Dieses große Buch ist eine Zumutung – auch für jene, denen noch immer der Schock der Lektüre Solschenizyns und Schalamows in den Knochen steckt. Solche Bücher schreiben Leute, denen die Ungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts keine Ruhe lassen und die dahinterkommen möchten, wie und warum sich das Unvorstellbare hat ereignen können. Die Lektüre ist wie eine Fahrt in einen Tunnel, der immer tiefer hinabführt, nicht auf einer nostalgischen Geisterbahn, sondern in einem Express, der Fahrt aufnimmt, bei der sich die vorbeifliegenden Bilder überschneiden, in einen rasend schnellen Film übergehen, bis einem fast die Besinnung schwindet. Man sucht irgendwie Halt, man wartet auf eine Zwischenstation, um wieder zu Atem zu kommen und Kraft zu schöpfen für die nächste Wegstrecke. Aber es gibt keinen Halt. Die Beklemmung wächst. Irgendwann kommt man nach dieser Höllenfahrt wieder ans Tageslicht. Das ist am 5. März 1953, dem Tag, an dem Stalin stirbt und mit ihm das Regime, das nach ihm benannt ist.

Doch es geht hier nicht um einen Roman, sondern um eine Geschichtsschreibung, die auf der »Evidenz des Faktischen« basiert. Alles, was wir unterwegs gesehen haben, ist über viele Jahre zusammengetragen und sorgfältig recherchiert, alle Szenen, die wir passieren, sind verbürgt, alle Angaben zu Deportierten und Getöteten stammen aus Statistiken, die nachlesbar sind. Viele der Quellen, aus denen das Buch schöpft, sind der Öffentlichkeit erstmals aus den Moskauer Archiven zugänglich gemacht. Jörg Baberowski, Osteuropahistoriker an der Humboldt-Universität und Autor zweier grundlegender Werke zum StalinismusDer Feind ist überall und Der Rote Terror (beide 2003) –, hat jetzt ein neues, zutiefst beunruhigendes und verstörendes Buch vorgelegt. »Die stalinistische Ordnung wurde von der Allgegenwart des Terrors beherrscht. Aber wie ist dieser Terror zu verstehen? Woher kam die Gewalt, mit der die Machthaber die Gesellschaften des sowjetischen Vielvölkerimperiums überzogen? Und welche Verheerungen richtete sie an? Darauf möchte dieses Buch eine Antwort geben.«

Baberowski konzentriert seine Darstellung auf den Kernzeitraum – Ende der zwanziger Jahre bis 1953 –, aber er holt weit aus: Er leuchtet in die »Gewalträume des Imperiums«, in denen sich inmitten tektonischer, von Krieg, Revolution und Bürgerkriegen ausgelöster Verwerfungen Verhaltensweisen und Praktiken der Verrohung ausbilden, die als Habitus der Führungsgruppen später Allgemeingut werden; er skizziert die kurzen zwanziger Jahre, die er nicht als liberale Zeit nach dem Bürgerkrieg, sondern als die Inkubationszeit für die Wiederaufnahme des Bürgerkrieges, genauer des Zusammenstoßes von Stadt und Dorf, des Krieges der Partei gegen die Bauern in der Kollektivierung deutet.

Die » UdSSR im Bau«, also die Welt des Aufbruchs, des Gedränges der Aufsteiger und Nachrücker, der Flucht aus der alten und der Flucht in die neue Welt – all das kommt in der Konzentration auf die »verbrannte Erde« fast nur unter der Rubrik Propaganda in den Blick.

Vor allem aber holt Baberowski den Hauptakteur, der alle weitaus profilierter erscheinenden Rivalen aus dem Feld schlagen wird, auf die Bühne und in die Geschichtsschreibung zurück. In der Totalitarismustheorie gab es Platz für Ideologie, Terror, Apparate, aber kaum für die Figur des Diktators selbst; die sie ablösende Sozialgeschichte des Stalinismus wandte sich vor allem dem Alltag und den sozialen Strukturen zu und hatte aus diesem Grund für die »Haupt- und Staatsaktionen« und deren Personal nur wenig Interesse.

Baberowski geht es nicht um eine (weitere) Stalin-Biografie, sondern um die Analyse der inneren Dynamik, die »Logik des Terrors«. Der Arkanbereich der Macht, die Kommunikation des inneren Kerns, wird so genau wie nie zuvor ausgeleuchtet. Sitzungsberichte, Protokolle, Korrespondenzen, Gästelisten, Verhörprotokolle und ihre redaktionellen Bearbeitungen, Augenzeugenberichte und Erinnerungen von Tätern und Opfern, Statistiken – all dies erlaubt es, die Dramatis Personae zu identifizieren, Entscheidungsprozesse zu rekonstruieren und die Selbstinszenierung der Macht zu durchschauen. Eine Frage, über die man früher spekulieren musste – ob Stalin selbst den Terror initiiert hat –, kann nun als beantwortet gelten: »Ohne Stalins kriminelle Energie, seine Bösartigkeit und seine archaischen Vorstellungen von Freundschaft, Treue und Verrat wären die Mordexzesse der dreißiger Jahre kaum möglich gewesen.«

Der Exzess als Existenzbedingung, ja als Lebenselixier des Diktators – diese These erlaubt eine Deutung des Terrors als eine Art kontrollierter Instabilität, die ihre eigene Dynamik entfaltet, bis hin zur Selbstzerstörung von Partei und Staat in den Zeiten des Großen Terrors. Die Erfindung von immer neuen Feinden, Spionen, Fünften Kolonnen und Agenten erzeugte jenen Zustand der Hysterie, Panik, Angst und Verzweiflung, der dann umschlug in einen Krieg aller gegen alle, in dem alle Unterscheidungen von Freund und Feind sich auflösten und der Terror, weil scheinbar ziellos und beliebig, jeden treffen konnte.