Politik und Kirche: In ist, wer drin ist
Plötzlich sind Kirche und Konfession ein Berliner Partythema
Es geht das Gerücht, in Deutschland etabliere sich eine neue protestantische Leitkultur. Da werden auf Hauptstadtpartys plötzlich Protestanten in der Politik gezählt. Ein heiterer Zeitvertreib, denn im politischen Spitzenpersonal wimmelt es augenscheinlich von Pastoren, Pfarrerskindern und ihren ehemaligen Spielkameraden. Sogar die FDP hat ihren Pfarrer. Seltsam, dass das in den letzten Jahren niemandem aufgefallen war. Die meisten der konfessionell Geouteten sind ja schon eine Weile im politischen Geschäft. Aber die Debatte um den neuen Kandidaten fürs Bundespräsidentenamt hat offenbar den Sinn fürs Konfessionelle geschärft. Im Überschwang des neuen Spiels werden neben Merkel, Schäuble und Co. auch gleich noch Bundestagspräsident und Bundestagsvizepräsident dazugezählt.
»Aber Norbert Lammert und Wolfgang Thierse sind katholisch«, wende ich vorsichtig ein. – »Nee, ich sehe denen ihr Evangelischsein doch an«, entgegnet ein typischer Hauptstadtschlaumeier, als sei die Konfession eine Frage des Stylings. »Pfichtbewusst, moralisch adrett und skandalfrei, dickköpfig und schlecht angezogen. Das ist ihr Erfolgsrezept.« Jemand mit großer schwarzer Brille bemerkt: »Die sind wie Figuren aus einem Buch von Max Weber.« Max Weber, der Soziologe der vorletzten Jahrhundertwende, ging mit der These in die Geschichte ein, der Geist des Protestantismus habe den Kapitalismus hervorgebracht und vertrage sich deshalb besonders gut mit der Moderne. Alle Jahrzehnte taucht diese zigmal widerlegte These auf wie ein Gespenst. Nun ruft es wieder Buh. »Protestanten sind für die Politik wie gemacht.« Zum Beweis kokettiert man den Rest des Abends mit gepflegter Politikerverachtung. Wer von den Partygästen ist wohl evangelisch?
Der Protestantismus hat nämlich ziemlich lange gebraucht, um sich mit der Demokratie auszusöhnen. Das landesherrliche Kirchenregiment steckt ihm immer noch in den Knochen. Selbst die, die als evangelische Christen kritisch zum Nationalsozialismus standen und das politische Gemeinwesen nach 1945 neu aufbauten, taten sich schwer mit der Herrschaft des Volkes. Der große Theologe Karl Barth – nicht von ungefähr ein Schweizer – hat einmal an Gustav Heinemann geschrieben, die evangelischen Christen stünden der Demokratie gegenüber »wie eine Kuh vor dem neuen Scheunentor«. Das war in den sechziger Jahren. Die letzte Demokratie-Denkschrift der EKD stammt aus dem Jahr 1985. Das Politikverständnis des öffentlichen Protestantismus konzentriert sich auf den vorpolitischen Raum. Hier tummeln sich Kirchentagsbesucher genauso gerne wie Erzkonservative. Sie kommentieren lieber die Defizite der Politik und bewahren sich so den prophetischen Gestus aus dem Jenseits des Politischen.
Recht und Gerechtigkeit, Gleichheit, Menschenwürde, dazu alle Grenz- und Ausnahmezustände lassen das evangelische Herz höher schlagen. Die Demokratie als mühsames Aushandlungsgeschäft von Interessen ist nur selten ein Thema. Wo Interessen im Spiel sind, wird es schmutzig, hier tritt Pragmatismus an die Stelle der Prophetie. Deshalb stürzen sich viele Protestanten auf das neue Lieblingsthema: die direkte Demokratie. Hier scheint ein neuer evangelischer Gesellschaftstraum wahr zu werden. Dass sich in Volksbegehren vor allem eine gut ausgebildete Elite organisiert und den Stummen gerade keine Stimme zukommt, gilt als Einwand von Spielverderbern. Das langwierige Procedere moderner Entscheidungsfindung in der Politik ist auch vielen in der Kirche suspekt. »Was ist politischer: sich an einem Planfeststellungsverfahren zu beteiligen oder an einen Baum zu ketten?«, fragte vor einigen Wochen ein Kollege auf der Kanzel. Für ihn eine rhetorische Frage. Sich an Bäume zu ketten ist Widerstand. Das imponiert. In parlamentarischen Arbeitsausschüssen dagegen, in Rathäusern und in Parteizentralen, also im Alltag derer, die Politik zu ihrem Beruf gemacht haben, kommt heiliger Glanz nur selten auf. Hochachtung vor allen, die hier ihre Konfession nicht verstecken.





Entfernt. Verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Die Redaktion/mak
"Der Protestantismus hat nämlich ziemlich lange gebraucht, um sich mit der Demokratie auszusöhnen. Das landesherrliche Kirchenregiment steckt ihm immer noch in den Knochen."
Und deswegen neigen sie eben dazu, das landesherrliche Kirchenregiment auf den Staat zu übertragen.
Derselbe Karl Barth hat aber auch den bürgerlichen Liberalprotestantismus in eine Randexistenz gedrängt. Seitdem herrschen wieder Bekenntnis, Dogma, institutionelle Hierarchie in der Kirche vor - auf der einen Seite. Auf der anderen erscheinen Dampfplauderer wie Herr Fliege oder Frau Käsmann. Als evangelischer Christ hat man die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich wünsche mir die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts zurück, wo Protestantismus eine Selbstverständlichkeit des bürgerlichen Selbstbewusstseins war, die Kirche nicht so bierernst genommen wurde und es ein bisher unübertroffenes Höchstmaß der Glaubensfreiheit gab.
Denn von ca. 1870 bis 1878 tobte in Deutschland der Bismarck'sche Kulturkampf gegen die Katholen.
Denn von ca. 1870 bis 1878 tobte in Deutschland der Bismarck'sche Kulturkampf gegen die Katholen.
Petra Bahr , die evangelische Theologin, Pfarrerin in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) [...]
Vorletzten Sonntag durfte die Pfarrerin in dem Jahrtausend-Artikel „ (Gauck)Bundespräsident Stellvertreter auf Erden“ von Evelyn Finger auch achon nicht fehlen.
Petra Bahr über Gauck (Auszug)„Er (Gauck) erweitert den Raum des Politischen und nimmt uns alle in Anspruch. Er entfesselt in seinen Reden die Demokratie als etwas, was alle betrifft. Vielleicht ist er darin noch am ehesten als protestantischer Pfarrer erkennbar, dass er nicht wie ein säkularer Priester das Heil repräsentiert, sondern die Gemeinde zum Handeln und Selberdenken bewegt.“
Grundsätzlich kann man – und die Ausnahmen mögen dies verzeihen – feststellen, die Schriften und Reden der protestantischen Institutionsvertreter sind ermüdend, aber auch nicht unbedingt Schlaf fördernd. Als unermüdliche Wortakrobaten versuchen sie, ihr gelerntes Sammelsurium der sophistischen oder scholastischen Rhetorik an Frau und Mann zu bringen. Wer als Zuhörer nach Beendigung der protestantischen Institutionsvertreter-Rede weiß, um was es eigentlich geht, hatte das Glück beim „Amen“ erst wach geworden zu sein.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls
Ihr Versuch, die von Berufs wegen betriebene klerikale Botschaftsvermittlung mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Problemen zu verbinden, erinnert an Grimms Kreide-Wolf, der seine von den Alltags-Mühen(-Mühlen) gekennzeichnete Pfote zeigt und dabei sein eigentliches Anliegen im Verborgenen hält.
Was alle christlichen Konfessionen eint ist ein eindeutiger Bibelbezug der Ausrichtung ihrer Politik.
Dies wird bestens durch die praktische Politik der CDU/CSU meist mit Hilfe der FDP in der Bundesrepublik dokumentiert. Seit dem Bestehen der Bundesrepublik halten sich die christlichen Parteien streng an das folgende Bibelzitat und setzen es kompromisslos um, und die Mehrheit der Wähler folgt meist.
Einheitsübersetzung, Matthäus 25:29
„Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.
Luther Bibel 1984, Matthäus 25:29
Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
New American Standard Bible, Matthew 25:29 (NASB)
"For to everyone who has, more shall be given, and he will have in abundance; but from the one who does not have, even what he does have shall be taken away.
Wer es immer noch nicht glaubt, dass die christlichen Parteien wahrhaft christliche Politik betreiben, der sollte mal wieder zur Beichte gehen, sich reinwaschen von allen Sünden, sich die Absolution oder die Erleuchtung in einem Kloster holen, wie es unser Ex- Präsident Wulff gerade macht.
Als er die Banken kritisierte, hat er die obige Bibelstelle sträflich missachtet. Deshalb musste er gehen.
Erlauben Sie mir bitte, die Bibel zu verteidigen! In Matthäus Kap.25 predigt Jesus dem einfachen Volk mit Hilfe eines Gleichnisses. Es geht darin sinnbildlich darum, die den Menschen von Gott anvertrauten Gaben und Talente durch Treue und Fleiß zu mehren zum Wohlgefallen Gottes u.a auch durch Werke der christlichen Nächstenliebe. Wer das tut, wird belohnt....Ähnlichkeiten zum Grundgesetz Art.14/2: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Leider wird die Bibel manchmal missverstanden und das Grundgesetz missachtet.
Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/au.
Erlauben Sie mir bitte, die Bibel zu verteidigen! In Matthäus Kap.25 predigt Jesus dem einfachen Volk mit Hilfe eines Gleichnisses. Es geht darin sinnbildlich darum, die den Menschen von Gott anvertrauten Gaben und Talente durch Treue und Fleiß zu mehren zum Wohlgefallen Gottes u.a auch durch Werke der christlichen Nächstenliebe. Wer das tut, wird belohnt....Ähnlichkeiten zum Grundgesetz Art.14/2: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Leider wird die Bibel manchmal missverstanden und das Grundgesetz missachtet.
Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/au.
http://www.telegraph.co.u...
Der Artikel bemängelt, dass sich die Kirchenmitglieder meist nur im "vorpolitischen Raum" austoben und nicht in der "aktiven Politik". Aber ich sehe schon den Sturm der Entrüstung, wenn sich die Kirche auf einmal als wählbare Partei aufstellen würde. Keinerlei Trennung von Staat und Kirche wäre doch sicher eine Folge. So etwas wie die Kirchenparteien des 19. Jh. das Zentrum etwa, oder der christlich-soziale Kongress. Wo manche sich Rom mehr verpflichtet sahen, als dem Staat, in dessen Parlament sie saßen.
Es ist gut, wenn es Christen in der Politik gibt, die ihrePrinzipien im Christentum sehen, und eine Politik, die nach ihrem eigenen Prinzip "christlich" oder "protestantisch" wäre ist dazu keine Alternative. Und darum ist mir das angeblich "vorpolitische" Engagement von Kirchentagschristen lieber (das übrigens bereits durch das Engagement im öffentlichen Raum "politisch" im Wortsinn ist) als ein politisiertes Christentum.
MfG
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