IndienHellauf enttäuscht

Anna Marohn sucht in der Wüste Rajasthans eine Nacht voller Stille und Sternenglanz. Stattdessen erlebt sie Klingeltonterror im Flutlicht.

Jaisalmer, Indien 2011: Ein Kamel in der frühmorgendlichen Dämmerung

Jaisalmer, Indien 2011: Ein Kamel in der frühmorgendlichen Dämmerung

Kannst du mal bitte das Licht ausmachen, es ist zu hell zum Schlafen, sagte ich zu Katrin. Es war Nacht, wir lagen mitten in der indischen Wüste unter freiem Himmel im Flutlicht. Der Mond strahlte voll und prall und uns mitten ins Gesicht.

Wenn ich mit Katrin in Urlaub fahre, wissen wir, wann wir auf welchem Flughafen ankommen und wann wir an welchem Flughafen wieder abfliegen. Dazwischen befolgen wir nur das Prinzip: Nichts auslassen. Ab und zu bereuen wir dieses Prinzip. Auf der neunstündigen Fahrt nach Jaisalmer in Rajasthan etwa, die wir aufgrund unserer lässigen Planung nicht in einem Nachtzug, sondern in einem Nachtbus verbrachten. »Das ist ja richtig bequem«, sagte Katrin anfangs fast euphorisch, als sie feststellte, dass sich der Sitz um mehr als 20 Grad zurückkippen ließ. Erst später bemerkten wir, dass die Klimaanlage auf Schockfrostung lief und die Straße in Richtung Wüste aus ein bisschen Sand und sehr vielen Schlaglöchern bestand. Als morgens um sechs das Bordprogramm einen Bollywood-Actionfilm bescherte, taten Katrin längst die Knie weh vom verkrampften Beine-in-den-Boden-Stemmen, um nicht aus dem Sitz zu fallen.

Anzeige

Von Jaisalmer aus wollten wir direkt in die Wüste, denn dafür fährt man schließlich nach Jaisalmer (und natürlich, um Ledertaschen zu kaufen, aber das möchte man hinterher niemandem erzählen). Wir buchten einen zweistündigen Kamelritt mit anschließender Übernachtung unter freiem Sternenhimmel. Davon versprachen wir uns viel: Funkeln die Sterne in der Wüste nicht besonders schön?

Schau an!

Urlaubsbilder erzählen Geschichten: 17 Schriftsteller und ZEIT-Autoren haben ihre liebsten Urlaubsbilder aus den Alben geholt und erzählen, was sie damit verbinden.

Zunächst lud uns Rajiv, unser Guide, in seinen Jeep. Er drehte sich um, setzte ein Robinson-Club-Grinsen auf, sagte: »Let’s have fun now. Fun! Fun! Fun!«, und fuhr uns in die Wüste, zu den Kamelen und ihren Führern. Bald schaukelten wir los in Richtung Einöde. Mein Kamel hieß Babalutschki und wurde von einem neunjährigen Kameltreiber geführt. Er sprach sehr gut Englisch, aber Katrin verbat sich jede Diskussion über Kinderarbeit. Rajiv war mit dem Jeep vorgefahren und erwartete uns mit Butterkeksen und Masalatee.

Musikschlacht am Abend

Wir machten unzählige Fotos von der untergehenden Sonne, aßen frisch gebackenes Chapati-Brot mit Daal – und stellten dann fest, dass es absolut nichts mehr zu tun gab. Also schlüpften wir in unser klammes Felddoppelbett (die indische Wüste ist eher feucht) und unter eine dicke Decke – und fühlten uns ein bisschen wie damals, als Mama uns zu früh ins Bett schickte, obwohl wir noch gar nicht müde waren. Wir warteten auf den sensationellen Himmel; auf ein dunkelblaues Nichts, geschmückt mit atemberaubend glitzernden Funken; auf eine tiefe Stille, die jeden Ton verschlucken und uns das Gefühl geben würde, ganz weit weg von allem zu sein.

Rajiv allerdings hatte sein Handy dabei und besten Empfang. Unentwegt hörten wir den indischen Popsongschnipsel, mit dem sich das Telefon bemerkbar machte. »You must be the most popular guy in town«, sagte Katrin. Das gefiel ihm. Katrin schaltete irgendwann als Gegenprogramm die Sängerin Zaz ein, von der sie ein Lied auf ihrem BlackBerry hatte. Leider nur das eine. Wir gaben die Musikschlacht schnell auf. Rajivs Fanklub hatte einfach mehr Ausdauer. Und der Mond war nicht nur hell, er war wirklich grell. Verdammter Mond, die Sterne wirkten mickrig gegen ihn. Im Himmel über unseren Heimatdörfern Bad Waldsee und Wackernheim machten sie mehr her.

Als Rajivs Handy nicht mehr klingelte, schliefen wir schließlich ein. Irgendwann – so meinten wir uns beide später zu erinnern – haben wir blinzelnd im Halbschlaf einen gigantischen Sternenhimmel gesehen. Vielleicht war es auch nur ein Traum. Katrin wachte morgens wie immer als Erste auf. Da waren die Sterne schon wieder weg. Dafür standen die Kamele sehr hübsch im rosa Morgenlicht.

 
Leserkommentare
  1. Vor ungefähr 9 Jahren habe ich am selben Ort genau den gleichen Ausflug gemacht. Die Nacht in der Wüste war sehr schön, mit tollen Blick auf den Sternenhimmel und absolut still - Handys gab es da noch keine.
    Bei uns im Flur hängt ein Foto davon, an dem ich gedanklich gerne hängen bleibe. Tja, früher halt...

    Besonders umtriebig waren die Pillendreher-Käfer, die die Hinterlassenschaften der Kamele sorgsam verwerteten.

  2. 2. Indien

    Ich war da mal für ein Jahr. Inklusive Pakistan. OK, das war vor 9/11. Am besten war für mich Ladakh, Teil der Jammu & Kaschmir Provinz. Himalaya also. Tibetisch-Buddhistisches Umfeld. Und hauptsächlich Trekkingtouren. Und der Sternenhimmel dort war wie bei Star-Trek. Ich frage mich wieviele Leute hier in D sich noch überhaupt einen genuinen Sternenhimmel vorstellen können. Ganz ohne Luft- und Lichtverschmutzung. Jetzt wohne ich in Berlin, wo es schon lange keinen Sternenhimmel mehr gibt :(

  3. Hätte der Campingplatz eigentlich noch einer wilden Müllkippe gleichen müssen, so habe ich jedenfalls die Wüste hinter Jaisalmer in Erinnerung

  4. ales ist in Bewegung, nichts bleibt wie es einmal war, nur der Wandel ist beständig und wie, verdammt noch mal hat er in der Wüste denn Empfang auf seinem Handy ?

    • Guido3
    • 21.03.2012 um 8:18 Uhr

    Ich liebe ja auch das Reisen ohne festes Korsett, ohne das für jeden Tag eine feste Unterkunft gebucht ist. Wenn man aber recht viel Geld für eine Reise nach Indien ausgibt, deren Höhepunkt der nächtliche Sternenhimmel in der Wüste sein soll, dann sind 5 Minuten zusätzliche Planung vielleicht nicht schlecht.

    Auch Astronomielaien wie ich können sich kostenlose Astronomieprogramme wie Stellarium (Opensource) installieren. Da gibt man ein Datum und Koordinaten ein und dann bekommt man eine perfekte Simulation des Sternenhimmels inklusive Mondphase, Mondaufgang- und untergang, usw. Dann wäre vor der Reise klar gewesen, das Sterne gucken zum geplanten Zeitpunkt nicht funktionieren wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service