Wenn Carsten Bauck über seinen Ökobauernhof führt, vorbei an dem alten Wohnhaus aus Fachwerk über die Wiese zu den Hühnerställen, kann er ganz schön ins Schimpfen geraten: über die "moderne Geflügelindustrie und die Kommerzialisierung der Schöpfung". Dabei ist Bauck kein Hardcore-Öko mit Filzhut, kein Weltfremder mit Wünschelrute. Er hat ein iPhone in der Tasche, pendelt im silbernen Mercedes zwischen Putenstall und Ochsenweide, und mit seiner wuchtigen Statur gleicht er dem Boxer Axel Schulz .

Der Hof im niedersächsischen Uelzen sei so etwas wie ein Labor, sagt Bauck – für eine bessere, eine ethischere Landwirtschaft . Schauplatz seiner Suche ist der Hühnerstall. Vor mehr als einem Jahr startete Bauck hier mit 1.000 Hühnern vom Typ Tetra-H seinen bisher größten Versuch. Die Tiere mit der nüchternen Bezeichnung sind sogenannte Zweinutzungshühner : Die Hennen legen Eier, die Hähnchen setzen Fleisch an.

Geboren im falschen Stall

Das klingt banal, ist aber ganz und gar ungewöhnlich. Warum, zeigt ein Blick in die Statistik: Zehn Milliarden Eier landen jährlich in den Einkaufskörben der deutschen Verbraucher. Ausnahmslos jedes wurde von Hybridhennen gelegt. Diese Tiere sind Spezialkreationen großer Zuchtkonzerne, optimiert für eine hohe Eierproduktion. Das Problem: Ihre männlichen Geschwister setzen nur wenig Fleisch an, weshalb sie, kaum geschlüpft, als "Eintagsküken" vergast und geschreddert werden – Jahr für Jahr rund 40 Millionen Tiere.

Im Gegensatz zu den Brüdern der Industriehennen lassen sich die männlichen Küken der Zweinutzungshühner mästen. Deshalb holte Bauck das Tetra-H-Geflügel, Hennen wie Hähnchen, auf seinen Hof. Seine Hoffnung damals: mit dieser Rasse das ethische Dilemma der Hühnerhaltung endlich zu lösen. "Die Kunden denken, bei uns ist alles heile Welt", sagt er. "Die Wahrheit ist das nicht." Denn auch bei ihm legen, wie bei allen anderen Bio- und Demeter-Betrieben in Deutschland, immer noch Hybridhühner die Eier.

Heute, nach 1.000 vorzeitig geschlachteten Hühnern, spricht Bauck von einer Bankrotterklärung. Aber der Reihe nach...

Dass die Kombihühner überhaupt nach Uelzen kamen, war reiner Zufall. Eine Geflügelhändlerin und Bekannte von Carsten Bauck entdeckte die Tiere während einer Reise auf kleinen ungarischen Familienhöfen. Sie machte Fotos und brachte Eier mit nach Deutschland. Zwar existieren auch hierzulande noch alte Zweinutzungsrassen, die bis in die fünfziger Jahre die Bauernhöfe dominierten. Die meisten von ihnen sind heute aber vom Aussterben bedroht. Kommerziell zu gebrauchen sind sie nicht, da die Hennen der alten Rassen nur um die 200 Eier jährlich legen. Selbst ein Biohof kann erst ab 270 Eiern pro Tier und Jahr wirtschaftlich arbeiten – im Durchschnitt zehn Eier mehr legt eine Tetra-Henne, weil ungarische Züchter irgendwann einmal ein Hybridhuhn in die alte Rasse eingekreuzt haben.

Bauck war begeistert und bestellte eine Herde. Dann begann das Rechnen. Der Bauer wusste, dass Tetra-H ein Drittel mehr Futter braucht als seine Hybridhühner. Über das Jahr zeigte der Taschenrechner einen Verlust von 10.000 Euro an. Das war ihm sein Versuch in ethischer Geflügelhaltung wert. Teurer verkaufen wollte er die Eier der ungarischen Hühner vorerst nicht. Zwar seien Kunden bereit, für gute Tierhaltung mehr zu bezahlen, sagt Bauck. Aber auch bei ihnen vermutet er eine Schmerzgrenze. Deshalb kosteten die Eier der ungarischen Hühner mit 39 Cent im Biosupermarkt in Hamburg und Berlin genauso viel wie die seiner 2.000 Hybridhennen. Eigentlich hätten sie wegen der Futterkosten 50 Cent kosten müssen.

Man kann Baucks Experiment, der Hühnerindustrie im Alleingang einen Ausweg aus der ethischen Sackgasse zu weisen, mutig nennen oder auch verrückt. Es stimmt wohl beides. Denn er war der erste Landwirt in Deutschland, der einen solchen Großversuch wagte. Sein Kalkül: Zeigt sich, dass sich Zweinutzungshühner erfolgreich halten lassen, springen andere Bauern auf und werden Tetra weiterzüchten.

Aufseiten der Wissenschaft herrscht allerdings Skepsis, was den Nutzen von Kombihühnern angeht. Das Zweinutzungshuhn sei keine Antwort auf die Probleme der Bauern und ethisch bewusster Kunden, sagt der Tiergenetiker Steffen Weigend, der für das staatliche Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Neustadt arbeitet. Er rechnet vor: Ein gängiges Hybridhuhn benötige pro Kilo Eimasse knapp zwei Kilo Futter, Zweinutzungshühner brauchten das Doppelte. Ähnlich schlecht sei die Bilanz, wenn man versuche, die Hähnchen zu mästen.

Weigend hält es deshalb für unwahrscheinlich, dass Kombihühner jemals zur Grundversorgung der Bevölkerung beitragen werden. Im großen Maßstab gehalten, würden sie den Menschen schlicht das Getreide vom Teller picken.

Außerdem ließe sich das Problem des Kükenmords auch ohne Kombihühner lösen, sagt der FLI-Experte. Nämlich mit Pränatal-Techniken, die schon vor dem Schlüpfen das Geschlecht der Küken bestimmten. So müssten die Eier nicht erst ausgebrütet und dann aufwendig sortiert werden. Tatsächlich forschen die großen Zuchtfirmen seit Jahren mit viel Geld in dieser Richtung. Nennenswerte Erfolge gab es bei der Entwicklung bisher aber nicht. Deshalb waren Zweinutzungshühner unter engagierten Bauern schon länger als Alternative in der Diskussion – wenn auch vorerst nur für die Ökolandwirtschaft.