Bitte diskutieren Sie ausschließlich zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn
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