NuklearkatastrophenGutes Atom, böses Atom

Nach Fukushima fordern die Opfer anderer Nuklearkatastrophen in Japan Gehör. Eine Reise zu drei Überlebenden von 

Journalisten und Tepco-Mitarbeiter fahren im November 2011 im Bus an die Reaktorruinen des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi heran.

Journalisten und Tepco-Mitarbeiter fahren im November 2011 im Bus an die Reaktorruinen des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi heran.  |  © David Guttenfelder/AFP/Getty Images

Der Gong ertönt, die 14 Schülerinnen erheben sich vor Takeshi Yamakawa. Er hält ein Buch in die Luft, es ist die japanische Verfassung. "Habt ihr das gelesen?", fragt er die Klasse einer Mädchenschule in Nagasaki . Eine Schülerin schüttelt den Kopf. Yamakawa, 75, groß und grauhaarig, schlägt das Buch auf. "Wer von euch kennt den neunten Artikel?" Eine andere Schülerin meldet sich: "Artikel neun: Wir geben den Krieg für immer auf." Yamakawa nickt. Für ihn ist Artikel neun zum Lebensinhalt geworden. Er war acht Jahre alt, als die amerikanische Luftwaffe am 9. August 1945 eine Atombombe über der Stadt abwarf.

Yamakawa ist ein hibakusha , einer der 219.000 Überlebenden der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki . Bis heute glauben viele Japaner, dass sie den Krieg verloren haben, weil der Feind durch seine Kernwaffen technisch überlegen war. Weil die hibakusha mit ihren Verstümmelungen und Verstrahlungen das Trauma von Niederlage und Zerstörung verkörperten, wurden sie in den Nachkriegsjahren stigmatisiert und zum Schweigen verurteilt: Japan sollte nach vorn schauen, ein modernes, westliches Land werden. Die verheerenden Bomben markierten den Beginn einer Obsession des Landes mit dem Atom – und damit den Beginn einer gewaltigen historischen und politischen Verdrängung. Sie fängt in Hiroshima und Nagasaki an und führt über den Pazifik bis nach Fukushima .

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Megabeben, Tsunami und atomarer GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Klicken Sie auf das Bild, um zur Themenseite zu gelangen.

Megabeben, Tsunami und atomarer GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Klicken Sie auf das Bild, um zur Themenseite zu gelangen.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

"Wir geben den Krieg für immer auf." Takeshi Yamakawa schreibt den Satz an die Tafel. Er hat sein ganzes Leben darum gekämpft, nicht nur in Nagasaki, sondern im ganzen Land Gehör zu finden. Das amerikanische Militär verbot während der siebenjährigen Besetzung Japans jegliche Berichterstattung über die Zerstörung in Hiroshima und Nagasaki. Fotos und Filme wurden konfisziert und weggeschlossen, manche waren noch vier Jahrzehnte nach Ende der Okkupation unter Geheimhaltung. Japanische Premierminister blieben den Gedenkveranstaltungen bis in die sechziger Jahre fern. Bis heute vermeiden viele Japaner das Thema in ihren Familien. Viele Mädchen in Yamakawas Klasse haben Großeltern, die hibakusha sind, aber nur wenige haben mit ihnen über die Vergangenheit gesprochen. "Wir schweigen lieber über unangenehme Dinge", sagt eine 18-jährige Schülerin.

Japans Katastrophe
Tage am Abgrund nach Beben, Tsunami und GAU
11. März 2011, 14.46 Uhr
Satellitenbild von Japan

Satellitenbild von Japan  |  © Nasa/Goddard/SeaWiFS/ORBIMAGE

Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans erschüttert rund sechs Minuten das Land mit einer Stärke von 9,0. Das Epizentrum liegt rund 130 Kilometer vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu. Die Auswirkungen sind dramatisch: Auf dem Meeresgrund reißt die Erdkruste auf 400 Kilometern Länge, Teile der Küste verlagern sich ruckartig um bis zu 50 Meter nach Osten. Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein hebt sich um einige Meter an.

11. März 2011, ca. 15.40 Uhr
Zerstörung in der Stadt Natori

Zerstörung in der Stadt Natori  |  © STR/AFP/Getty Images

Ein Tsunami rast mit 800 Kilometern pro Stunde auf die Küste zu. Über zehn Meter sind die Flutwellen mancherorts hoch, an einzelnen Stellen erreichen sie fast 40 Meter. Kilometerweit dringen die Wassermassen landeinwärts. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Ganze Städte werden ausgelöscht. Im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt der Strom aus. Das Beben hat die Leitungen gekappt, der Tsunami Dieselgeneratoren überspült.

11. März 2011, 16.30 bis 20.30 Uhr
Das AKW Fukushima am 12. März 2011

Das AKW Fukushima am 12. März 2011  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Wasserkühlung zweier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima-Daiichi ist ausgefallen. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sagt, die Lage in den 54 Reaktoren des Landes sei stabil, weil sie sofort nach dem Beben automatisch heruntergefahren wurden. Um 20.30 Uhr muss die Regierung dann für Fukushima-Daiichi den atomaren Notfall verkünden. Etwa 2.000 Bewohner in der Umgebung werden aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen.

12. März 2011, morgens
Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.

Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.  |  © STR/AFP/Getty Images.jpg

Nach Strahlenmessungen am Kernkraftwerk wird die Evakuierungszone vergrößert. Mindestens 60.000 Personen sind auf der Flucht. Ministerpräsident Kan fliegt im Hubschrauber nach Fukushima, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im AKW lassen Ingenieure Dampf durch die Notventile ab, um den Druck in den Reaktorbehältern zu senken. Inzwischen kocht das Wasser in den Notkühlbecken.

12. März 2011, 15.36 Uhr
Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.

Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.  |  © Park Ji-Hwan/AFP/Getty Images

In Fukushima-Daiichi entzündet sich Wasserstoff und zerfetzt die Außenhülle von Reaktor 1. Ohne Strom für die Pumpen, die den Kühlkreislauf antreiben, waren Temperatur und Druck zu stark angestiegen. Trotz Abschaltung des Blocks begannen so die Brennstäbe zu glühen, Wasser verdampfte und Wasserstoffgas bildete sich, während der Reaktorkern schmolz. Japan und die Welt fürchten die atomare Apokalypse.

13. März 2011
Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.

Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.  |  © JIJI PRESS/AFP/Getty Images

In der Nähe des von Reaktor 1 in Fukushima-Daiichi wird eine vierhundertfach erhöhte Radioaktivität gemessen. Ministerpräsident Kan räumt erstmals ein, dass eine Kernschmelze möglich sei. Simulationen und Messdaten von außen bestätigen die Schmelze in den Wochen nach der Havarie. Heute ist die Ruine, die von Block 1 übrig ist, luftdicht in Plastik eingehüllt.

14. März 2011
Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.

Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

Allein in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans werden 2.000 Tote gefunden. 390.000 Menschen sind auf der Flucht aus dem Tsunami-Katastrophengebiet, mehr als 1.400 Notlager werden eingerichtet. Inzwischen gibt es an vielen Orten kein Heizöl mehr, die Menschen frieren. Rund 400.000 Häuser sind zerstört weitere Huntertausende Gebäude beschädigt, Straßen, Zugstrecken und ganze Landstriche unpassierbar.

14. März 2011
Fallout nahe der Küste

Fallout nahe der Küste  |  © ZEIT-Grafik

Obwohl die AKW-Arbeiter die Reaktoren verzweifelt mit Meerwasser kühlen, gibt es eine weitere Wasserstoffexplosion, im Reaktor 3 von Fukushima-Daiichi. Radioaktives Material dringt nach draußen, der Großteil wird in den kommenden Tagen auf den Pazifik geweht. Doch ein Teil verbreitet sich auch über dem Festland. Die Abbildung zeigt, wo sich langlebiges Cäsium konzentriert hat (rot steht für die höchsten Strahlenwerte).

15. März 2011
Strahlenuntersuchung

Strahlenuntersuchung  |  © Issei Kato/AFP/Getty Images

Eine dritte und vierte Explosion ereignen sich in Fukushima. Das Gebäude von Reaktor 2 bleibt intakt, Wasserstoff aus Block 3 sprengt das Dach von Reaktor 4. Von vorher 800 Arbeitern bleiben etwa 40 im stockfinsteren Kraftwerk. Vergeblich hatten sie versucht, weitere Detonationen zu verhindern. Das Unglück wird als nukleares Ereignis der Stufe 6 bewertet. Einen Monat später erhält es wie Tschernobyl die Höchststufe 7: GAU.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie

Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

In einem der sechs Reaktorblöcke ereignete sich offenbar eine komplette Kernschmelze, in zwei weiteren verflüssigten sich die Brennstäbe wohl mindestens zur Hälfte. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Eine Stadt in Trümmern

Eine Stadt in Trümmern  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Die Strahlenbelastung der Menschen war weit geringer als für die Bewohner von Tschernobyl. Das Strahlenschutz-Komitee der UN schätzt, dass die Zunahme der Krebsfälle nicht messbar sein wird. Das liegt vor allem daran, dass kaum radioaktives Jod von Menschen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen worden ist. Der Tsunami hingegen tötete mehr als 18.000 Menschen. Bis heute wohnen Überlebende in provisorischen Wohnungscontainern.

Dann kam der 11. März 2011 , als ein Tsunami die Atomanlage von Fukushima beschädigte. Plötzlich wurde ein historischer Faden von Nagasaki bis Fukushima sichtbar. Die Bilder des zerstörten Nordens, sagt Yamakawa, hätten ihn an die Zerstörung seiner Stadt erinnert. "Wir hibakusha haben immer betont, dass Menschen und Atomkraft nicht friedlich zusammenleben können. Aber niemand wollte uns hören." Ein halbes Jahr nach dem Unfall in Fukushima, am Jahrestag der Atombombe, lud er Studenten aus der Umgebung von Fukushima nach Nagasaki ein. Gemeinsam besuchten sie die Gedenkstätte an dem Krater, den die Wucht der Bombe am 9. August 1945 gerissen hatte. Die Stadt hat darin einen Park angelegt. Yamakawa nannte die Studenten "die neuen hibakusha ".

Leserkommentare
  1. lernt erst, wenn er eine selbst eine (sehr) schlechte Erfahrung gemacht hat.

    Das sah man nach Fukushima und sieht man jetzt in Japan nur in ganz kleinen Formen, ansonsten geht es so weiter wie bisher.

    Nach Fukushima schrieb ich meinen ersten Leserblog über die Atomenergie/Atomkraft

    hier der erste Teil:
    http://community.zeit.de/...

    im 3. Teil ist ein eigenens Schlussfazit enthalten. Ich weiche von keinem dieser Sätze ab, nur noch einen Zusatz:
    Zu der Energiewende gehört auch ein Energieverzicht, d.h. dass z.B. kleine elektronische Geräte (Laptops,Fernseher, Toaster, etc. )keine Standby-Funktion haben, sondern nur noch entweder EIN oder AUS.

    Ich tendiere eher noch diese Aussagen für die einzigst wirksame "Heilung" gegen die weltweite Gutgläugikeit und Freude an "Atomstrom" nochmals zu unterschreiben.

    Warum ?
    weil z.B. mit dieser Doku noch weitere Fakten jetzt rauskommen, die davor unklar oder verschwiegen wurden.

    http://videos.arte.tv/de/...

    Bevor gekürzt wird oder sonstiges, bitte mal diese Doku zuerst anschauen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Crest
    • 09. März 2012 8:19 Uhr

    Ihre abschließende Bemerkung ist besonders interessant:

    Für mich ist die Atomenergie nicht rational.
    Fukushima.... explodier oder verstrahl die Gegend für alle Zeiten. Bitte.
    Danach wird ein kleiner Teil der Menschheit wirklich gegen die Atomkraft und Atomenergie sein.

    Mich erinnert dies an Prozesse einer Katharsis mit dem Ziel einer moralischen Erziehung. In ihr kommt eine religiöse Haltung zum Ausdruck, die sich gerne an der Gegnerschaft zur Kernenergie "katalysiert" und zur "Identitätsbildung" (SPON benutzte diesen Begriff in diesem Zusammenhang) führt.

    Wie (jede) andere Religion fordert sie Verhaltensänderung/Einschränkungen. Im Kern geht es um die Frage:

    "Wie wollen wir morgen leben?"

    Für mich habe ich die Frage beantwortet. Auch (und ganz besonders) auf moralischer Ebene.

    Aber ich fürchte meine Antwort wird so gar nicht auf Ihrer Linie liegen. (Vor allen Dingen läßt sie den Menschen so wie er ist.)

    Herzlichst Crest

    Ich kann zugegebenermaßen nur wenig Rationales in ihren Begründungen herauslesen. Empirische Fakten werden gar nicht erst herangezogen und plötzlich steht die Aussage von Informanten und einer handvoll Experten, die mitunter noch nicht einmal am direkten Geschehen beteiligt waren, der verschiedener angesehener Organisationen gegenüber.

    Sie wenden das LNT-Modell wie eine systematisch erschlossene Formel an obwohl bisher keine genügend aussagekräftigen empirischen Studien durchgeführt wurden, die das LNT-Modell bei Dosen <150-200mSv beweisen würden. Im Gegenteil: Vielfältige Feldversuche (unter anderem medizinische Studien in Ramsar, China und einigen Hochländern mit hoher Hintergrundstrahlung) widersprechen diesem sogar.
    Das LNT-Modell ist keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Gegebenheit. Es ist lediglich die aus bisheriger Unwissenheit entstandene, sinnvolle Extrapolation für die Abwägung von Sicherheitsstandards.

    Der so unglaublich gefährlichen Atomenergie mit - je nach Annahme der Folgetoden von Chernobyl - der mit Abstand niedrigsten Todesrate pro TWh bis zu vergleichbaren Todesraten mit Wind- und Solarenergie stehen jährlich zusammengenommen mehr als 1 Millionen Todesfälle durch Kohle und Öl (immer noch über 50% unseres Energieverbrauches) und weitflächige Landverwüstungen sowie hohe Todeszahlen durch Staudammausfälle (Banqiao) gegenüber.

    Ich bin klar für erneuerbare Energien, aber nicht zum Preis dieser Anti-Atom-Hetze.

    • Karl63
    • 08. März 2012 17:59 Uhr

    weil bedingt durch die Teilung in zwei Staaten, schon in den fünfziger Jahren eine massive Aufrüstung mit Kernwaffen auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze begann. Diese gegenseitige Bedrohung blieb bis zur Wiedervereinigung bestehen und speiste nicht zuletzt jene kritische Öffentlichkeit, die allem was mit Kernspaltung zu tun hat - zivil wie militärisch - sehr skeptisch gegenüber steht.
    In Japan ist es bis heute offizielle Politik, keine Stationierung von Kernwaffen auf eigenem Territorium. Mag sein, es war aus diesem Grund sehr viel einfacher, der eigenen Bevölkerung das Konzept der "friedlichen" Nutzung der Kernenergie zu verkaufen.
    Was jetzt, ein Jahr nach der Kernschmelze an Informationen durchdringt ist immer noch äußerst beunruhigend. Kompetente Experten warnen davor, ein weiteres Erbeben kann den Einsturz der Reaktorruinen nach sich ziehen, inklusive unkontrollierter Freisetzung des radioaktiven Inventars.
    Eigentlich gilt Japan bei uns als Synonym für hoch entwickeltes Hightech. Umso mehr erstaunt, welche Konstruktionsfehler der Anlage in Fukushima zutage getreten sind.
    Die entscheidende Frage ist dabei, ob Japan in der Lage ist, die Macht der Kernenergielobby im eigenen Land entscheidend zu beschneiden. Sonst wird sich derartiges früher oder später wiederholen.

  2. "Gleichzeitig unterstützte die US-Regierung einen Kollegen von Nakasone, den Medienmogul Matsutaro Shoriki, bei seiner Kampagne für die Kernkraft."

    Matsutaro Shoriki war ein "Class A" Kriegsverbrecher, verantwortlich für die ethnische Säuberung in besetzten Korea. Die CIA hat ihn befördert, ähnlich wie die deutschen Kriegsverbrecher nach dem Krieg, solange diese "nützlich" waren.

    Quelle: http://en.wikipedia.org/w...

    Die USA hat sich für die Atomkraft u.a. deshalb so stark gemacht, weil sie:
    a) "positive" Propaganda/ Rechfertigung für die enormen Aufwand des Nuklear-Waffenprograms nach dem Bomben-Einsatz brauchten...
    b) Plutonium für neue Atom-Waffen brauchten.

    Quelle:
    http://thebulletin.org/we...

  3. japanischen. Japan trauert um die zehntausende Opfer des Erdbebens und der Flutkatastrophe, Deutschland nicht.

    • Crest
    • 09. März 2012 8:19 Uhr

    Ihre abschließende Bemerkung ist besonders interessant:

    Für mich ist die Atomenergie nicht rational.
    Fukushima.... explodier oder verstrahl die Gegend für alle Zeiten. Bitte.
    Danach wird ein kleiner Teil der Menschheit wirklich gegen die Atomkraft und Atomenergie sein.

    Mich erinnert dies an Prozesse einer Katharsis mit dem Ziel einer moralischen Erziehung. In ihr kommt eine religiöse Haltung zum Ausdruck, die sich gerne an der Gegnerschaft zur Kernenergie "katalysiert" und zur "Identitätsbildung" (SPON benutzte diesen Begriff in diesem Zusammenhang) führt.

    Wie (jede) andere Religion fordert sie Verhaltensänderung/Einschränkungen. Im Kern geht es um die Frage:

    "Wie wollen wir morgen leben?"

    Für mich habe ich die Frage beantwortet. Auch (und ganz besonders) auf moralischer Ebene.

    Aber ich fürchte meine Antwort wird so gar nicht auf Ihrer Linie liegen. (Vor allen Dingen läßt sie den Menschen so wie er ist.)

    Herzlichst Crest

    Antwort auf "der Mensch"
    • Atan
    • 09. März 2012 9:15 Uhr

    Atomunfall in einen weiteren Zusammenhang der japanischen Nachkriegserfahrungen setzt. Zwar ist natürlich die Betroffenheit und der persönliche Verlust durch den Tsunami oft größer als die folgende Atomkatastrophe, die gesellschaftliche und ökonomische Erschütterung durch letztere sehr viel umfassender: hier bricht ein wesentliches Element des japanischen Nachkriegskonsenses auseinander, weshalb der Vertrauensverlust in das nationale Establishment enorm ist.
    Die Motive für die fatale Festlegung auf Atomenergie waren dabei ursprünglich gut vermittelbar: ein energetisches Autonomieversprechen, dass der Bevölkerung langfristige Versorgungssicherheit bei gleichzeitig hohen Profiten für ein Oligopol großer Energieversorger in Aussicht stellte. Leider haben sich die Fundamente dieses Kompromisses als so wackelig wie die geologischen Gegebenheiten des Landes herausgestellt. Die Sicherheit war eine teure Illusion, die Profite wurden einseitig über die Interessen der Bevölkerung gestellt.
    Japan war immer ein Land mit enormer Anpassungsfähigkeit in Zeiten der Krise, aber dazu müsste es diesmal wiederum eine ganze Kaste von egoistischen Status-quo-Verteidigern entsorgen: wenn man tatsächlich "sichere" Atomanlagen wollte, wären weitere gigantische Investitionen erforderlich, zudem wird der Brennstoffkreislauf noch lange nicht beherrscht. Im Prinzip sind diese Kosten unbezahlbar, denn mit dem jetzt bekannten Risiko steigt auch der Preis, Konsens herzustellen, ins unermessliche.

    • Crest
    • 09. März 2012 9:57 Uhr

    Folgende Passage fand ich interessant:

    "Bis heute glauben viele Japaner, dass sie den Krieg verloren haben, weil der Feind durch seine Kernwaffen technisch überlegen war."

    Dies würde diejenigen auf amerikanischer Seite legitimieren, die, um das Leben der eigenen Soldaten zu schonen, für den Einsatz der Atombombe votierten. Denn diese Einstellung der Japaner läßt sich zwanglos so interpretieren, dass die Kämpfe bis zur endgültigen Niederringung Japans inkl. der Invasion der Hauptinseln noch lange hätten dauern können - mit weiteren Millionen von Toten.

    Bezeichnend auch die Passage:

    Viele Mädchen in Yamakawas Klasse haben Großeltern, die hibakusha sind, aber nur wenige haben mit ihnen über die Vergangenheit gesprochen. »Wir schweigen lieber über unangenehme Dinge«, sagt eine 18-jährige Schülerin.

    Ich hatte mich immer gefragt, was um alles in der Welt diese sog. "hibakusha" denn nur verbrochen haben, dass man sie in Japan diskriminiert. Natürlich haben sie nichts verbrochen, sie sind einfach nur der "Träger", der Überbringer einer schlechten Nachricht (die man ja auch in unseren Kulturkreisen als erste köpft).

    Herzlichst Crest

  4. Ich kann zugegebenermaßen nur wenig Rationales in ihren Begründungen herauslesen. Empirische Fakten werden gar nicht erst herangezogen und plötzlich steht die Aussage von Informanten und einer handvoll Experten, die mitunter noch nicht einmal am direkten Geschehen beteiligt waren, der verschiedener angesehener Organisationen gegenüber.

    Sie wenden das LNT-Modell wie eine systematisch erschlossene Formel an obwohl bisher keine genügend aussagekräftigen empirischen Studien durchgeführt wurden, die das LNT-Modell bei Dosen <150-200mSv beweisen würden. Im Gegenteil: Vielfältige Feldversuche (unter anderem medizinische Studien in Ramsar, China und einigen Hochländern mit hoher Hintergrundstrahlung) widersprechen diesem sogar.
    Das LNT-Modell ist keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Gegebenheit. Es ist lediglich die aus bisheriger Unwissenheit entstandene, sinnvolle Extrapolation für die Abwägung von Sicherheitsstandards.

    Der so unglaublich gefährlichen Atomenergie mit - je nach Annahme der Folgetoden von Chernobyl - der mit Abstand niedrigsten Todesrate pro TWh bis zu vergleichbaren Todesraten mit Wind- und Solarenergie stehen jährlich zusammengenommen mehr als 1 Millionen Todesfälle durch Kohle und Öl (immer noch über 50% unseres Energieverbrauches) und weitflächige Landverwüstungen sowie hohe Todeszahlen durch Staudammausfälle (Banqiao) gegenüber.

    Ich bin klar für erneuerbare Energien, aber nicht zum Preis dieser Anti-Atom-Hetze.

    Antwort auf "der Mensch"
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    Um noch etwas anzufügen, das in der Zeit leider Gottes wenig Platz findet und ich gerade neulich in der nature lesen durfte:

    It is already evident that rapid evacuation and careful screening protected Fukushima's citizens from harm, says Wolfgang Weiss, a physicist at Germany's Federal Office for Radiation Protection in Munich and chair of UNSCEAR. Early and informal analyses by his colleagues suggest that no members of the public received a dangerous dose of radiation.

    That finding is supported by a sweeping public-health study begun last summer at Fukushima Medical University. With a ¥78.2-billion (US$958-million) budget, the survey is designed to monitor the health of some 2 million people from the region for 30 years. According to the latest estimates, released on 20 February, 99.3% of 9,747 people living in towns or villages close to the plant received less than 10 millisieverts (mSv) in accumulated effective dose in the first four months after the accident. The highest recorded dose was 23 mSv, well below the acute 100-mSv exposure levels linked to a slight increase in cancer risk.

    http://www.nature.com/new...

    • Atan
    • 09. März 2012 12:44 Uhr

    trotzdem anfügen, dass es von eigentlichen allen Organisation, die international für den Strahlenschutz relevant sind, das LNT-Modell als maßgebend verwendet wird.
    Es ist damit zwar kein wissenschaftlich unumstößlicher Fakt, aber es steht momentan kein besseres Modell zum Ausschluss von Langzeit-Schäden zur Verfügung.
    Wenn Sie das also für überholt halten, sollten Sie v.a. u.a. ICRP, NCRP, EPA und UNSCEAR überzeugen, die Meinung der ZO-Foristen ist ziemlich irrelevant.

    (Das Problem, dass jemand die gesamte scientif community für auf dem Holzweg wandelnd hält, haben wir ja bei verschiedenen Themen. Ich sehe aber keinen Weg, eine sinnvolle kritische Diskussion unter Laien zu führen, wenn man grundsätzlich erstmal alle etablierten Standards in Frage stellt. Meist endet dann jede Diskussion in purer Polemik, weil man sich sowieso über nichts einigen will, sondern bloss Meinungen propagiert.)

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