Als die Ryanair-Maschine am Flughafen von Palma aufsetzte, brandete in sämtlichen Sitzreihen Jubel auf. S., mein Begleiter aus Teenagertagen, lachte, so wie er schon Wochen zuvor gelacht hatte, als wir diesen Flug buchten, und dann wieder, als wir das Hotel buchten, und jetzt, zur Landung, applaudierten wir sogar.

K., der ebenfalls ein alter Freund war, machte nun schon das zweite Jahr in Folge Urlaub auf Mallorca , in der Finca einer entfernt Verwandten. »Wir könnten K. für ein Wochenende auf Mallorca besuchen«, hatte ich S. vorgeschlagen, ohne diesen Vorschlag wirklich ernst zu meinen. Aber jetzt waren wir da. Für unseren dreitägigen Aufenthalt hatten wir kaum Pläne gemacht. Einmal allerdings wollten wir S’Arenal besichtigen, den in Deutschland so berühmten Ballermann-Strand.

Es war eine schwüle Nacht im August 2011, vielleicht die allerwärmste, jedenfalls sollte es in diesem Sommer nicht mehr heißer werden. Von unserem Hotel in Palma aus mussten S. und ich 40 Minuten mit einem Linienbus fahren. Erst dann leuchteten uns deutsche Schriftzüge entgegen. S. verwies auf eine Straße, an die er sich aus RTL2-Reportagen erinnerte. Als wir Kinder waren, gab es ja nahezu täglich Reportagen über Mallorca, zumindest erinnerten wir das so, und tatsächlich hatten sich einige Bilder bei uns eingebrannt, schon Jahre vor diesem Besuch. Wir kannten diesen Ort aus dem TV so gut wie sonst vielleicht nur New York City.

Grillmeister hieß es fast an jeder Ecke, Grillmeister beherrschte die Straßen von S’Arenal, dort gab es Fritten und Frikadellenbrötchen und immense Bratwurstpeitschen. Zuerst kauften wir uns Becher voller Sangria und flanierten an der Promenade entlang. Der Sandstrand, der uns hier fein und gesäubert vorkam, lag im Flutlicht gigantischer Straßenlaternen. Ein warmes, südeuropäisches Licht ging von diesen Laternen aus, eine Art gedämpftes Glühen, das hellrote Gesichter fast schon gebräunt erscheinen ließ. Hier und da waren Schilder angebracht, die durchgekreuzte Eimer und Strohhalme zeigten. Nicht weit von diesen Verbotsschildern saßen Mädchen um Eimer herum, wie zum stillen Protest, mit Strohhalmen im Mund. Es schien, als lebe der Wille zur Tradition weiter, als ließen sich die nachwachsenden Generationen ihren Spaß nicht nehmen. Wir machten Fotos mit unseren Telefonen, meist von uns selbst, wir staunten in die Kamera: »Ja, wir sind allen Ernstes hier, Freunde!« Einmal posierte ich grinsend vor einer Minigolfanlage, aus der ein riesiger Kunststoff-Saurier herausragte. Ich hatte die Figur als Brontosaurus in Erinnerung. Erst beim Wiederbetrachten des Fotos erkannte ich, dass es sich um eine fiktive Raubsaurierart handelte.

Wir trugen unsere Sangrias an diversen Tanzlokalen vorbei. Ein stämmiger Animateur rief: »Trinkt die Scheiße leer und rein da mit euch! Heut müsst ihr Frauen abschleppen, ihr Harry Potters!« So nahm man uns hier also wahr. Mein Begleiter S., der Physik studiert hatte, aber auch ein talentierter Gitarrist und Rockmusiker war, trug eine Brille und einen Seitenscheitel, dazu ein halb offenes Hemd und kurze Hosen. Lange Hosen wären ohnehin undenkbar gewesen. Ich selbst trug Badeshorts, dazu ein geringeltes Oberteil und hohe Turnschuhe, in denen es eigentlich schon viel zu heiß war. S. hatte im Gegensatz zu mir keinen Bauchansatz – er war nicht nur Veganer, sondern absolvierte auch seit vielen Jahren ein Kieser-Training. Immerhin waren wir beide größer als 1,80, keine wirklich erbärmlichen Erscheinungen also, trotzdem wirkten wir in den Augen des Animateurs wie Zauberlehrlinge. Und er hatte ja recht. Relativ normal gebaute Jungs wie uns gab es sonst gar nicht. In dieser Gegend waren die jungen Männer entweder muskulös und drahtig oder tatsächlich dick. Es gab nichts dazwischen. Es gab nur die Sportler und die Gescheiterten, also die Dicken, aber die Gescheiterten waren eindeutig in der Minderheit, und sie schienen meist auch allein unterwegs zu sein und noch angetrunkener als die anderen. Aber vielleicht wollte ich das auch nur so düster sehen, wegen meines Bauchansatzes.

Als es schon nach ein Uhr nachts war, rechneten S. und ich kaum noch mit K., der ja aus dem Landesinneren anreisen musste. Trotzdem warteten wir weiter im gedämpften Licht der Flutlichtlaternen. Die silbernen Strandbars durften um diese Uhrzeit schon keine laute Musik mehr spielen, nach und nach wurden die Freilufttheken geschlossen. Als K. dann plötzlich doch noch im schwarzen Polohemd auf uns zugelaufen kam, spürte ich eine recht simple, aber aufrichtige Form der Euphorie, die ganz eng mit der Aussicht verknüpft war, dass man nun gleich neue Drinks ordern würde. S. und ich sprangen auf, wir fielen K. in die Arme, wir waren komplett.

Gemeinsam betraten wir unser erstes Indoor-Etablissement, den proppenvollen Bierkönig , der mich an eine urige Skihütte erinnerte, nur dass die Menschen hier viel weniger anhatten und dass es keine Germknödel gab. An den Wänden hingen Breitbildfernseher, die den Bundesligafußball des Nachmittags wiederholten, immer wieder, in einer Art Endlosschleife. Wir kauften drei große Biere. Von den jungen deutschen Urlaubern, die hier teils oberkörperfrei vor Theken standen oder hüpften, sangen oder sich verbrüderten, wurden wir völlig ignoriert. Dabei waren wir ja nicht nur im selben Alter wie diese Jungs und Männer, sondern teilten sicher auch einige Vorstellungen und Ideen. Die Idee vom Sommerglück zum Beispiel, von guter Laune in heißen Nächten, von soliden Rauschzuständen, von Euphorie und echter Freundschaft. Im Grunde trennten uns vielleicht nur einige Redensarten und der Musikgeschmack. Die jungen Frauen, von denen es hier nicht so viele gab und die sich, von den Jungs noch etwas separiert, in kleinen Gruppen aufhielten, ignorierten uns ebenfalls, und das war eigentlich noch ärgerlicher.

Wir standen vor der wahrscheinlich gewaltigsten Saufparty der Welt

Je mehr Zeit verstrich, desto stärker wurde das Gefühl, dass wir in dieser Nacht gar keine tatsächlich anwesenden Personen waren. »Wir sind Gespenster«, sagte K. »Hessische Gespenster«, ergänzte ich, da K. an diesem Abend stärkeren Dialekt als sonst zu sprechen schien. Wir hatten es uns gerade im Eingangsbereich des Bierkönig an Stehtischen bequem gemacht, als wir plötzlich doch einmal wahrgenommen wurden. Ein muskulöser Junge tauchte auf: »Darf ich mein Getränk hier abstellen?«

Der Junge stellte seinen Henkelkrug voller Long-Island-Iced-Tea vor uns ab. Wir nickten.

»Und? Wo kommt ihr her?«

»Frankfurt.«

Jetzt nickte der Junge.

»Und du?«

» Koblenz ... Kennt ihr?«

Wir hatten zumindest schon von Koblenz gehört: »Klar.«

Mit dem Ende unseres Dialogs begann ein Lied, ein irrer Ohrwurm, den der halbe Bierkönig spontan mitzusingen wusste. Der Text ging so: »Wenn ich dich seh, dann denk ich an ein Auto. Denn deine Hupen sind so wunderschön. Ich hoffe, du kommst bald zum Reparieren, dann könnte ich die Hupen mal studieren. Suuuuperhupen! Suuuuperhupen!«

Welchen Verlauf würde diese Nacht noch nehmen? Es war eine Uhrzeit erreicht, zu der man entweder heimfahren, eine der großen Diskotheken besuchen oder sich mit einer Bekanntschaft an den Strand zurückziehen sollte. Aber von Bekanntschaften konnte ja gar keine Rede sein, schließlich hatten wir bisher nur mit Animateuren, mit Getränkeverkäufern und mit diesem Koblenzer gesprochen. Und für eine Heimfahrt waren wir auf eine viel zu vitale Weise angetrunken. Blieb uns also die Aussicht auf eine späte Disconacht. Den Flugzetteln, die überall verteilt wurden, entnahmen wir folgende Optionen:

1. OBERBAYERN : Jürgen aus der ersten Big Brother-Staffel performt. Eintritt: 15 Euro. Alle Getränke inklusive!

2. RIU-PALACE : ein Minimal-Techno-DJ aus Frankfurt am Main .

3. MEGARENA : Matze Knop als Super-Ritchie live on stage. Aussage einer brünetten, leicht fränkisch sprechenden Animateurin: »Ihr zahlt 15 Euro, kriegt dafür zwei Longdrinks umsonst und noch einen Schnaps von mir.«

K. schlug vor, erst mal eine Portion Pommes zu essen, doch die Schlangen vor den Grillmeister-Filialen waren uns zu lang. Wir gingen weiter. Für einen Moment hielten wir vor der eindrucksvollen Eventhalle Megarena inne und blickten durch die Scheiben: unzählige Männer und Frauen auf massiven Tischen, überdimensionale Bierkrüge, meterlange Strohhalme, Menschen, die stampften und wippten, die ihre Hände in die Luft streckten, ihre Fäuste ballten oder einfach nur klatschten. Und all das in einem taghell ausgeleuchteten Holzthekenambiente. Ein gigantischer Bierpalast. Ich hatte so etwas zuvor noch nie live gesehen, eine gewisse Ehrfurcht konnte ich nicht leugnen, schließlich befanden wir uns hier nicht an irgendeinem Ort. Wir standen an einem Samstagabend im Hochsommer vor der größten Diskothek von S’Arenal. Mit anderen Worten: Wir standen vor der wahrscheinlich gewaltigsten Saufparty der Welt.

Ich versuchte pragmatisch zu bleiben: »Okay, Jungs ... bei einem Gin Tonic weiß man nie, wie viel drin ist. Und im Oberbayern gibt es für denselben Preis alle Getränke umsonst...«

S. folgte meiner Argumentation und ergänzte: »Ja. Und Jürgen aus dem Big Brother-Haus ist noch viel, viel härter als Matze Knop! Das sollten wir durchziehen!«

S’Arenal funktioniert nach seinen eigenen Regeln

K., der auch noch nie hier vor der Megarena gestanden hatte, wurde dagegen immer grimmiger: »Ich geh da nicht rein. Auf gar keinen Fall. Auch nicht ins Oberbayern. Ihr könnt das ja gerne machen. Ich steige dann aber in ein Taxi und fahre nach Hause.« Ich hatte K. im Jahr 2001 als begeisterten Snowboarder kennengelernt. Er hatte sich immer als stilvoll feiernde Person gesehen und blieb gewissen Prinzipien treu. Es gab für ihn wohl Dinge, die ganz fundamental nicht in Ordnung gingen, und zu diesen Dingen gehörte das Oberbayern, oder Jürgen aus dem Big Brother-Haus, oder Holztische zum Betanzen. K. wusste, was er nicht wollte. S. schlug vor, dass wir uns doch auch mit kühlen Getränken und einer Packung Zigaretten an den Strand setzen könnten, es sei schließlich Sommer.

Also setzten wir uns in den feinen Sand, blickten aufs Meer und schwiegen. Um diese Nachtzeit schienen vor allem junge Paare hierher ans Wasser zu kommen, um sich hinter den Strandkörben zu verschanzen. So geschah es, dass wir links wie rechts bald ziemlich austauschbare Sexszenen geboten bekamen. Recht sportliche Typen lehnten mit geöffneten Shorts am Strandkorb, bewegten sich kaum und ließen sich von agilen deutschen Mädchen reiten. Wir sahen Hüften auf und ab wippen, wir sahen sie kreisen, das Tempo steigern, das Tempo drosseln, kreisen, steigern, drosseln. Unsere Augen mussten vom Alkohol gerötet sein, unsere Gesichter blass. Leicht angespannt lehnten wir uns manchmal nach vorn, wir dämlichen Harry Potters, um bessere Sicht auf eines der Pärchen zu haben.

»Es muss sich albern und fremd anfühlen, sich hier am Strand so pornografisch zu verhalten«, sagte ich, ohne zu wissen, wie ernst ich das meinte. »Lass sie doch«, raunte K. und grinste. S. deutete nach links, wo gerade eine neue Stellung ausprobiert wurde, und flüsterte: »Dieser Kerl da fühlt sich anscheinend gar nicht so fremd.« Ich fragte K. nach einer Zigarette, dabei rauchte ich ja gar nicht.

Wir mussten lachen: Einer der Typen schaute sich scheinheilig um, ob andere Strandgäste ihn beobachteten. Es war ein ganz und gar narzisstischer und demonstrativer Blick, denn selbstverständlich war seine Silhouette im Laternenflutlicht schon von Weitem zu sehen, und natürlich wusste er das. Er schaute zuerst nach links, dann nach rechts, und er hätte dabei eigentlich auch uns sehen müssen, wie wir da hockten, als drei Gespenster im Sand. Aber sein Blick ging einfach über uns hinweg.

Bei Tagesanbruch fuhr uns ein Taxi raus aus S’Arenal. Dieser Ort hatte uns zwar nicht mit offenen Armen empfangen, aber auch nicht verstoßen, er funktionierte nach seinen eigenen Regeln, zweifellos auch ohne uns. Als ich mich auf der Rückbank noch einmal umdrehte, sah ich den grünen Raubsaurier fahl im Morgenlicht. Er stand drohend da und brüllte lautlos, wurde dann aber rasch von den Gebäuden verdeckt.