Kunstmuseum Kloster Unser Lieben FrauenErdblitz im Speisesaal

Der ZEIT-Museumsführer Nr. 134: Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg.

Im ungewöhnlich großen Speisesaal des Magdeburger Liebfrauenklosters hallt jeder Schritt laut nach. Der 45 Meter lange Raumschlauch mit romanischem Gewölbe hat eine Wucht, die einem fast den Atem raubt. In diesem Saal saßen im 12. Jahrhundert Erzbischof Norbert von Xanten und seine Reformmönche beim frugalen Mahl und lauschten einem Vorleser, der Bibelpassagen vortrug.

Heute trifft man hier auf italienische Arte Povera von Gilberto Zorio, Spraybilder des Afroamerikaners Rashid Johnson, tonnenförmige Terrakotta-Gebilde von Norbert Prangenberg, fingerdick aufgetragene Manifestationen des Leipziger Malers Hartwig Ebersbach (Erdblitz und Sienesische Malerei) und Erdklumpen in Holzkisten von Olaf Wegewitz. Es ist durchaus reizvoll, Gegenwartskunst in solch einer romanischen Klosteranlage zu erleben: Der Dombezirk und das Kloster drängen zu kontemplativer Haltung, die von der Kunst – beispielsweise von Ebersbachs quietschfrecher Malerei mit applizierten Farbtuben – konterkariert wird.

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Die seit 1990 mit bescheidenen Mitteln aufgebaute Sammlung internationaler Gegenwartskunst ist inzwischen in jenen Raum eingezogen, den noch vor 30 Jahren die DDR-Bildhauerei einnahm. Mit 1200 überwiegend kleinformatigen Plastiken und rund 600 Bildhauerzeichnungen verfügt das Liebfrauenmuseum über die größte Sammlung von Plastiken aus der Zeit der Deutschen Demokratischen Republik.

Magdeburg war immer schon ein Bildhauerzentrum. Dass sich in der Stadt das erste frei stehende Reiterdenkmal auf deutschem Boden befindet (Magdeburger Reiter), war Anlass dafür, die Stadt zum Nationalen Zentrum für Plastik der DDR zu erklären. Damit möchte man in dem Museum – das nach zweijähriger Sanierung kürzlich mit einer Ausstellung von Christiane Möbus wiedereröffnete – aber heute nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden. Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen möchte sich heute lieber als wichtigste Plattform für Gegenwartskunst in Sachsen-Anhalt profilieren.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

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Um großzügigere Räume für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu erhalten, wurden eigens tiefer gehängte Holzdecken aus den achtziger Jahren entfernt. Dadurch tritt nicht nur die mittelalterliche Struktur wieder offener zutage, sondern auch die Rekonstruktion des kriegszerstörten Westflügels durch den Bauhaus-Schüler und Denkmalschützer Hans Berger. Die nach dem Krieg vergrößerten Außenfenster sind seit Kurzem künstlerisch verspiegelt: 17 silberne Paneele der Berliner Künstler Jan und Tim Edler reflektieren den Stadtraum und lassen zugleich von außen erkennen, ob das Kunstmuseum geöffnet oder geschlossen ist. Die Sammlung wurde in jüngster Zeit vor allem um Video- und Fotokunst (unter anderem von Lewis Baltz, Michael Schmidt) erweitert. Unterm Dach gibt es neuerdings eine Medien-Lounge. Plastiken nehmen heute einen untergeordneten Stellenwert ein: Der größte Teil des Bildhauerschatzes wurde ins Depot geräumt. Lediglich im tieferen von zwei Kellergewölben (»Untere Tonne«) stößt man neben römischen Athletenköpfen und einer Madonna aus dem Donatello-Umfeld auf ein altes, müdes Paar von Max Lachnit aus den frühen fünfziger Jahren und einen kleinen Torso eines Gemarterten von Theo Balden aus den siebziger Jahren.

Unverrückt blieben dagegen große Bronzeplastiken im Außenraum, die das Museum seit den achtziger Jahren förmlich umzingeln. Sie vermitteln immerhin einen Eindruck von der realistisch-sozialistischen Plastik. Darunter finden sich ein als Christus stilisierter Arbeiter von Fritz Cremer und proletarische Mutterfiguren von Sabine Grzimek. In ihrem ironiefreien Pathos wirken diese Plastiken heute eigentümlich fern.

Bemerkenswert ist auch die Außenraumskulptur Dresden – 13. Februar 1945 von Klaus Schwabe aus dem Jahr 1987: Auf eine nackte männliche Gestalt prallen Explosionstrümmer so auf, dass die Gestalt kubistisch überformt erscheint. Der Bildhauer verwendete avantgardistisches Formenvokabular, das im Osten als »formalistisch« abgewertet war, und passte es eigenwillig dem realistischen Stil an. Dem DDR-Skulpturenpark stellt das Museum seit der Wende internationale Kunst gegenüber. Das Erbe an Kleinplastiken wird im Liebfrauenmuseum hingegen fast verschämt versteckt. Dabei wäre für ein internationales Kulturpublikum die einmalige Sammlung an sozialistischen Plastiken wohl interessanter als ein internationaler Kunstmix, wie man ihn allerorten findet.

 
Leserkommentare
    • kfgbst
    • 11.03.2012 um 18:21 Uhr

    In Sachsen-Anhalt gibt es wenige sichtbare öffentliche Anstrengungen, zeitgenössischer Kunst ein Podium zu geben. Das Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg ist das einzige Museum im Bundesland, welches trotz schwierigster Bedingungen wagt, den großen Kontext internationaler zeitgenössischer Kunst zu öffnen, und in immer wieder hochqualitativen Ausstellungen ganz eigene Wege zu gehen, oft gegen den Widerstand von Kreisen, welche überlebte künstlerische Haltungen der 50-er bis 80-er Jahre der DDR gerne wieder im Mittelpunkt der Museumsarbeit sähen.
    Dies im ZEIT-Museumsführer auszublenden, bzw. als uninteressanten internationalen Kunstmix zu verkennen, statt dessen die sozialistischen Plastiken zurückzusehnen, empfinde ich als hochgradig befremdlich, ja arrogant. Vielleicht hat die Autorin den Skulpturenpark des Museums übersehen, in welchem sich zahlreiche jener Werke finden, deren Qualität nicht des historischen Kontext DDR bedarf. Auch hier gelingen dem Museum kluge Gegenüberstellungen, wenn zum Beispiel die „Skulptur Gewächshaus“ der Künstler Olaf Wegewitz, Johanna Bartl und Wieland Krause sich in Sichtweite zu „Mutter Erde“ von Fritz Cremer entwickelt.
    Ich wünsche mir mehr solcher streitbaren, frischen und mutigen Haltungen wie sie im Kloster sichtbar werden. Und ich wünsche mir Kritiker, die tiefer blicken, und sich nicht verärgert abwenden, wenn sie ihre eigenen Erwartungen nicht gespiegelt vorfinden.

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