Ich hätte mir gern Orgosolo angesehen, war aber während meiner ersten Sardinienreise in den achtziger Jahren nur bis Nuoro gekommen. Was ja auch schon etwas war. Schließlich gehörte das am Rand der Barbagia, dem »Land der Barbaren«, gelegene Provinzstädtchen nicht gerade zur Reiseroute der Sardinienurlauber. Die zog es meist ans Meer, zum Baden an eine der Küsten. Daran lag mir nicht, obwohl ich in Wahrheit auch nur ein Tourist war. Aber keiner, der Baden gehen wollte. Ich reiste nach Sardinien , weil mich die Schwermut und die Einsamkeit der Insel anzogen. Und weil ich Gavino Leddas Roman Padre padrone gelesen hatte, in dem der Autor von seiner Kindheit als Sohn eines tyrannischen Schafhirten erzählt, dem der Sohn letztlich nur durch seine Einberufung zum Militär entkommt.

Meine Lesart Leddas war identifikatorisch. Auch ich hatte einen Vater, der zwar kein Schafhirte, aber ebenfalls zum Fürchten und ein padre padrone gewesen war. Dem jungen Gavino Ledda fühlte ich mich nahe, ich fühlte mich auch Sardinien nahe, noch ehe ich die Insel zum ersten Mal betreten hatte. Und ich glaubte, die Schrecken und Ängste einer sardischen Kindheit nur allzu gut zu verstehen.

Zugleich aber nahm mich noch ein ganz anderes Sardinienbild gefangen. Es stammte aus Elio Vittorinis Reisetagebuch Sardegna – come un’ infanzia , das auf Deutsch unter dem Titel Sardinien, ein Land der Kindheit erschienen ist. Der Sizilianer Vittorini bereiste Sardinien zum ersten Mal mit 28 Jahren. Und doch erschien ihm der Aufenthalt auf der Insel im Rückblick come un’ infanzia , wie eine Kindheit – unwiederholbar und unvergänglich in einem: Sardinien »war ein unvergessliches Stück Leben von mir. Wie eine Kindheit. An meiner Kindheit hat es jetzt teil...« Dieser Gedanke ließ mich nicht los: dass wir unserer Kindheit auch als Erwachsene noch etwas hinzuzufügen, womöglich das Glück der Kindheit nachträglich zu vermehren vermöchten.

Ich hatte meine Kindheit in Ostwestfalen verbracht. Fleischfabriken, Kläranlagen und Kartoffelfelder taugten nicht für Kindheitsbilder, an die man sich gern erinnerte. Ob sich Sardinien dazu eignete, biografische Mangelerfahrungen zu kompensieren, gar früherem Kindheitsglück, wenn es denn eines gab, noch ein neues hinzufügen? Vittorinis sardische Erfahrung erschien mir verlockend. Doch letztlich bezweifelte ich, dass mir etwas Ähnliches gelingen könnte. Letztlich zog mich das Sardinien, von dem Ledda erzählte, stärker an. Die Kargheit, die weite, leere Landschaft, die vorchristliche Nuraghen-Kultur, uralt und fremd. Auch die Schafhirten interessierten mich, die durch die Berglandschaften streiften, die ihre Kinder prügelten und zu Männern heranzogen, die ebenfalls ihre Kinder prügeln würden. Wenn sie nicht, wie Gavino Ledda, all dem entkamen, ein Buch über ihre sardische Kindheit schrieben und zudem als Universitätsprofessoren arbeiteten. Oder aber Banditen wurden – weil ihnen Unrecht geschah und sie der Staatsmacht trotzen wollten, weil sie anarchisch oder auch weil sie einfach böse, roh und gewalttätig waren.

Ich hatte den Film Banditen in Orgosolo von Vittorio De Seta gesehen. Auf Video. Ein Film noir auf sardische Art. Er erzählt, wie aus einem Schäfer ein Bandit wird. Der Film spielte in und um Orgosolo herum und war so dunkel, dass man in manchen Sequenzen beinahe nichts mehr sah. Ich saß vor dem Fernseher und blickte in sardische Schwärze. Auch das erste Verbrechen des Schäfers am Ende des Films war mehr zu hören als zu sehen gewesen.

Ich wollte sehr gern nach Orgosolo. War aber, wie gesagt, vorerst nur bis Nuoro gekommen, wo es allerdings auch ziemlich einsam war und wo ein kalter Wind durch die Gassen pfiff, und das im Spätsommer, und wo mich der Wirt eines Restaurants, in das ich abends gegen halb neun einkehren wollte, mit den Worten: »Wir schließen«, wieder hinauskomplimentierte. Auf meine Frage, warum das Lokal so früh geschlossen wird, antwortete er nur: »La paura.« Die Angst? War das ein Witz? Oder ein Filmzitat? Eine Erfindung für Touristen, um das halb ausgestorbene Provinzstädtchen interessant zu machen? Ich wusste es nicht, glaubte dem Mann kein Wort, hatte aber trotzdem keine Lust mehr, noch länger in der Gegend zu bleiben und nach Orgosolo weiterzufahren. Zumindest nicht allein und während dieses kühlen und regnerischen Spätsommers, der in Wahrheit schon der Beginn des Herbstes war.