12.000 Menschen warten in Deutschland auf eine Organtransplantation , für die meisten ist es die einzige Chance, zu überleben. 80 Prozent der Deutschen geben ihnen diese Chance nicht . Ich gehöre dazu.

Ich habe keinen Organspendeausweis, so wie Millionen andere in diesem Land. Dabei wäre ich bereit, nach meinem Tod Herz, Niere oder Lunge herzugeben, so wie die große Mehrheit der Millionen.

Trotzdem habe ich mir nie diesen Spendeausweis besorgt. Vielleicht, weil ich eine Auf-später-Verschieberin bin. Vielleicht, weil ich den Tod in meinem Leben gerne außen vor lasse. Einen wirklich konkreten Grund kann ich nicht nennen, wie die meisten der eigentlich Spendewilligen.

Eine Informationsoffensive, die ein fraktionsübergreifender Gesetzentwurf vorsieht, soll nun die Zahl der Organspender steigern: Die Krankenkassen werden Infomaterial samt Spenderausweis an alle Versicherten verschicken und dies in Abständen von zwei Jahren wiederholen.

Eine nette Aktion, die allerdings kaum Auswirkung auf die Spenderquote haben dürfte. Schon jetzt sind die Kassen zur Aufklärung verpflichtet, gebracht hat es nichts. Im vergangenen Jahr sind die Spendezahlen sogar zurückgegangen. Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass mehr Menschen einen Spenderausweis ausfüllen, wenn sie ihn erst einmal in der Hand halten. Doch Papier ist nicht nur geduldig, es lässt sich auch leicht beiseite legen (um dann in Vergessenheit zu geraten) oder wegschmeißen. Davon auszugehen, jedem liege das Thema Organspende so sehr am Herzen, dass er sich damit beschäftigt und einen Ausweis ausfüllt, wenn er denn nur die nötigen Informationen in der Post hat, ist eine schöne Vorstellung – aber auch eine unrealistische.

Stattdessen könnte die Politik nutzen, dass die Organspende längst gesellschaftlicher Konsens ist. Das schafft die Möglichkeit für eine Gesetzesinitiative, die die bisherige Handhabung umkehrt: Jeder erwachsene Bürger gilt als potenzieller Spender, bis er das Gegenteil erklärt. Nachteile hat er deshalb nicht zu befürchten. Diese Widerspruchsregelung ist in Ländern wie Spanien , Italien oder Österreich Praxis. Und dort ist die Spendenrate deutlich höher als in Deutschland.

Auch hier war eine solche Regelung in der Diskussion. Sie wurde politisch verworfen, weil sie keine Chance auf Zustimmung aller Fraktionen hatte. Die ist zwar gar nicht notwendig, doch man wollte bei einem so sensiblen Thema parteiübergreifende Einigkeit demonstrieren – herausgekommen ist eine Minimallösung. Die Frage, wie viel dem einzelnen aus Pflicht zur Nächstenliebe abverlangt werden kann, hätte eine harte und hartnäckige Debatte verdient. Eine Debatte, wie sie im Bundestag einst über die gesetzliche Patientenverfügung geführt wurde, in der es um das selbstbestimmte Sterben ging.

Die Entscheidung gegen eine Organspende muss nicht gerechtfertigt werden.

Das Recht auf Selbstbestimmung, das auch Entscheidungen umfasst, die über den Tod hinausgehen, ist ein hohes Gut. Deshalb gibt es verfassungsrechtliche Bedenken (in Deutschland der Joker unter den Debattenabwürgern) gegen die Widerspruchsregelung. Denn sie bürdet dem Menschen eine Entscheidungslast auf, übt Druck auf ihn aus, sich mit der Spendenfrage auseinanderzusetzen. Doch welche Entscheidung jeder Einzelne für sich trifft, bleibt ihm immer noch selbst überlassen. Die Entscheidung gegen eine Organspende muss nicht gerechtfertigt werden. Ob religiöse Ansichten, die Verweigerung, sich mit dem Tod zu beschäftigen, oder einfach nur ein mulmiges Gefühl – die Beweggründe bleiben ohne Wertung, sie sind Privatsache.

Auch der altruistische Gedanke der Organspende, einem anderen Menschen ein lebensrettendes Geschenk zu machen, würde nicht verloren gehen, wie manche befürchten. Die Spende wird kein Zwang, nur weil ein Widerspruch nötig ist, um sie zu verweigern. Schließlich ist keine Äußerung auch eine Entscheidung – in diesem Fall eine für und nicht wie bisher gegen eine Organspende.

Für Angehörige von Menschen ohne Organspendeausweis wäre die Widerspruchsregelung eine Erleichterung. Sie müssten nicht im Falle eines Falles entscheiden, ob der Tote einer Organentnahme zugestimmt hätte. Diese seelische Belastung könnte ihnen abgenommen werden, weil von dem Einverständnis des Verstorbenen auszugehen ist, wenn von ihm keine gegensätzliche Erklärung vorliegt.

Ich habe keinen Organspendeausweis. Ob der Brief der Krankenkasse bei einer Auf-später-Verschieberin wie mir etwas daran ändert, weiß ich nicht. Ich weiß aber: Widersprechen, meine Organe zu spenden, würde ich nicht.