Glaube und Politik: Ist Gott ein Liberaler?
Und was will ein Pfarrer in der Politik? Ein Gespräch mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten und Theologen Pascal Kober über Gerechtigkeit, gerechtfertigten Reichtum und andere aktuelle Bibelthemen
DIE ZEIT: Herr Kober, wann haben Sie zum letzten Mal gebetet?
Pascal Kober: Heute Nacht. Ich bete jeden Tag.
ZEIT: Haben Sie Dankesworte eingeschlossen, weil jetzt ein Kandidat der FDP ins Bundespräsidialamt einzieht, noch dazu ein evangelischer Pfarrer wie Sie selbst?
Kober: Ich bete nie für konkrete politische Entscheidungen oder für die Ziele der FDP. Ich habe nicht einmal dafür gebetet, dass ich selbst in den Bundestag einziehen kann. Aber das ist eine persönliche Sache zwischen Gott und mir. Sie werden vom Diplom-Theologen Kober nicht hören, dass solche Gebete grundsätzlich nicht in Ordnung sind. Und natürlich freue ich mich darüber, dass Jochim Gauck Präsident wird.
ZEIT: Warum wollte die FDP einen Pfarrer für dieses Amt?
Kober: Pfarrer wird nur jemand, der die Menschen liebt. Das gilt auch für Joachim Gauck. Die Bürger werden ihn mögen, obwohl er Dinge sagt, denen nicht jeder zustimmt. Außerdem wird er das Bild der evangelischen Kirche verändern.
ZEIT: Warum?
ist seit 2004 Pfarrer in der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Der Schwabe hat in einer Großstadtgemeinde in Stuttgart und im Schuldienst im Nordschwarzwald gearbeitet, bevor er 2009 Berufspolitiker wurde. Der heute 40-Jährige gehörte damals zu einer größeren Gruppe junger Liberaler, die wegen des guten Wahlergebnisses ihrer Partei überraschend ins Parlament gelangten. Seitdem sitzt Kober für die FDP im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Er ist einer von 42 liberalen Abgeordneten, die sich Christen in der Bundestagsfraktion nennen und regelmäßig treffen.
Kober: Bisher wird die evangelische Kirche in der Öffentlichkeit vor allem von Männern und Frauen repräsentiert, die ähnlich wie Sozialdemokraten, Grüne oder Linke argumentieren. Joachim Gauck ist anders. Er ist natürlich kein FDP-Politiker, aber Freiheit und Eigenverantwortung sind ihm so wichtig wie uns Liberalen.
ZEIT: Halten Sie trotz Ihres Bundestagsmandats noch Gottesdienste ab?
Kober: Selten. Als Abgeordneter bin ich vom Pfarrdienst beurlaubt, aber ich nehme Einladungen für Predigten an.
ZEIT: Was sind Sie lieber, Politiker oder Pfarrer?
Kober: Ich mag beides. Auf der Kanzel verbietet sich Partei- und Tagespolitik. Aber in beiden Funktionen geht es um eine gerechtere Welt.
ZEIT: An welcher Stelle erreichen Sie mehr?
Kober: In der Gemeinde diene ich diesem Ziel schon, wenn ich einen Kranken besuche. Als Politiker arbeite ich an den Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft. Das ist schwer gegeneinander aufzurechnen.
ZEIT: Herr Kober, es gibt nicht viele FDP-Politiker, die Pfarrer sind, deshalb wollten wir mit Ihnen über die Armen, die Reichen und das Teilen reden. Gibt es zu viele Reiche in Deutschland?
Kober: Nein. Das Entscheidende für mich als Christ ist der Umgang mit dem Reichtum, nicht der Reichtum an sich.
ZEIT: »Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen«, steht im Matthäus-Evangelium. Tun aber nicht viele Reiche genau das – sie sammeln Schätze, hocken darauf wie Dagobert Duck und geben nichts ab?
Kober: Wenn jemand tatsächlich zweckfrei Besitz anhäuft – dann entsteht Reichtum, wie er im Neuen Testament kritisiert wird. Man soll ihn in den Dienst einer sinnvollen Sache stellen.





Sollte dieses Interview zur Kenntnis genommen werden, sehe ich schon die ätzenden Kommentare vor mir. Es ist leicht, Pascal Kober zu kritisieren. Die Tendenz zur Privatisierung sozialer Gerechtigkeit, manche geradezu rührend naive Vorstellung (wie die private Anstellung eines Arbeitslosen als Betreuer von ein paar Hühnern), die zumindest bestreitbare Darstellung des Calvinismus, etc.
Trotzdem finde ich die Suche nach dem, was dem Interviewten Herzensanliegen und innerster Antrieb ist, wichtig. Kober Nächstenliebe proklamiert nicht nur, sie ist ihm spürbar ein Herzensanliegen und er übersetzt sie in den Zusammenhang von Verantwortung und Freiheit.
Wir kommen nur dann gemeinsam weiter, wenn wir nicht nur die Schwachstellen in anderen Positionen suchen und Debattensieger werden wollen, sondern den anderen in seinen Herzensanliegen wahrnehmen und ernstnehmen. Dann kann Respekt in der Differenz entstehen und vielleicht sogar die Erkenntnis, dass der andere mir helfen kann, einen unterbelichteten Aspekt in meinem Denken weiter zu entwickeln. Was ich nicht wohlwollend und wertschätzend verstanden habe, dass kann ich auch nicht sachgemäss kritisieren.
Damit plädiere ich nicht für einen Kuschelkurs nach dem Motto “irgendwie haben wir ja alle Recht”, aber für einen Stile der Auseinandersetzung , bei dem die Wahrnehmung vor der Kritik kommt und die Kritik das Anliegen des Gegenübers nicht entwertet und vernichtet.
[...]
Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil für die Veröffentlichung von privaten Blogs vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn
Das ist ein hervorragendes Interview, was leider ausschließlich an den bedachten Ausführungen des Herrn Kober liegt, der sich nicht auf das erschreckend niedrige Niveau der Fragen, die leider Zeit-typisch aus recht einfältigen Vorurteilen gegen die FDP bestehen, herablässt. Dass es für die Fragensteller offensichtlich unvorstellbar ist, dass man selbst mit eigenem Geld und aus eigenem Antrieb Menschen helfen könnte, ist bezeichnend.
Dass sie Nächstenliebe nur vom Staat her denken können, ist erschreckend. Dabei kann Nächstenliebe nur freiwillig erfolgen. Liebe kann man nicht erzwingen, Mitgefühl kann man nicht erzwingen. Staatliche Umverteilung besteht aber letztlich aus Zwang (und wird - wie man an den Fragen erkennen kann - von einer ordentlichen Portion Neid gegen Wohlhabende motiviert). Diese zwangsinstitutionalisierte Armenunterstützung macht aus einem Akt der Nächstenliebe einen kalten Verwaltungsakt.
Es ist schön, dass mit Herrn Köber einmal jemand ausspricht, dass Zwangsabgaben wenig mit Mitgefühl und Nächstenliebe zu tun haben. Und dass die Forderung, böse Reiche sollten gefälligst mehr bezahlen, den Erheber der Forderung nicht von eigener Verantwortung freistellt. Mir fehlt als Aspekt noch die Tatsache, dass staatliches Handeln privates Handeln verdrängt. Viele Menschen fragen sich eben, warum sie etwas tun sollen, der Staat kümmere sich ja.
Die FDP sollte das noch etwas mehr betonen, um Antiliberalen wie den Interviewern den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Einen möglichen Hinweis auf liberale Tendenzen in der Bibel gibt es im unten genannten Bibelzitat.
Die wurde in der Bundesrepublik seit ihrer Gründung durch die christlichen Parteien CDU / CSU meist mit Hílfe der FDP durchgesetzt.
Einheitsübersetzung, Matthäus 25:29
„Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.
Luther Bibel 1984, Matthäus 25:29
Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
New American Standard Bible, Matthew 25:29 (NASB)
"For to everyone who has, more shall be given, and he will have in abundance; but from the one who does not have, even what he does have shall be taken away
Herr Kober fragt: Warum holen wir nicht selbst mal ein ärmeres Kind mit ab? Hier drei Antworten in einer Welt aus der sich der Staat heraushält:
1. Ich keine keine armen Kinder, denn sie wohnen nicht im Nachbarhaus: die Wohnungen dort wo ich wohne sind für sie zu teuer.
2. Ich kenne keine armen Kinder, denn sie dürfen nicht mit meinen Kindern in den Kindergarten gehen: Entweder sie dürfen gar nicht kommen (wenn unter 3 Jahren) oder sie gehen (ab 3 Jahren) in die Gruppe für Kinder mit 5-Stunden-Gutscheinen, in der sonst nur Kinder von Arbeitslosten oder bestenfalls Teilzeiterwerbstätigen sind. - In der Schule lernt man als Elternteil Kinder und Eltern kaum noch kennen.
3. Welche Mutter oder welcher Vater könnte mir noch ins Gesicht sehen, wenn ich ihr anböte die Sportvereinsgebühr für ihr Kind zu übernehmen?
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