Die Aufrechterhaltung eines Zustandes der Unsicherheit und Angst, die Permanenzerklärung des Ausnahmezustandes wurden somit zur wichtigsten Bedingung für die Perpetuierung und Ausweitung des Terrors, vor dessen Schlägen niemand mehr sicher war, nicht einmal die nächste Umgebung des Diktators selbst. Viele Sowjetbürger erinnerten, so Baberowski, die Zeit von 1914 bis zum Tode Stalins daher als eine Zeit unentwegten Kriegs, immer neuer Wellen von Gewalt, immer neuer Steigerungen, wo keine Steigerungen mehr denkbar schienen; das betraf sogar den »Großen Vaterländischen Krieg«, in dem Stalins Terror auch auf das gegen die Deutschen kämpfende Volk niederging, und überlebende Zwangsarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene und Kriegshelden, die zu Hunderttausenden getötet oder in die Lager geschafft wurden.

Verunsicherung, Destabilisierung, Provokation als Methode zur Aufrechterhaltung des Ausnahmezustandes und für die terroristische Durchsetzung von Ordnung noch nach dem Sieg – das ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der irrational scheinenden großen Säuberungen mit ihren Hunderttausenden von Opfern.

Baberowskis Darstellung ist aber nicht nur von der Wucht des Quellenmaterials getragen, sondern auch von der Kritik an einer Geschichtsschreibung, die es sich seiner Auffassung nach mit der Erklärung der mörderischen Exzesse zu leicht macht. Rationalisierungsversuche allenthalben, Entlastung von den bestürzenden Einsichten in die Abgründigkeit und Grausamkeit der menschlichen Spezies. »Nicht Ideen töten, sondern Menschen«, schreibt er – damit wird eine lange Tradition erledigt, die den Stalinismus als die praktische Folge einer Idee definiert sehen wollte.

Nicht die Moderne, meint Baberowski, sei im Stalinismus zum Durchbruch gekommen, sondern eher die Vormoderne, das Archaische, das von der Peripherie ins europäische Zentrum eingedrungen sei. Nicht an zu großer Bürokratie habe das Land gelitten, sondern umgekehrt an deren Abwesenheit in einem Land, das in Wahrheit durch die nackten Beziehungen des Personenverbandes zusammengehalten worden sei. Das Studium von Praktiken der Mafia oder kaukasischer Räuberbanden, der Blutrache und der Sippenhaft schafft, so der Autor, mehr Einsicht in die Denkweise und die Praktiken der inneren Zirkels Stalinscher Macht als die Analyse öffentlicher Rede. Eine Erklärung des Stalinismus sei nur ein Rätsel, solange man versuche, die Welt des russisch-sowjetischen Imperiums mit »unseren« Kategorien und aus »unserem« Erwartungshorizont heraus zu denken, die aus den Routinen einer wohlgeordneten bürgerlichen Welt in Friedenszeiten abgeleitet sind.

Vieles, was aus dieser Außenperspektive rätselhaft bleibe, schreibt Baberowski, werde unmittelbar plausibel, sobald man die uns vertraute (bürgerliche) Vorstellungswelt hinter sich gelassen habe: Die physische Erledigung des Gegners erscheint dann nicht so sehr als Verbrechen, sondern als die einfachste Lösung eines Problems; die Anwendung von Gewalt ist dann das Nächstliegende, nicht das Komplizierte; moralische Skrupel und Rücksichtnahme erscheinen aus dieser Perspektive nur als unverzeihliche Schwäche im politischen Kampf. Hierher gehört auch das Verständnis vom Ausnahmezustand als dem Normalfall.

Es gibt hier keine Tröstung durch eine List der Vernunft

An einer Stelle heißt es bei Baberowski sogar: »Man muss versuchen, die Welt mit den Augen Stalins zu sehen, und sofort wird zur Normalität, was wir uns selbst niemals zumuten würden.« Diese Denkoperation ist von größter Wichtigkeit, wenn man sich schützen will vor allzu bequemen Meistererzählungen und einer naiven Übertragung angestammter Vorstellungen auf ein ganz anders geartetes Untersuchungsfeld. Es ist in der Tat noch nicht allzu lange her, da wurden die »Kulakendeportationen« als Kollateraleffekt einer geschichtsnotwendigen Erziehungsdiktatur auf dem Weg in die Moderne intellektuell und rhetorisch in Kauf genommen oder gerechtfertigt.

Es ist die große und über die Stalinismus-Geschichte hinausgehende Bedeutung von Jörg Baberowskis Buch, dass es uns zwingt, auf den geistigen Komfort zu verzichten, den die diversen Formen der Rationalisierung des Irrationalen und der Sinngebung des Sinnlosen bieten. Es gibt hier keine Tröstung durch eine List der Vernunft und keine insgeheime Teleologie, auch wenn der Grat zwischen einer Ideo-Logik, die man losgeworden ist, und einer »Logik des Terrors«, die Halt bietet in einer heillosen Geschichte, gefährlich schmal ist.

Es bleibt auch nach dieser Darstellung ein Rest von Unaufgeklärtem und Unfassbarem. Mit gutem Grund: Das jahrzehntelange Schweigen in der nachstalinschen Sowjetunion über die Verbrechen der Stalinzeit deutet Baberowski nicht nur als Folge von Unterdrückung und Zensur, sondern als das Verstummen vor einer überwältigenden, fassungslos machenden Geschichte, an der man »den Verstand verlieren kann«.

Von Stalins Tod 1953 heißt es in Baberowskis Buch nun: »Ein Gott war gestorben.« Auch die leitmotivisch wiederkehrende Formulierung »Es geschah, weil es Stalin gefiel« erinnert an die biblische Rede vom ersten Schöpfungstag. Das ist mehr als nur die Metapher für den gottgleichen Herrn über Leben und Tod, der allein in der Nacht des 12. Dezember 1938 mit einem Federstrich das Leben von 3167 Menschen auslöscht. Das ist der Name für eine Leerstelle, die auch nach dieser grandiosen Rekonstruktion der Gewaltgeschichte der Sowjetunion unbesetzt bleiben muss.