An das sogenannte Regietheater, das eher den Charakter des Regisseurs enthüllt als den des Stücks, hat man sich derart gewöhnt, dass die Inszenierung des berühmtesten Dramas von Arthur Miller am Hamburger St. Pauli Theater völlig verblüffend wirkt. Wir sehen den Tod eines Handlungsreisenden (1949) in einer Aufführung, die auf Aktualisierungen und Knalleffekte gänzlich verzichtet. Der nunmehr 82-jährige Altmeister Wilfried Minks scheint sich (und uns) fragen zu wollen: Was kommt heraus, wenn man das Stück vom Blatt spielt? Heraus kommt: Immer noch ist es lebendig. Getreulich folgt Minks dem Text – bis hinein in die feierliche Wendung vom »Handlungsreisenden«, den es nur in der deutschen Übersetzung gibt. Der Salesman des Originaltitels ist doch bloß ein Handelsvertreter.

Der Vertreter Willy Lohman, Mitte 60, ist müde und mürbe geworden. Einst fest angestellt, arbeitet er jetzt auf Provision. Die Zahl seiner Abschlüsse sinkt, mit den Raten für Versicherungen und Kredite hinkt er hinterher, er muss den Nachbarn anpumpen. Die zwei längst erwachsenen Söhne sind gescheitert, sind ohne Familie, ohne sicheres Einkommen. Inmitten dieser vom Wind des Schicksals schief gewehten Existenzen behauptet sich allein seine Frau Linda als eine feste Burg. Der bitteren Wahrheit blickt Willy Lohman nur selten ins Auge. Häufiger beflügelt er sich und die Seinen mit einer Begeisterungsrhetorik, die kleine Erfolge zu gewaltigen Fortschritten aufbläst.

Burghart Klaußner spielt den Willy meisterhaft. Er ist himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt und beides fast gleichzeitig. Manisch wechselt er zwischen den Stimmungen, Selbstwidersprüche fallen ihm nicht auf. Eben noch nennt er seinen Sohn mit tiefer Überzeugung »einen gottverdammten Faulpelz«, um kurz darauf genauso überzeugt zu sagen: »Eins muss man Biff lassen – faul ist er nicht.«

Die Komik solcher Ungereimtheiten wird bei Klaußner gar nicht sichtbar, sein Willy ist ein grandioser Narziss, der sich nicht vorstellen kann, etwas anderes als das, was er im jeweiligen Augenblick glaubt und sagt, könnte der Fall sein. Das ist pathologisch, und anders als im Stück, das langsam auf den Selbstmord zuläuft, spürt man bei Klaußner von Beginn an: Das geht nicht gut. Aber er könnte nicht brillieren, hätte er nicht Margarita Broich , seine Linda (»du bist mein Stab und meine Stütze«, sagt er), als starkes Gegenüber. Sie ist weder das liebe Mütterchen noch die verbiesterte Alte. Im Sumpf männlicher Sentimentalitäten behält sie das Reale und das Reelle im Blick. Sie liebt ihren Willy, und dass er sie betrügt, ist traurig. Leider gerät Minks hier in eine Grobheit. Er zeigt uns die Gelegenheitsgeliebte als schrille, ordinäre Nutte, der zu verfallen man dümmer sein müsste, als Willy ist. In Millers Anweisung heißt es, die Frau sehe »recht anständig« aus. Wäre es nicht subtiler und glaubhafter, wenn Willys Seitensprung ihn ins Ähnliche führte anstatt ins Klischee des Gegenteils?

Sehr gekonnt dann wieder, wie die drei Männer sich in den fantasierten Erfolg der Gebrüder Lohman und ihres Sportgeschäfts hineinsteigern. Biff (Christian Sengewald) will seinen früheren Chef um Startkapital bitten, und Willy erklärt ihm, wie er das machen soll: »Geh sehr gemessen rein. Du bietest dich ja nicht als Laufbursche an. Sei ernst, ruhig.« Und dann: »Geh lachend rein. Du darfst nicht unsicher wirken.« Natürlich misslingt es. Die starke Szene, da sich der jüngere Bruder Hap (David Allers) zusammen mit dem Vater an den gemeinschaftlichen Traum klammern und Biff daran hindern will, die triste Wahrheit zu gestehen, zeigt, wie weit man kommen kann, wenn man dieses Drama ernst nimmt. Minks nimmt es nicht immer ernst genug. Der träumerische Wechsel unterschiedlicher Zeiten und Realitäten, der sich bei Miller übergangslos vollzieht, ruckelt hier oft, und das Reich der Sehnsucht, in dem Willys Fantasien schwelgen, bleibt auf der allzu kleinen Bühne kümmerlich.

Das Stück hat ja nicht nur mit Geld zu tun. Es erzählt vom vergeblichen Versuch, über sich hinauszuwachsen, erfolgreich zu sein, »beliebt«. Er habe, so Willy, seine Söhne dazu erzogen, »überall beliebt« zu sein, und ihren Onkel nennt er »beliebt, aber nicht sehr beliebt«. In den USA ist being popular bis heute die wichtigste Verhaltensregel, und auch bei uns ist sie längst an die Stelle des früheren Ideals selbstbewusster Eigenart getreten. Popular mit »beliebt« zu übersetzen ist unzureichend. Es hat zu tun mit »gefragt« oder »angesagt« und kommt aus einem auf die Karriere heruntergebrochenen Verständnis des Demokratischen: Sondere dich nicht ab, spiele mit, nur so hast du Erfolg! Minks zeigt, wie der ewige Anpasser Willy an seiner Anpasserei zerbricht. Das gibt es nicht nur in Amerika .