Will man den mittlerweile verbotenen Blog des bekanntesten Chinesen der Welt jetzt noch lesen? Wer Ai Weiweis Internet-Tagebuch aus den Jahren 2006 bis 2009 zu lesen beginnt, wird erst einmal enttäuscht. Das liegt an der streckenweise dadaistischen Übersetzung. Da der Blog gesperrt ist, liegt kein chinesisches Original zum Vergleich vor, und aufgrund der Verhaftung Ais musste es mit der Übersetzung plötzlich ganz schnell gehen. Dennoch entdeckt man Originelles, Erstaunliches, Spannendes.

Wie ein Chirurg seziert Ai seine Gesellschaft, er berichtet von seinen Nachtspaziergängen, von Besuchen in Städten , "die danach trachteten, sich herauszuputzen, als wären sie erpicht darauf, an einem rauschenden Maskenball teilzunehmen". Er reflektiert das Verhältnis zwischen China und dem Westen, bedauert, dass "wir Chinesen, wenn wir neue Technologien und Lebensweisen aus anderen Nationen importieren, es nicht schaffen, das entsprechende mentale Bewusstsein oder die Urteilskraft zu importieren". Und er dokumentiert die Unfähigkeit des Westens, die chinesische Kunst zu verstehen, denn wer könnte sich schon "das aufwühlende Unheil, das im tiefsten Ozean geschieht, ausmalen, wenn er nur das Strandgut betrachtet, das an die hellen und sonnigen Küsten gespült wird"?

Er reflektiert über Architektur, Fotografie, das Verhältnis von Design und Philosophie. "Unschuld und wunschloses Glück machen Menschen weise. Sobald man eine Sache unverfälscht, mit einem klaren Kopf und unmittelbar wahrnimmt, wird man entdecken, dass die eigenen Ressourcen unerschöpflich sind... Dabei berührt Design in jeder Sekunde die Frage: wie viel werde ich nehmen und wie viel wirst du geben?" Design sei nur dann wirklich gut, wenn es den Menschen auf einer höheren Ebene berühre. Wenn es über Lösungen für eine höhere Geschwindigkeit oder größere Bequemlichkeit hinausgehe, ohne dass geklärt wäre, was diese uns letztlich brächten.

Ai Weiwei beschreibt die Brüche, Zweifel, Destruktivität und Euphorie des chinesischen Künstlerdaseins. Er macht sich auf die Suche nach dem Sinn und der Zukunft dieses in Siebenmeilenstiefeln voranhastenden, verwirrenden Landes. Das entwickelt großen Sog. Oder wie Ai schreibt: "Es erfand sich ein System, das dem Zusammenbruch nahegekommen war, als eine materialistische Gesellschaft neu. Der tiefen Einzigartigkeit, die aus dieser Abfolge von Umwälzungen erwächst, wohnt noch heute eine rätselhafte Kraft inne."