Nuklearkatastrophen : Gutes Atom, böses Atom

Nach Fukushima fordern die Opfer anderer Nuklearkatastrophen in Japan Gehör. Eine Reise zu drei Überlebenden
Journalisten und Tepco-Mitarbeiter fahren im November 2011 im Bus an die Reaktorruinen des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi heran. © David Guttenfelder/AFP/Getty Images

Der Gong ertönt, die 14 Schülerinnen erheben sich vor Takeshi Yamakawa. Er hält ein Buch in die Luft, es ist die japanische Verfassung. "Habt ihr das gelesen?", fragt er die Klasse einer Mädchenschule in Nagasaki . Eine Schülerin schüttelt den Kopf. Yamakawa, 75, groß und grauhaarig, schlägt das Buch auf. "Wer von euch kennt den neunten Artikel?" Eine andere Schülerin meldet sich: "Artikel neun: Wir geben den Krieg für immer auf." Yamakawa nickt. Für ihn ist Artikel neun zum Lebensinhalt geworden. Er war acht Jahre alt, als die amerikanische Luftwaffe am 9. August 1945 eine Atombombe über der Stadt abwarf.

Yamakawa ist ein hibakusha , einer der 219.000 Überlebenden der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki . Bis heute glauben viele Japaner, dass sie den Krieg verloren haben, weil der Feind durch seine Kernwaffen technisch überlegen war. Weil die hibakusha mit ihren Verstümmelungen und Verstrahlungen das Trauma von Niederlage und Zerstörung verkörperten, wurden sie in den Nachkriegsjahren stigmatisiert und zum Schweigen verurteilt: Japan sollte nach vorn schauen, ein modernes, westliches Land werden. Die verheerenden Bomben markierten den Beginn einer Obsession des Landes mit dem Atom – und damit den Beginn einer gewaltigen historischen und politischen Verdrängung. Sie fängt in Hiroshima und Nagasaki an und führt über den Pazifik bis nach Fukushima .

Megabeben, Tsunami und atomarer GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Klicken Sie auf das Bild, um zur Themenseite zu gelangen. © Paula Bronstein/Getty Images

"Wir geben den Krieg für immer auf." Takeshi Yamakawa schreibt den Satz an die Tafel. Er hat sein ganzes Leben darum gekämpft, nicht nur in Nagasaki, sondern im ganzen Land Gehör zu finden. Das amerikanische Militär verbot während der siebenjährigen Besetzung Japans jegliche Berichterstattung über die Zerstörung in Hiroshima und Nagasaki. Fotos und Filme wurden konfisziert und weggeschlossen, manche waren noch vier Jahrzehnte nach Ende der Okkupation unter Geheimhaltung. Japanische Premierminister blieben den Gedenkveranstaltungen bis in die sechziger Jahre fern. Bis heute vermeiden viele Japaner das Thema in ihren Familien. Viele Mädchen in Yamakawas Klasse haben Großeltern, die hibakusha sind, aber nur wenige haben mit ihnen über die Vergangenheit gesprochen. "Wir schweigen lieber über unangenehme Dinge", sagt eine 18-jährige Schülerin.

Dann kam der 11. März 2011 , als ein Tsunami die Atomanlage von Fukushima beschädigte. Plötzlich wurde ein historischer Faden von Nagasaki bis Fukushima sichtbar. Die Bilder des zerstörten Nordens, sagt Yamakawa, hätten ihn an die Zerstörung seiner Stadt erinnert. "Wir hibakusha haben immer betont, dass Menschen und Atomkraft nicht friedlich zusammenleben können. Aber niemand wollte uns hören." Ein halbes Jahr nach dem Unfall in Fukushima, am Jahrestag der Atombombe, lud er Studenten aus der Umgebung von Fukushima nach Nagasaki ein. Gemeinsam besuchten sie die Gedenkstätte an dem Krater, den die Wucht der Bombe am 9. August 1945 gerissen hatte. Die Stadt hat darin einen Park angelegt. Yamakawa nannte die Studenten "die neuen hibakusha ".

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11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

der Mensch

lernt erst, wenn er eine selbst eine (sehr) schlechte Erfahrung gemacht hat.

Das sah man nach Fukushima und sieht man jetzt in Japan nur in ganz kleinen Formen, ansonsten geht es so weiter wie bisher.

Nach Fukushima schrieb ich meinen ersten Leserblog über die Atomenergie/Atomkraft

hier der erste Teil:
http://community.zeit.de/...

im 3. Teil ist ein eigenens Schlussfazit enthalten. Ich weiche von keinem dieser Sätze ab, nur noch einen Zusatz:
Zu der Energiewende gehört auch ein Energieverzicht, d.h. dass z.B. kleine elektronische Geräte (Laptops,Fernseher, Toaster, etc. )keine Standby-Funktion haben, sondern nur noch entweder EIN oder AUS.

Ich tendiere eher noch diese Aussagen für die einzigst wirksame "Heilung" gegen die weltweite Gutgläugikeit und Freude an "Atomstrom" nochmals zu unterschreiben.

Warum ?
weil z.B. mit dieser Doku noch weitere Fakten jetzt rauskommen, die davor unklar oder verschwiegen wurden.

http://videos.arte.tv/de/...

Bevor gekürzt wird oder sonstiges, bitte mal diese Doku zuerst anschauen...

Guten Morgen und vielen Dank für den Link auf Ihren Blog Beitrag

Ihre abschließende Bemerkung ist besonders interessant:

Für mich ist die Atomenergie nicht rational.
Fukushima.... explodier oder verstrahl die Gegend für alle Zeiten. Bitte.
Danach wird ein kleiner Teil der Menschheit wirklich gegen die Atomkraft und Atomenergie sein.

Mich erinnert dies an Prozesse einer Katharsis mit dem Ziel einer moralischen Erziehung. In ihr kommt eine religiöse Haltung zum Ausdruck, die sich gerne an der Gegnerschaft zur Kernenergie "katalysiert" und zur "Identitätsbildung" (SPON benutzte diesen Begriff in diesem Zusammenhang) führt.

Wie (jede) andere Religion fordert sie Verhaltensänderung/Einschränkungen. Im Kern geht es um die Frage:

"Wie wollen wir morgen leben?"

Für mich habe ich die Frage beantwortet. Auch (und ganz besonders) auf moralischer Ebene.

Aber ich fürchte meine Antwort wird so gar nicht auf Ihrer Linie liegen. (Vor allen Dingen läßt sie den Menschen so wie er ist.)

Herzlichst Crest

Rationalität

Ich kann zugegebenermaßen nur wenig Rationales in ihren Begründungen herauslesen. Empirische Fakten werden gar nicht erst herangezogen und plötzlich steht die Aussage von Informanten und einer handvoll Experten, die mitunter noch nicht einmal am direkten Geschehen beteiligt waren, der verschiedener angesehener Organisationen gegenüber.

Sie wenden das LNT-Modell wie eine systematisch erschlossene Formel an obwohl bisher keine genügend aussagekräftigen empirischen Studien durchgeführt wurden, die das LNT-Modell bei Dosen <150-200mSv beweisen würden. Im Gegenteil: Vielfältige Feldversuche (unter anderem medizinische Studien in Ramsar, China und einigen Hochländern mit hoher Hintergrundstrahlung) widersprechen diesem sogar.
Das LNT-Modell ist keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Gegebenheit. Es ist lediglich die aus bisheriger Unwissenheit entstandene, sinnvolle Extrapolation für die Abwägung von Sicherheitsstandards.

Der so unglaublich gefährlichen Atomenergie mit - je nach Annahme der Folgetoden von Chernobyl - der mit Abstand niedrigsten Todesrate pro TWh bis zu vergleichbaren Todesraten mit Wind- und Solarenergie stehen jährlich zusammengenommen mehr als 1 Millionen Todesfälle durch Kohle und Öl (immer noch über 50% unseres Energieverbrauches) und weitflächige Landverwüstungen sowie hohe Todeszahlen durch Staudammausfälle (Banqiao) gegenüber.

Ich bin klar für erneuerbare Energien, aber nicht zum Preis dieser Anti-Atom-Hetze.

Anhang

Um noch etwas anzufügen, das in der Zeit leider Gottes wenig Platz findet und ich gerade neulich in der nature lesen durfte:

It is already evident that rapid evacuation and careful screening protected Fukushima's citizens from harm, says Wolfgang Weiss, a physicist at Germany's Federal Office for Radiation Protection in Munich and chair of UNSCEAR. Early and informal analyses by his colleagues suggest that no members of the public received a dangerous dose of radiation.

That finding is supported by a sweeping public-health study begun last summer at Fukushima Medical University. With a ¥78.2-billion (US$958-million) budget, the survey is designed to monitor the health of some 2 million people from the region for 30 years. According to the latest estimates, released on 20 February, 99.3% of 9,747 people living in towns or villages close to the plant received less than 10 millisieverts (mSv) in accumulated effective dose in the first four months after the accident. The highest recorded dose was 23 mSv, well below the acute 100-mSv exposure levels linked to a slight increase in cancer risk.

http://www.nature.com/new...

Wenn Sie das LNT-Modell kritisieren, sollten Sie aber

trotzdem anfügen, dass es von eigentlichen allen Organisation, die international für den Strahlenschutz relevant sind, das LNT-Modell als maßgebend verwendet wird.
Es ist damit zwar kein wissenschaftlich unumstößlicher Fakt, aber es steht momentan kein besseres Modell zum Ausschluss von Langzeit-Schäden zur Verfügung.
Wenn Sie das also für überholt halten, sollten Sie v.a. u.a. ICRP, NCRP, EPA und UNSCEAR überzeugen, die Meinung der ZO-Foristen ist ziemlich irrelevant.

(Das Problem, dass jemand die gesamte scientif community für auf dem Holzweg wandelnd hält, haben wir ja bei verschiedenen Themen. Ich sehe aber keinen Weg, eine sinnvolle kritische Diskussion unter Laien zu führen, wenn man grundsätzlich erstmal alle etablierten Standards in Frage stellt. Meist endet dann jede Diskussion in purer Polemik, weil man sich sowieso über nichts einigen will, sondern bloss Meinungen propagiert.)

Da stimme ich ihnen zu

Hier möchte ich mich auf "Es ist lediglich die aus bisheriger Unwissenheit entstandene, sinnvolle Extrapolation für die Abwägung von Sicherheitsstandards." beziehen, was in meinen Augen den Inhalt ihrer etwas länger gefassten Antwort 1 zu 1 wiedergibt.

Das LNT-Modell für Horrorszenarien wie Krebs oder anatomische Anomalien zu verwenden hilft meiner Ansicht nach der Diskussion nicht im Mindesten. Es ist sinnvoll für Risiko- und Maßnahmenabschätzungen und sollte in diesen beiden Punkten auch weiterhin als Referenz verwendet werden, bis wir eine fundierte Alternative in greifbarer Reichweite haben.

Hier in Deutschland war es anders,

weil bedingt durch die Teilung in zwei Staaten, schon in den fünfziger Jahren eine massive Aufrüstung mit Kernwaffen auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze begann. Diese gegenseitige Bedrohung blieb bis zur Wiedervereinigung bestehen und speiste nicht zuletzt jene kritische Öffentlichkeit, die allem was mit Kernspaltung zu tun hat - zivil wie militärisch - sehr skeptisch gegenüber steht.
In Japan ist es bis heute offizielle Politik, keine Stationierung von Kernwaffen auf eigenem Territorium. Mag sein, es war aus diesem Grund sehr viel einfacher, der eigenen Bevölkerung das Konzept der "friedlichen" Nutzung der Kernenergie zu verkaufen.
Was jetzt, ein Jahr nach der Kernschmelze an Informationen durchdringt ist immer noch äußerst beunruhigend. Kompetente Experten warnen davor, ein weiteres Erbeben kann den Einsturz der Reaktorruinen nach sich ziehen, inklusive unkontrollierter Freisetzung des radioaktiven Inventars.
Eigentlich gilt Japan bei uns als Synonym für hoch entwickeltes Hightech. Umso mehr erstaunt, welche Konstruktionsfehler der Anlage in Fukushima zutage getreten sind.
Die entscheidende Frage ist dabei, ob Japan in der Lage ist, die Macht der Kernenergielobby im eigenen Land entscheidend zu beschneiden. Sonst wird sich derartiges früher oder später wiederholen.

Kollege Kreigsverbrecher

"Gleichzeitig unterstützte die US-Regierung einen Kollegen von Nakasone, den Medienmogul Matsutaro Shoriki, bei seiner Kampagne für die Kernkraft."

Matsutaro Shoriki war ein "Class A" Kriegsverbrecher, verantwortlich für die ethnische Säuberung in besetzten Korea. Die CIA hat ihn befördert, ähnlich wie die deutschen Kriegsverbrecher nach dem Krieg, solange diese "nützlich" waren.

Quelle: http://en.wikipedia.org/w...

Die USA hat sich für die Atomkraft u.a. deshalb so stark gemacht, weil sie:
a) "positive" Propaganda/ Rechfertigung für die enormen Aufwand des Nuklear-Waffenprograms nach dem Bomben-Einsatz brauchten...
b) Plutonium für neue Atom-Waffen brauchten.

Quelle:
http://thebulletin.org/we...