Popsänger99 Fragen an Harry Belafonte

Gerade ist er 85 geworden, dieser Tage erscheint seine Biografie. Im Interview mit Moritz von Uslar blickt der Sänger und Schauspieler zurück auf das 20. Jahrhundert. von Moritz von Uslar

14. Stock im Martin Luther King Jr. Labor Center, am westlichen Ende der 43. Straße in Midtown Manhattan, New York. Sein Büro hat etwa zehn Quadratmeter. Die Trophäen eines fast unwirklich reichen und aufregenden Lebens des 20. Jahrhunderts hängen an den Wänden: Goldene Schallplatten, Filmplakate, Schwarz-Weiß-Fotografien, die ihn mit Martin Luther King zeigen, mit Duke Ellington und Muhammad Ali, mit John F. Kennedy, Bill Clinton und der Königin von England. Hinter seinem Schreibtisch steht ein Stuhl mit hoher Rückenlehne, Stangen aus Messing, Sitzfläche aus Leder: ein Thron. Dieser König, Harry Belafonte mit Namen, hat einmal – so kann man es wirklich sagen – die Popmusik erfunden: 1956, im Geburtsjahr des Pop, zog sein zweites Album »Belafonte« an Elvis Presley vorbei und wurde das erste Album der Popgeschichte, das sich mehr als eine Million Mal verkaufte. Belafonte wurde einer der prominenten Vertreter der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: Noch heute liest er Barack Obama öffentlich die Leviten. In diesen Tagen erscheint Belafontes Biografie »My Song«. Es ist ein wenig so, als führte man ein Interview mit dem Empire State Building, der amerikanischen Verfassung oder mit Präsident John F. Kennedy. Wo, um Himmels willen, anfangen? Harry Belafontes große Gestalt betritt das Büro. Er sieht aus wie ein Basketballer: breite Schultern. Er ist wie ein englischer Landadliger gekleidet: schlammgrüne Cordhose, Flanellhemd über Kaschmirpullover. Belafonte bezieht seinen Thron, faltet die Hände, lächelt. Sein berühmter Kopf: die polierte Glatze, die ebenen Züge. So sieht ein strahlend schöner Mann aus. Harry Belafonte ins Gesicht guckend, begreift man, dass man immer Harry Belafonte im Kopf hatte, wenn man sich einen klugen und schönen Schwarzen vorstellte. Der Interviewer war gewarnt, dass Mr. Belafonte gerne lange Sätze bildet und ungern unterbrochen wird. Wir werden ihn selbstverständlich ausreden lassen. Wir fangen dieses Interview nicht mit dem üblichen Klein-Klein an, sondern mit acht Fanfaren, acht Böllerschüssen: Ikonen der amerikanischen Populärkultur, mit denen Harry Belafonte abhing.

1. Ihre Erinnerung an Elvis Presley?

Harry Belafonte

85, in den fünfziger Jahren als Folksänger, Schauspieler und Aktivist der Bürgerrechtsbewegung bekannt geworden, ist einer der großen Entertainer unserer Zeit. Seine Biografie My Song stellt Belafonte demnächst in Deutschland vor (28. März Köln, 30. März Hamburg, 1. April Berlin), der Dokumentarfilm Sing Your Song kommt im April ins Kino.

Folgen Sie mir in das Jahr 1956: Die Plattenfirma RCA hatte in Manhattan ihre neuen Studios bezogen, es waren die modernsten Aufnahmestudios der Welt. Wir nahmen mein zweites Album Belafonte auf, ein nicht ganz unwichtiges Album: Es stand später monatelang an der Spitze der Charts. Wir kamen gut voran, aber die Techniker meldeten ein Problem: Ein Hintergrundgeräusch drang in den angeblich schalldichten Raum. Es waren Elvis und seine Band, die im Studio nebenan ihr erstes Album aufnahmen: Sie spielten einfach zu laut. Ich sprach mit dem Studioleiter, der überbrachte meine Beschwerde an Elvis’ Manager, Colonel Tom Parker. Der antwortete umgehend mit einer Karte und einer Schachtel Pralinen: »Sie können entweder mein neuer Klient werden. Oder ich werde Sie vernichten. Herzlich, Ihr Freund, Colonel Parker.« Wir haben das Problem dann so gelöst, dass Elvis ein neues Studio bezog. Ich habe Elvis damals nicht als Rock ’n’ Roller gesehen. Er war ein unsicherer junger Mann, der nach seinem Ausdruck suchte.

Er flüstert! Seine Stimme ist ein dunkles, raues, gebrochenes Wispern. Es spricht: die Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts. Sein Gesicht choreografiert die gesprochenen Worte mit. Eine fast unheimliche Kraft springt aus den Zügen um den Mund, die Nase, die Augenbrauen. Nur sein rechtes Auge spielt nicht mit. Es wirkt wie tot. Was ist mit seinem rechten Auge? Hallo, Mr. Belafonte, können Sie nicht ein bisschen lauter sprechen? Nein, man hört dem König Belafonte auch deshalb gleich gebannt und konzentriert zu, weil er nicht ganz einfach zu verstehen ist.

2. In drei Worten, was erinnern Sie von Ihrem Freund Martin Luther King Jr.?

Seine Gelassenheit. Seine Bescheidenheit. Seine spirituelle Kraft.

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3. Ihre Erinnerung an Ihre Freundin, die legendäre Ms. Eleanor Roosevelt?

Eine große Dame. Die geborene Anführerin. Die Art, wie sie nach ihren Aufgaben als First Lady einen natürlichen Führungsanspruch lebte – als große Gastgeberin, Diplomatin und Aktivistin für Frauenrechte –, war unwiderstehlich. Als ich sie im Jahr 1947 kennenlernte, saß sie an der Ausformulierung der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte.

4. Wie erinnern Sie sich an Marilyn Monroes letzten öffentlichen Auftritt im Madison Square Garden, als sie John F. Kennedy mit »Happy Birthday, Mr. President« ein Geburtstagsständchen brachte?

Wenn Sie nach signifikanten Details suchen, die ein Verhältnis zwischen John und Marilyn belegen, dann muss ich Sie enttäuschen. Es war der verrückteste Karneval, auf dem ich jemals war: unendliche Feierlichkeiten. Ihr Auftritt hatte eine unwirkliche Dimension – da sang die aufregendste Frau der Welt, aber aller Augen lagen auf dem Präsidenten, um zu sehen, wie er reagierte. Es war ein verführerischer Auftritt. Ich glaube nicht, dass Marilyn zeigen wollte, dass sie den Präsidenten vor den Augen der Welt verführen konnte. Sie war einfach die Marilyn , die sie immer war.

5. Ihre Erinnerung an die Motorradspritztouren mit Marlon Brando?

Er saß gerne bei mir hintendrauf. Wir fuhren den West Side Highway hoch, von Greenwich Village bis rauf zur 135. Straße, 1951 war das eine nicht besonders befahrene Straße. Wir fuhren auch Rennen gegeneinander.

6. Ihre Erinnerung an Frank Sinatra? War er ein schlechter oder guter Mensch?

Mir wäre nie eingefallen, in diesen Kategorien – gut und böse – über ihn zu denken. Frank hatte eine unstete Persönlichkeit. Er mochte sein Image als unberechenbare, als gefährliche Person. Was Frank am besten beschreibt: Er war eine ungeheure Kraft, die nie ganz zur Ruhe kam. Er gab sich gerne mit Mafia-Mitgliedern und Gangstern ab, ganz einfach deshalb, weil er in Gesellschaft dieser Leute groß geworden war. Als sein Stern immer höher stieg, musste er für die Mafia arbeiten – wie wir das alle mussten: Du konntest nicht in Las Vegas, nicht in irgendeinem der großen Nachtclubs in Amerika auftreten und nicht mit der Mafia zusammenarbeiten. Was Frank und mich auseinanderbrachte, war sein Übertritt von den Demokraten und dem liberalen Kennedy-Lager zu den Republikanern.

7. Wie geht es Ihrem alten Freund Sidney Poitier?

Wir sprechen ab und an am Telefon. Ich denke, es geht ihm gut.

8. Konnten Sie Ihrem Kollegen Michael Jackson nachsehen, dass er offenbar lieber wie ein weißer Mann aussehen wollte?

Was hätte ich ihm vergeben sollen? Woher sollte ich das Recht dazu nehmen? Wenn man sich Michaels Kindheit anguckt, den Schmerz, die Pein, die er ertragen musste, dann ist es mir unerklärlich, wie er so viel erreichen konnte. Sigmund Freud wurde für Michael Jackson erfunden. Ich sehe die Kämpfe, die dieser große Künstler mit sich, der Komplexität des Lebens und dem Universum ausfocht, und ich denke: Es war ein trauriges Leben. Michael hat wesentlich mehr Anstrengung und Folter erfahren als Glück.

Der Interviewer erklärt Mr. Belafonte , dass wir mit den nächsten zehn, zwanzig Fragen nun einmal ganz weit von ihm wegrücken und ihn wie einen vollkommen unbekannten Mann über einige Basisdaten seiner Existenz befragen wollen: damit wir ihn neu begreifen. Mr. Belafonte lächelt. Nur sein rechtes Auge macht nicht mit. Vielleicht heißt das, dass er einverstanden ist.

9. Wie groß sind Sie in Zentimetern?

Ich kenne nicht die Übersetzung in Zentimetern. Ich bin sechs Fuß und eineinhalb Zoll hoch.

10. Trinken Sie?

Ja.

11. Sind Sie verheiratet?

Sogar sehr.

12. Sind Sie ein reicher Mann?

Nein.

13. Sind Sie ein singender Schauspieler oder ein schauspielender Sänger?

Ich bin ein Schauspieler, der singt.

14. Waren Sie erst politischer Aktivist oder erst Sänger?

Ich wurde zum Aktivisten, als ich die Welt zum ersten Mal mit wachen Augen ansah, also etwa mit fünf.

15. Sind Sie ein Revolutionär?

Ja.

16. Waren Sie jemals ein Hipster?

Sich selber als Hipster zu bezeichnen ist nicht möglich. Es ist, so denke ich, praktisch unmöglich, zum selben Zeitpunkt Hipster und ein sehr erfolgreicher Sänger zu sein. Gehen wir zurück zu den Jazzclubs, dem Royal Roost und anderen Clubs im Village, in denen ich um 1949 auftrat: Es war eine sehr hippe Szenerie.

17. Wie war es als erster Mensch auf dem Mond?

Ich war nicht der erste Mensch auf dem Mond. Aber ich möchte der nächste sein.

Leserkommentare
  1. Respekt vor dem Interviewer, der sich enorm viel Arbeit gemacht hat mit dem raffinierten Wolkenkratzer seiner 99 Fragen und noch viel mehr Respekt vor dem Interviewten, der mit einer Leichtigkeit antwortet und pariert, als spiele er Pingpong.

    Großes Kino! Interviews können also auch spannend sein.

    • ManRai
    • 11. März 2012 10:59 Uhr

    Nach all dem dummen Gerede in anderen Interviews, Harry Belafonte sthet ueber allem. Ich bekam als Kind ein Schallplatte mit dem Bananasong und der etwas verulkten Version von meinem Cousin geschenkt, ich vermisse sie. Ich kann irgendwie Harry nicht zur Popmusik zaehlen, fuer mich ist sein Herz im Jazz. Danke fuer dieses grossartige Interview und fuer Harry alles Gute, die besten Wuensche

  2. "...wurde das erste Album der Popgeschichte, das sich mehr als eine Million Mal verkaufte."
    Hm. Hab' ich das in den letzten 30, 40 Jahren nicht schon öfter mal gelesen, und jedesmal war's ein anderes Album?

  3. Er ist ein ganz großer, nicht nur der Kunst und Kultur. Einer der wirklich etwas zu sagen hat.
    85 bewegte Jahre schufen eine unerschöpfliche Quelle der Gefühle, Erfahrungen und Weisheit.
    Schade, das dieses Interview und die Botschaften unter der Sparte Kultur, wohl nur wenige aus dieser Quelle wird schöpfen lassen.

    ...and for Mr. Belafonte:
    It might be a bit late, but happy birthday Harry. My best wishes for you and all your enterprises, carry on.
    Besides, you might be not rich, but you are a very wealthy man, just don't look at the money ;-)

    best regards
    AoM

  4. an die Red: nur im Fall von Hoover müsste es FBI, nicht CIA heißen

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    Redaktion

    Lieber Icamino,

    schön, dass Ihnen das Interview gefällt. Den FBI/CIA-Dreher haben wir verbessert – vielen Dank für den Hinweis.

    Viele Grüße, Maria Exner

  5. Redaktion

    Lieber Icamino,

    schön, dass Ihnen das Interview gefällt. Den FBI/CIA-Dreher haben wir verbessert – vielen Dank für den Hinweis.

    Viele Grüße, Maria Exner

  6. Es ist eine Schande, dass in einer eigentlich seriösen Zeitung wie der Ihren ein Gerücht über den Künstler Michael Jackson aufgegriffen wird, das von Boulevardmedien kreiert und verbreitet wurde und längst offziell durch Dokumente wie den Autopsiebericht widerlegt wurde, aus dem ganz klar hervorgeht, dass er an der Hautkrankheit Vitiligo litt. Warum wird hier auf unangemessenem Niveau berichtet und nicht entsprechend recherchiert? Das würde ich von verantwortungsvoller Berichterstattung unbedingt erwarten und nicht eine unreflektierte Wiedergabe von manipulativen Behauptungen der Sensationspresse!

  7. zeigt immer wieder mit präzisen Worten und Formulierungen auf die Wunden dieser Welt. Das beeindruckt mich.
    Auch die Fragen von Moritz von Uslar gefallen mir gut, sie wirken auf mich, wie eine gute Porträt-zeichnung,

    Eine Leserempfehlung

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