Ihr Treffen ist geradezu unerhört: Steffen Flaths CDU regiert mit der FDP ; Antje Hermenaus Grüne sind Oppositionspartei. Nur: Die Umfragewerte sind schlecht für Schwarz-Gelb. Und gut für: Schwarz-Grün. Zeit, sich zu besprechen.

DIE ZEIT: Frau Hermenau, Herr Flath. Dies ist eine Premiere, das erste schwarz-grüne Doppelinterview mit Ihnen beiden...

Steffen Flath: ...ich räume ein: Ich bin ein wenig aufgeregt.

Antje Hermenau: Ich betone, es kam nur auf ausdrücklichen Wunsch Ihrer Redaktion zustande. Es gab eigentlich keinen Anlass dafür. Dies sind keine vorgezogenen Koalitionsverhandlungen!

ZEIT: Als Ihr Parteirat jetzt in Dresden tagte , bekam Parteichef Cem Özdemir wegen seiner Offenheit für Schwarz-Grün mächtig Druck vom Vorstand. Ist das Modell bereits Geschichte?

Hermenau: Ich habe da nur eine Debatte über grüne Eigenständigkeit erlebt. Das für eine Schwarz-Grün-Debatte zu halten ist überspitzt.

ZEIT: Ist Schwarz-Grün Vergangenheit?

Hermenau: Das liegt in der Hand des Wählers. Eigenständigkeit bedeutet aber, dass die Grünen sich nicht auf SPD , Linke oder CDU festlegen lassen, sondern mit demjenigen koalieren, mit dem wir die meisten Schnittmengen haben.

ZEIT: Sie würden sich von der Bundesspitze also nicht verbieten lassen, mit der CDU zu verhandeln?

Hermenau: Nein, da sind sich alle 16 Fraktionsvorsitzenden in den Ländern einig.

ZEIT: Und bei Ihnen, Herr Flath?

Flath: Die Stimmungslage in Berlin wechselt von Zeit zu Zeit. Ich gehe deshalb den Weg, der für Sachsen am besten ist. Wir haben hier andere Voraussetzungen als im Westen: die Erfahrung der DDR , die Erfahrung der Revolution, die Erfahrung der Runden Tische. Die Kollegen von SPD , FDP oder den Grünen sind für mich keine Gegner, sondern zunächst Menschen, die das Land gestalten wollen. Ich arbeite darum für eine Parlamentskultur ohne persönliche Angriffe, sondern mit persönlichen Gesprächen.

Hermenau: Da trifft sich das Persönliche mit unserem Parteitagsbeschluss vom Herbst 2010. Der lautet: Wir sprechen regelmäßig, in größeren Abständen, mit den Spitzen von SPD, Linken und der CDU über langfristige strategische Fragestellungen. Die FDP ist übrigens ausdrücklich nicht dabei, wir vermuten da keine Gesprächssubstanz.

Flath: Es gibt noch eine sächsische Besonderheit: Ich bin bei Kurt Biedenkopf in die Politik-Schule gegangen. Sein Denken zeichnet sich dadurch aus, dass er Antworten auf die großen Gesellschaftsfragen sucht – und nicht das CDU-Parteiprogramm abarbeitet.

ZEIT: Gerade Sie drängen die CDU aber zu einem konservativen Profil. Wie passt das zusammen?

Flath: Das passt schon zusammen. SPD, FDP, Grüne und die CDU stehen zwar im Wettbewerb und müssen für den Wähler erkennbar sein. Sie können aber alle jederzeit miteinander koalieren.

ZEIT: Die CDU also auch mit Frau Hermenau?

Hermenau: Das wäre ja keine Zwei-Leute-Show. Das müssen schon zwei Parteien wollen.

Flath: Am schönsten war das Regieren natürlich allein. Aber ich sehe auch die Option mit den Grünen. Das ergibt sich schon aus dem persönlichen Umgang, der von gegenseitiger Wertschätzung getragen ist.