Wie steht es heute um die Erben von Miles Davis?

Der deutsche Jazz ist völlig irrelevant und nervt, sagen die einen. Der deutsche Jazz ist lebendiger denn je und braucht finanzielle Unterstützung , sagen die anderen. Nie zuvor wurde so heftig um die Situation des Jazz in Deutschland gestritten. Diese Woche wird er sogar im Rahmen einer Großen Anfrage der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag ein Thema sein.

Die Berliner Pianistin Julia Hülsmann und der Saxofonist Felix Falk haben die Debatte mit ihrer Musikerinitiative »Für einen starken Jazz in Deutschland« ausgelöst. Sie sammelten mehr als tausend Unterschriften für die Forderung nach einer staatlichen Subventionierung des Jazz . Der Jazz sei wie die sogenannte E-Musik eine Kunstform, die sich ohne öffentliche Förderung nicht weiterentwickeln könne. 84 mit öffentlichen Geldern geförderten Konzerthäusern im Bereich der klassischen Musik stünden nur vier im Bereich des Jazz gegenüber.

Der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten: Das Jazzpublikum sei das älteste der Welt, höhnten Kritiker der Initiative. Die Clubs seien oft leer, und die CD-Verkäufe befänden sich im freien Fall. Der Münchner Saxofonist Michael Hornstein sah in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung die Ursache der Misere im Wirken einer Kaste von »Redakteuren, Journalisten und Veranstaltern«, die selbst als Musiker gescheitert seien und nun die Jazzmusiker dazu brächten, Jazz als eine »groove- und humorfreie Kunstmusik« zu interpretieren. Das zwangsläufige Ergebnis sei ein ständig schrumpfender Publikumszuspruch, da es an »klaren Aussagen und Profilen« fehle. Sein Resümee: »So wie sich der deutsche Jazz derzeit präsentiert, kann er gar keine gesellschaftliche Relevanz haben.«

Wer solcher »gesellschaftlichen Relevanz« nachtrauert, träumt von der Vergangenheit. Es ist der Traum von den Zeiten, in denen der Jazz noch die »Popkultur der Gebildeten und Fortschrittlichen« war (Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung ) und sich an den Gegensätzen von weißer und schwarzer Musik, von sozialem Oben und Unten ausrichtete. Aber selbst in den vermeintlich kämpferischen sechziger Jahren entsprang die Relevanz mitunter eher dem Wirken publizistischer Mythenbildung als den Absichten der Musiker. Heute ist das Bild viel unübersichtlicher, die gesellschaftlichen Konfliktlinien haben sich ausdifferenziert, und Entwicklungen wie die Globalisierung erschließen der improvisierten Musik ungeahnte kreative Ressourcen. Der aktuelle Jazz ist unberechenbarer, vitaler und jünger geworden, als die Kritiker wahrzunehmen bereit sind.

Nie zuvor gab es in den deutschen Zentren des Jazz so viele gut ausgebildete Musiker, die sich von stilistischen Vorgaben ihrer Idole abgenabelt haben und der Enge ihres Hochschulumfeldes entwachsen sind. Sie blicken über die Grenzen der Gattung hinaus, holen sich Anregungen beim Erbe der klassischen Musik wie beim Pop, bei der rohen Energie des Punk wie bei der gekochten der elektronischen Musik. Kraftwerk, Stockhausen, Bach, Dada, Brötzmann, Mangelsdorff – alles geht. Wie keine andere Kunstform ist der Jazz offen für neue stilistische Verbindungen und wilde Mischungen.

Der Verweis auf sinkende CD-Verkäufe kann ebenfalls kein Argument für die Schwäche der Kunstform sein, denn improvisierte Musik lebt nun einmal aus dem Moment der Aufführung. Sie versucht die Trennung zwischen Bühne und Publikum live im Hier und Jetzt aufzuheben und entzieht sich von ihrem Wesen her der technischen Reproduzierbarkeit. Kein Wunder also, dass die Musikindustrie immer mehr dazu übergeht, lebende Jazzmusiker aus den Katalogen zu streichen und nur noch Historisches umzuverpacken. Wenn aktueller Jazz auf CD den Weg zu einem größeren Publikum findet, ist das in der Regel ein Verdienst kleinerer Labels wie ECM , ACT oder enja, von denen auffällig viele eine deutsche Adresse haben.