Jazz-FörderungHilfe! ruft das Saxofon

Deutsche Jazzmusiker fordern staatliche Subventionen. Ist das eine gute Idee? Das norwegische Beispiel zeigt den Weg. von Stefan Hentz

Wie steht es heute um die Erben von Miles Davis?

Wie steht es heute um die Erben von Miles Davis?  |  © mariagr26/photocase.com

Der deutsche Jazz ist völlig irrelevant und nervt, sagen die einen. Der deutsche Jazz ist lebendiger denn je und braucht finanzielle Unterstützung , sagen die anderen. Nie zuvor wurde so heftig um die Situation des Jazz in Deutschland gestritten. Diese Woche wird er sogar im Rahmen einer Großen Anfrage der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag ein Thema sein.

Die Berliner Pianistin Julia Hülsmann und der Saxofonist Felix Falk haben die Debatte mit ihrer Musikerinitiative »Für einen starken Jazz in Deutschland« ausgelöst. Sie sammelten mehr als tausend Unterschriften für die Forderung nach einer staatlichen Subventionierung des Jazz . Der Jazz sei wie die sogenannte E-Musik eine Kunstform, die sich ohne öffentliche Förderung nicht weiterentwickeln könne. 84 mit öffentlichen Geldern geförderten Konzerthäusern im Bereich der klassischen Musik stünden nur vier im Bereich des Jazz gegenüber.

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Der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten: Das Jazzpublikum sei das älteste der Welt, höhnten Kritiker der Initiative. Die Clubs seien oft leer, und die CD-Verkäufe befänden sich im freien Fall. Der Münchner Saxofonist Michael Hornstein sah in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung die Ursache der Misere im Wirken einer Kaste von »Redakteuren, Journalisten und Veranstaltern«, die selbst als Musiker gescheitert seien und nun die Jazzmusiker dazu brächten, Jazz als eine »groove- und humorfreie Kunstmusik« zu interpretieren. Das zwangsläufige Ergebnis sei ein ständig schrumpfender Publikumszuspruch, da es an »klaren Aussagen und Profilen« fehle. Sein Resümee: »So wie sich der deutsche Jazz derzeit präsentiert, kann er gar keine gesellschaftliche Relevanz haben.«

Wer solcher »gesellschaftlichen Relevanz« nachtrauert, träumt von der Vergangenheit. Es ist der Traum von den Zeiten, in denen der Jazz noch die »Popkultur der Gebildeten und Fortschrittlichen« war (Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung ) und sich an den Gegensätzen von weißer und schwarzer Musik, von sozialem Oben und Unten ausrichtete. Aber selbst in den vermeintlich kämpferischen sechziger Jahren entsprang die Relevanz mitunter eher dem Wirken publizistischer Mythenbildung als den Absichten der Musiker. Heute ist das Bild viel unübersichtlicher, die gesellschaftlichen Konfliktlinien haben sich ausdifferenziert, und Entwicklungen wie die Globalisierung erschließen der improvisierten Musik ungeahnte kreative Ressourcen. Der aktuelle Jazz ist unberechenbarer, vitaler und jünger geworden, als die Kritiker wahrzunehmen bereit sind.

Debatte im Bundestag

Am Donnerstag, 8. März 2012, um 15 Uhr findet im Bundestag die Große Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion zur Musikförderung des Bundes statt. Die Debatte kann auf der Website des Bundestages live verfolgt werden.

Nie zuvor gab es in den deutschen Zentren des Jazz so viele gut ausgebildete Musiker, die sich von stilistischen Vorgaben ihrer Idole abgenabelt haben und der Enge ihres Hochschulumfeldes entwachsen sind. Sie blicken über die Grenzen der Gattung hinaus, holen sich Anregungen beim Erbe der klassischen Musik wie beim Pop, bei der rohen Energie des Punk wie bei der gekochten der elektronischen Musik. Kraftwerk, Stockhausen, Bach, Dada, Brötzmann, Mangelsdorff – alles geht. Wie keine andere Kunstform ist der Jazz offen für neue stilistische Verbindungen und wilde Mischungen.

Der Verweis auf sinkende CD-Verkäufe kann ebenfalls kein Argument für die Schwäche der Kunstform sein, denn improvisierte Musik lebt nun einmal aus dem Moment der Aufführung. Sie versucht die Trennung zwischen Bühne und Publikum live im Hier und Jetzt aufzuheben und entzieht sich von ihrem Wesen her der technischen Reproduzierbarkeit. Kein Wunder also, dass die Musikindustrie immer mehr dazu übergeht, lebende Jazzmusiker aus den Katalogen zu streichen und nur noch Historisches umzuverpacken. Wenn aktueller Jazz auf CD den Weg zu einem größeren Publikum findet, ist das in der Regel ein Verdienst kleinerer Labels wie ECM , ACT oder enja, von denen auffällig viele eine deutsche Adresse haben.

Leserkommentare
    • metek
    • 08. März 2012 10:18 Uhr

    und wer definiert dann, was jazz ist und was nicht?
    wenn jazz finanziell gefördert wird, schießen die jazz-bands nur so aus dem boden. und ob das ganze dann und ohnehin förderlich für einen musikpluralismus ist, ist auch eine große frage. der verweis auf die e-musik spricht für sich: was da unter finanzieller förderung gedeihen und entstehen kann, au weia.

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    Wenn wir einmal genau an Hand historischer Beispiele nachschauen, was der Jazz immer war, dann landen wir bei der aktuellen Momentaufnahme in Deutschland bei Musikern, wie Bushido - und mit so einem will das musikalische Establishment nichts zu tun haben.

    Wenn jemand fragt, wo denn der deutsche Jazz sei, gibt es von mir einen Rat: geht in die großstädtischen Ghettos und hört Euch an, was unsere arabisch- und türkischstämmigen Landsleute dort für Musik machen. Dort wird der aktuelle deutsche Jazz gemacht. Und dort kann man viele großartige Talente hören und sehen.

    Edit: gute Musik hat immer ihr Publikum. Und Musiker, die gute Musik machen, immer ihr Einkommen - und zwar ohne Subventionen.

  1. Wenn alle Kultur subventioniert wird, will auch der Jazz eine Förderung haben, klar: Jeder Stadt ihr Städtisches Jazzorchester! Aus dem Kulturhaushalt!

    Konservierende Kunst kann man subventionieren. Lebendige Kunst kann man nicht subventionieren, weil sie dann selbstbezogen wird oder sich dem Geldgeber anbiedern muss. Deshalb: Keine Jazz-Subventionen, andere Kultursubventionen sollen kräftig zurückgefahren werden.

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    ...das ist das, was dann von jedem städtischen Jazzorchester verlangt wird. Dazu Orchesterarrangements von John Coltrane's "Giant Steps" - ein Stück, das der Meister nicht einmal selbst auf die Reihe bekommen hat, das aber heute von jedem Saxofonisten verlangt wird.

  2. Schlüsselaussage in Bezug auf die Förderung ist "quer durch alle Genres" - (http://www.norwegen.no/Ab...).
    Die Norweger investieren in musikalische BILDUNG im Bewusstsein der positiven Nebeneffekte und sinnstiftenden Wirkung einer aktiven musikalischen Tätigkeit. Ein solches Engagement kann man nur begrüßen.
    Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass es sich um eine Gesamtförderung handelt, die in ein anderes Gesellschaftssystem eingebunden ist. Begehrlichkeiten hier auch noch an einer Unterabteilung dort aufzuhängen, ist wenig zielführend. Was nicht bedeutet, dass man nicht Herangehensweisen studieren und adaptieren kann.
    Wir leben in einem föderalen System, dessen spezifischen Herausforderungen wir uns stellen müssen, wenn wir etwas erreichen wollen.
    Denn: "Jazz ist… wenn man was draus macht!" - http://www.bayernjazz.de/...

  3. Bitte keine neuen Subventionen ausdenken, wir haben genug sinnloses Geld-versenken in diesem Land.
    Die ÖR-Sender fördern Dudelfunk mit angeblicher Pop Musik 24 h am Tag, da wäre auch Platz für Jazz.
    Die Musikauswahl der ÖR-Redakteure ist so grottenschlecht, vielleicht könnte man denen ein Bildungsangebot machen. Selbst der von mir geschätzte Deutschlandfunk ist in Bezug auf die Musikschnipsel ein reines Grauen.
    Und warum wird die große Musiklandschaft mit den fast 100 Orchestern und ungezählten Bands nicht besserabgebildet?

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    • Zack34
    • 08. März 2012 17:58 Uhr


    Da haben Sie was erwähnt, meine volle Zustimmung, auch was DF und nicht nur das Thema Musik angeht...

    Aber zurück zum Radio... vor allem das endlose Gelaber der Moderatoren macht m.W. mürbe. Mann möchte eine Musiksendung hören, d.h. kurze, zurückhaltende Infos zu Stücken, die gespielt werden sollen, oder gar völlig ohne, d.h. nur Musik. Bekommen tut man den neuesten Logorrhoe-Anfall des Moderators mit Musikbeilage serviert.

    Und dennoch: Radio ist dem Fernsehen deutlich überlegen.

    • Zack34
    • 08. März 2012 17:43 Uhr
  4. 6. Jazzen

    Jassen heisst ja eigentlich was Unanständiges.

    Kein Wunder, dass der Staat sowas nicht finanziert, erst recht nicht daraus sterilisierte Kunstmusik.

    Jazz muss wieder Hot werden, wenn er überleben will, und die Welt ein wenig spiessig, damit sich der Jazz hervortut.

    • Zack34
    • 08. März 2012 17:58 Uhr


    Da haben Sie was erwähnt, meine volle Zustimmung, auch was DF und nicht nur das Thema Musik angeht...

    Aber zurück zum Radio... vor allem das endlose Gelaber der Moderatoren macht m.W. mürbe. Mann möchte eine Musiksendung hören, d.h. kurze, zurückhaltende Infos zu Stücken, die gespielt werden sollen, oder gar völlig ohne, d.h. nur Musik. Bekommen tut man den neuesten Logorrhoe-Anfall des Moderators mit Musikbeilage serviert.

    Und dennoch: Radio ist dem Fernsehen deutlich überlegen.

  5. Wenn wir einmal genau an Hand historischer Beispiele nachschauen, was der Jazz immer war, dann landen wir bei der aktuellen Momentaufnahme in Deutschland bei Musikern, wie Bushido - und mit so einem will das musikalische Establishment nichts zu tun haben.

    Wenn jemand fragt, wo denn der deutsche Jazz sei, gibt es von mir einen Rat: geht in die großstädtischen Ghettos und hört Euch an, was unsere arabisch- und türkischstämmigen Landsleute dort für Musik machen. Dort wird der aktuelle deutsche Jazz gemacht. Und dort kann man viele großartige Talente hören und sehen.

    Edit: gute Musik hat immer ihr Publikum. Und Musiker, die gute Musik machen, immer ihr Einkommen - und zwar ohne Subventionen.

    Antwort auf "ich mache auch jazz"

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