Der Gong ertönt, die 14 Schülerinnen erheben sich vor Takeshi Yamakawa. Er hält ein Buch in die Luft, es ist die japanische Verfassung. "Habt ihr das gelesen?", fragt er die Klasse einer Mädchenschule in Nagasaki . Eine Schülerin schüttelt den Kopf. Yamakawa, 75, groß und grauhaarig, schlägt das Buch auf. "Wer von euch kennt den neunten Artikel?" Eine andere Schülerin meldet sich: "Artikel neun: Wir geben den Krieg für immer auf." Yamakawa nickt. Für ihn ist Artikel neun zum Lebensinhalt geworden. Er war acht Jahre alt, als die amerikanische Luftwaffe am 9. August 1945 eine Atombombe über der Stadt abwarf.

Yamakawa ist ein hibakusha , einer der 219.000 Überlebenden der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki . Bis heute glauben viele Japaner, dass sie den Krieg verloren haben, weil der Feind durch seine Kernwaffen technisch überlegen war. Weil die hibakusha mit ihren Verstümmelungen und Verstrahlungen das Trauma von Niederlage und Zerstörung verkörperten, wurden sie in den Nachkriegsjahren stigmatisiert und zum Schweigen verurteilt: Japan sollte nach vorn schauen, ein modernes, westliches Land werden. Die verheerenden Bomben markierten den Beginn einer Obsession des Landes mit dem Atom – und damit den Beginn einer gewaltigen historischen und politischen Verdrängung. Sie fängt in Hiroshima und Nagasaki an und führt über den Pazifik bis nach Fukushima .

Megabeben, Tsunami und atomarer GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Klicken Sie auf das Bild, um zur Themenseite zu gelangen. © Paula Bronstein/Getty Images

"Wir geben den Krieg für immer auf." Takeshi Yamakawa schreibt den Satz an die Tafel. Er hat sein ganzes Leben darum gekämpft, nicht nur in Nagasaki, sondern im ganzen Land Gehör zu finden. Das amerikanische Militär verbot während der siebenjährigen Besetzung Japans jegliche Berichterstattung über die Zerstörung in Hiroshima und Nagasaki. Fotos und Filme wurden konfisziert und weggeschlossen, manche waren noch vier Jahrzehnte nach Ende der Okkupation unter Geheimhaltung. Japanische Premierminister blieben den Gedenkveranstaltungen bis in die sechziger Jahre fern. Bis heute vermeiden viele Japaner das Thema in ihren Familien. Viele Mädchen in Yamakawas Klasse haben Großeltern, die hibakusha sind, aber nur wenige haben mit ihnen über die Vergangenheit gesprochen. "Wir schweigen lieber über unangenehme Dinge", sagt eine 18-jährige Schülerin.

Dann kam der 11. März 2011 , als ein Tsunami die Atomanlage von Fukushima beschädigte. Plötzlich wurde ein historischer Faden von Nagasaki bis Fukushima sichtbar. Die Bilder des zerstörten Nordens, sagt Yamakawa, hätten ihn an die Zerstörung seiner Stadt erinnert. "Wir hibakusha haben immer betont, dass Menschen und Atomkraft nicht friedlich zusammenleben können. Aber niemand wollte uns hören." Ein halbes Jahr nach dem Unfall in Fukushima, am Jahrestag der Atombombe, lud er Studenten aus der Umgebung von Fukushima nach Nagasaki ein. Gemeinsam besuchten sie die Gedenkstätte an dem Krater, den die Wucht der Bombe am 9. August 1945 gerissen hatte. Die Stadt hat darin einen Park angelegt. Yamakawa nannte die Studenten "die neuen hibakusha ".