Fred Vargas ist die meistgelesene Autorin Frankreichs und die scheueste. Vor einem Jahr erlaubte sie drei französischen Journalisten, mit ihr zu sprechen. Damals kam ihr zwölfter Kriminalroman L’armée furieuse heraus. Jetzt – in ihrem Heimatland sind inzwischen knapp 600.000, in Italien 400.000 Exemplare verkauft – erscheint das Buch auf Deutsch: Die Nacht des Zorns . Diesmal sind es drei deutsche Journalisten, die Fred Vargas sprechen dürfen. Nach genauen Regeln: Vorgesehen sind drei aufeinander folgende Interviews von je einer Stunde Dauer. Nach jedem Interview wird die Autorin eine Zigarette rauchen. Die Interviews finden im Hause der Autorin statt. Über das Haus darf nicht gesprochen werden.

"Das Rätsel Vargas". – "Wer ist Fred Vargas wirklich?" – "Das Phänomen Vargas". So wird räsoniert, seit 1991 Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord erschien. Vargas ein Rätsel? Ja und nein. Bei der Lektüre ihrer Kriminalromane glaubt man eher, in den mineralischen Fantasie-Wäldern eines Max Ernst unterwegs zu sein als auf den Straßen von Paris . Merkwürdig, verschroben, verschoben, skurril – mit diesen Epitheta versuchen Kritiker und Leser ihr Staunen und ihre Verstörung über das literarische Wunderland in Worte zu fassen, das sie gerade verlassen haben und nicht missen mögen. Dabei geht es ihnen kaum anders als der Autorin selbst. Kaum hat sie, die Rastlose, Quirlige, Furiose, ein Buch beendet, schwirren ihr bereits die Fliegen für das nächste durch den Kopf. Stubenfliegen und das Darwinsche Gesetz bemüht die Naturwissenschaftlerin, um den Ausleseprozess ihrer Ideenfindung zu beschreiben: "Die Motive meiner Bücher sind wie Fliegen, die zwar leicht ins Zimmer dringen, aber nur schwer wieder rauszuschaffen sind."

In der Küche ihres kleinen Hauses in der Nähe des Friedhofs Montparnasse sitzt Fred Vargas, klein, drahtig und gespannt, in dickem Pullover und Jeans hinter Laptop, Stapeln von Zeitungen und Büchern, Zuckertüte und Kaffeegeschirr. Im Hintergrund räumt noch die Putzfrau. "Vas-y! – Mach schon!", drängt sie den Reporter. Sie will es hinter sich haben. Sie hasst es, über sich selbst zu sprechen. Nicht nur, weil ihr die Bücher wichtiger sind als ihre Person, sondern weil sie sich, hat sie sich einmal auf ein Gespräch eingelassen, bis zum Äußersten verausgabt. Die Umgangsvorschriften, die sie erlassen hat, sind keine Allüren einer Diva, sondern Selbstschutzmäuerchen gegen den überbordenden Assoziations-, Darstellungs- und Mitteilungsdrang, der sie dann erfasst. Als die deutschen Journalisten pünktlich um 17 Uhr an einem vorfrühlingshaften Januarnachmittag ihr Haus betreten, ahnen sie noch nicht, dass sie es erst im Morgengrauen völlig erschöpft verlassen werden, während Fred Vargas sich immer noch hoch konzentriert und supereloquent über den Ersten Weltkrieg, Sarkozy, die Finanzkrise, Merkel et cetera erregt.

Die Fliege, die in ihrem jüngsten Roman summt, ist rund tausend Jahre alt. Es ist die armée furieuse oder Mesnie Hellequin, in Deutschland bekannt als Die Wilde Jagd . Die mittelalterliche Legende von dieser Armee lebender Leichen hatte Fred Vargas zunächst aus privatem Interesse gelesen. Immer stärker fasziniert von dem Heer, das schuldig gewordene Personen ergreift und sie der wahren Gerechtigkeit zuführt, begriff sie, dass sie "erstmals den Titel eher als das Buch hatte".

Aber wie wird aus der staubbehafteten Mittelalterstory ein Kriminalroman von heute? Während Freds Kater Bertram, ein mächtiges graues Vieh, das Vargas-Leser als Haustier der Brigade Criminelle kennen, den Küchentisch erklimmt und sich daranmacht, das Aufnahmegerät des Interviewers zu killen, gibt die Hausherrin Einblick in ihr Labor. "Als ich mir darüber den Kopf zerbrach, sah ich Kommissar Adamsberg vor mir. Wie in einem Film. Er ging einen zugewachsenen Waldweg entlang und pflückte Brombeeren. In der Ferne erblickte ich die Silhouette einer alten Frau, auf einem Baum sitzend. Als er sich ihr näherte, fragte ich mich: Wird er mit ihr sprechen? Ich wusste nichts über sie, nichts über ihre Geschichte oder ihren Charakter. Dann kam der Hund der alten Dame angesprungen, und plötzlich ahnte ich: Adamsberg würde bei ihr übernachten, und am darauffolgenden Tag würde sie niedergeschlagen werden. So ist es immer: Meine Romanfiguren tun, was sie wollen. Manchmal wüsste ich allzu gern im Voraus, was sie vorhaben."

Fred Vargas’ Konzept von Kriminalliteratur ist ebenso unkompliziert wie schlüssig: Ihr "Rompol" – Privatkürzel für roman policier – wirkt als Antidepressivum und Anxiolytikum. "Schon in der Frühzeit setzten sich die Menschen in schwarzer Nacht um ein Feuer, umgeben von Tieren, von der Kälte, und haben sich Geschichten erzählt, in denen sie Gefahren heraufbeschworen haben, die sie enorm übertrieben und dann besiegt haben. Diese Befreiung durch Erzählen ist Lebenshilfe von vitaler, fundamentaler Bedeutung." Deshalb achtet Fred Vargas in ihren Plots auf die Einhaltung der Trias Auflösung – Erleichterung – Katharsis. Auch wenn sie, wie im aktuellen Fall, einige psychologische Tricks und verwickelte Abstammungslinien konstruieren muss, um das Albtraumszenario einer Rächerarmee aus Menschen ergreifenden Leichen in eine plausible Wirklichkeit aufzulösen.

Allerdings: in eine verschobene Wirklichkeit. Um als Angstlöser wirken zu können, bedarf es der Helden, die ohne Angst sind. Zuvörderst ist da Adamsberg, der kleine, kompakte Heroe aus dem Béarn, enigmatische Zentralfigur ihrer letzten sechs Romane. Immer neue Charakterisierungen hat Vargas für ihren Ermittler gefunden, der sich ohne Plan, mit Kritzeleien anstelle von Notizen durch nervtötende Phasen völliger geistiger Abwesenheit voranarbeitet: das Waldkind, der Wolkenschaufler. Ihm untergeben ist Lieutenant Veyrenc, auch er ein Mann der Pyrenäen: "Das alte Gebirge kann keine lustig wogenden Gräser ausspucken wie die weiten Auen des Flachlands", erklärt Adamsberg ihren gemeinsamen Starrsinn. Adamsberg ist das Wunsch-Gegenteil der Autorin. Sich selbst empfindet sie als ängstlich, nervös, hyperschnell. Sie ist ein Wortmensch, Adamsberg kann weder Namen behalten noch Begriffe. Heißt das Heer, mit dem sich die Normannen in Ordebec herumschlagen, nun "verwegen" oder "wütend"? Er weiß es nicht. Dass Veyrenc oft spontan in Alexandrinern spricht, ist ein Vargas-typischer Erziehungsschaden: Es gab eben nur Racine zu Hause. Commandant Danglard, das lebende Lexikon der Brigade, hingegen kann ganze Badewannen von Weißwein austrinken. Und Lieutenant Violette Retancourt, stämmig, ein Weib mit Zwölfmännerkraft, wird sogar von Adamsberg als Göttin bezeichnet. In einer wunderbaren Szene hat sie sich einmal den schmalen Adamsberg auf den Rücken gebunden, um ihn aus einer bedrohlichen Situation zu schmuggeln.