DIE ZEIT: Sie haben beide als Großstadtreporter über die sozialen Hintergründe von Verbrechersyndikaten und Drogengangs, von Raub und Mord geschrieben. Wie steckt man die persönliche Begegnung mit so viel Gewalt weg?

Suketu Mehta: Ich komme gerade aus Rio zurück; da will die Polizei die Favelas befrieden. Doch einige wagt sie nicht einmal mit dem Helikopter zu überfliegen. Meine härteste Erfahrung hatte ich aber beim Polizeipräsidenten in Bombay , als ich für mein Buch Maximum City recherchierte. Er ließ mich in seinem Büro zuschauen, während seine Polizisten Verdächtige folterten. Zu erleben, wie sie die Leute mit ihren Stiefeln fast tottraten – das war schlimm. Und ich saß hinten im Raum und machte Notizen.

David Simon: Wow, das haut mich um. Lügen und Manipulation bei Verhören – das habe ich damals auch erlebt. Aber so weit wie in Mumbai ging es nicht bei der Polizei in Baltimore .

ZEIT: Herr Simon, leben Sie noch in der Stadt, die Sie in Ihrer TV-Serie The Wire beschrieben haben und im Buch The Corner, das jetzt auch auf Deutsch erscheint?

Simon: Nein, zurzeit wohne ich in New York – einer Metropole, die über Amerikas Großstädte absolut nichts zu erzählen hat. Hier sind die gefährlichen Viertel mittlerweile saniert, und ausgeraubt wird man höchstens noch in Drei-Sterne-Lokalen.

Mehta: Diesen Wandel New Yorks habe ich selbst erlebt. Als ich Anfang der neunziger Jahre ins East Village umzog, ging es dort noch so zu wie in Baltimore. Meine Nachbarn verschafften dem Viertel Arbeit mit dem Verkauf von Heroin. In der ersten Nacht in meiner neuen Wohnung klopfte der Bandenchef Hektor an meine Tür: »Du bist also der neue Mieter?« Ich sagte: »Stimmt.« Darauf er: »Jeder meiner Leute wird sich für dich erschießen lassen. Du gehörst jetzt zum Kiez...« Andere Nachbarn hätten zum Einzug einen Kuchen vorbeigebracht!

Simon: In den Neunzigern – das war, als das Geld in New York gerade nach Osten wanderte, oder?

Mehta: Auf einmal fanden es die Reichen aus dem Financial District schick, im East Village zu leben. Eines Nachts rückte die New Yorker Polizei mit Hubschrauber, Panzerfahrzeug und Sturmgewehren bei meinen Nachbarn an und nahm sie alle fest. Die Obdachlosen aus den leer stehenden Gebäuden wurden vertrieben, und auf meinem Parkplatz wuchsen teure, coole Wohngebäude. In deren Lobbys hängten die neuen Bewohner dann stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Fotos der Obdachlosen auf.

Simon: Manhattan, Brooklyn oder Queens konnten damals runderneuert werden, weil die Wall Street auf Hochtouren lief. Aber noch einmal: New York ist nicht Amerika. In Cleveland oder Detroit sitzt keine Finanzindustrie, und diese Städte haben auch sonst kein Geld. Sie leben uns das postindustrielle Desaster vor. Allein in Baltimore gibt es jedes Jahr über 230 Morde. 60 Prozent davon passieren in der Untergrundwirtschaft.

ZEIT: Und im Slum – ein Wort, das man für die Elendsviertel in Baltimore genauso wie für jene in Mumbai benutzt...

Mehta: In Bombay sagt man nicht Slum, sondern Basti, das heißt: Gemeinschaft. 60 Prozent der Einwohner wohnen in Slums! Und das sind keine toten Zonen. Lederwaren werden fabriziert, man geht zum Computerunterricht, es gibt Ärzte und Anwälte, und viele arme Zuwanderer vom Land verschaffen sich selbst Arbeit, zum Beispiel indem sie irgendetwas verkaufen.

ZEIT: Kann man die Slums der neuen asiatischen Megacitys und jene der alten amerikanischen Industriestädte also nicht miteinander vergleichen?

Mehta: Nur teilweise. Denken Sie allein an die Dimensionen des Massenansturms! Die Bevölkerung von New York City soll in den nächsten Jahrzehnten von 8 auf 9 Millionen Menschen anwachsen – im Großraum Bombay leben schon jetzt rund 20 Millionen, und jedes Jahr kommt eine weitere Million dazu. Heute hat jedes indische Kaff Fernsehen und Internet, die Dorfkinder kennen die Autos, Kleider und Filme der Städter und wollen das alles auch haben. Weil sie Bombay in ihren Träumen schon lange bewohnt haben, finden sie sich dann mit einer Hütte ohne Wasser, Klo und Elektrizität ab – Hauptsache, Bombay.

Simon: Man kann sich nur in der Stadt neu erfinden. Auf dem Land bleibst du immer, wer du bist – im Guten wie im Schlechten.