Wer sich viel mit Qualzucht beschäftigt, gewinnt leicht den Eindruck, dass alle Zucht Qualen schafft. Experten widersprechen. »Der größte Schritt in der Züchtung«, sagt Ottmar Distl, Direktor des Instituts für Tierzucht und Vererbungsforschung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, »liegt 1.000 bis 30.000 Jahre zurück.« Das sei die Domestikation durch Homo sapiens gewesen, die Zähmung des wilden Tieres und die Fortpflanzungskontrolle. In der Geschichte der Hundezucht etwa ging die Initiative womöglich sogar vom Wolf aus, als er feststellte, dass sich beim sesshaft gewordenen Menschen immer etwas zum Fressen fand. Der Mensch aber entdeckte, dass es wildere und zahmere Exemplare der Wölfe gab. So begann die erste Zucht durch Auslese. Das eigentliche Zuchtziel war anfangs vermutlich der Kochtopf. Doch der zahme Wolf taugte auch zum Jagen, zum Wärmen, zum Hüten, zum Spielen. Seine Mutationsfreudigkeit führte schon früh zu unterschiedlich an ihre Aufgaben angepassten Rassen.

Leider dienen heute immer mehr Tiere vorrangig der Repräsentation und Distinktion. Nicht zufällig werden in Deutschland nach Angaben des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) jährlich circa 345.000 Rassehundewelpen verkauft, aber nur circa 155.000 Mischlingswelpen. Bei bedrückend vielen Rassehunden aber kann man Anzeichen von Überzüchtung oder »Übertypisierung« feststellen. So beschäftigt sich das erwähnte Gutachten zum Tierschutzgesetz ausgerechnet mit einigen der beliebtesten und bekanntesten Hunderassen. Qualzucht entdeckten die Experten unter anderem bei Bernhardiner, Boxer und Deutscher Dogge, dem Deutschen Schäferhund, Leonberger, Mastiff, Neufundländer, Retriever, Rottweiler und verschiedenen Sennenhunden. Das Problem vieler dieser großen Hunde, das besonders durch den Schäferhund ins Gerede kam, ist eine schmerzhafte erbliche Hüftgelenksdysplasie (HD). An einer HD leiden bei manchen Rassen 50 Prozent der Individuen. Die Empfehlung der Gutachter: erblich belastete Tiere aus der Zucht nehmen.

Andere populäre Hunderassen tauchen in der Qualzucht-Liste gleich mit dem Vorschlag »Zuchtverbot« auf. Züchter weltweit übertreiben es gnadenlos, wenn sie dem menschlichen Wunsch nachzukommen versuchen, die Hunde mögen zeitlebens so süß wie Welpen aussehen. Dafür wurde den Hunden durch jahrzehntelange Selektion die Nase »weggezüchtet«. Erklärtes Zuchtziel ist dabei der »primatenähnliche Rundkopf« entsprechend dem notorischen Kindchenschema. Dass es durch die massiven Eingriffe in die Schädelanatomie zu erheblichen Atembeschwerden und Luftnot kommt (das »Schnarchen« beim Mops und bei der Bulldogge), zu Störungen der Thermoregulation und Hitzschlaggefährdung, zu Gehirntumoren und Wasserkopf, interessiert viele Züchter und Hundekäufer nicht. Betroffen von einer Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit) sind neben Mops und Chihuahua auch Pekinese, Shi-Tzu, Prince-Charles-Spaniel, Yorkshireterrier oder Boxer.

Die ärmste Kreatur unter den Kurzköpfen ist aber die Bulldogge. Zumindest ist die amerikanische Humane Society, die weltgrößte Tierschutzorganisation, der Ansicht, dass sie das extremste Beispiel für genetische Manipulation in der weltweiten Hundezucht ist. Eine schwedische Studie, basierend auf Hundeversicherer-Daten von 1995 bis 2010, kommt zu dem Ergebnis, dass die Bulldogge mit Augen- und Ohrenproblemen, Hautentzündungen, Atemschwierigkeiten, immunologischen und neurologischen Problemen und Behinderungen im Bewegungsapparat deutlich stärker belastet ist als jede andere Rasse. Das Journal of Veterinary Internal Medicine veröffentlichte 2011 Studienergebnisse, die besagen, dass Bulldoggen öfter als alle anderen Hunde an Atemwegsproblemen sterben. Ohnehin liegt ihre durchschnittliche Lebensdauer bei nur sechs Jahren. Andere Hunde dieser Größe werden leicht 10 bis 15 Jahre alt. Nichtsdestoweniger wird die Bulldogge zumindest in den USA von Jahr zu Jahr beliebter und liegt aktuell auf Platz sechs der registrierten US-Hunde. Es gibt Spekulationen, nach denen es gerade das Hilflose und der Ausdruck der Jämmerlichkeit ist, was das multimorbide Tier so überaus beliebt macht.

Obwohl das Leiden dieser Hunde fast greifbar ist, stellt sich in diesem Zusammenhang eine heikle Frage: Quälen Atemnot, Hitzschlaggefährdung (und Blindheit, HD, Paarungsunfähigkeit und so fort) die betroffenen Tiere tatsächlich? Haben sie Schmerzen? Fühlen sie sich unwohl? Stört es eine Taube, wenn sie nicht fliegen kann und stattdessen Purzelbäume schlägt? Hat ein Fisch Probleme mit seinem krummen Rücken? Leidet die Bulldogge, wenn sie sich nach hundert Metern Laufen hinlegen muss?

»Der Mensch setzt hier die Grenzen«, sagt Ottmar Distl, »die zu definieren ist allerdings schwer.« Wer sein Tier kenne, sagt Distl, der selber zwei Katzen hat, der könne Schmerzen erkennen. HD beim Hund führt zum Beispiel zu typischen Vermeidungshaltungen, zur Anpassung an die Behinderung und geringerer Agilität, zum Lahmen. »Akuten Schmerz sieht man sofort.« Doch wenn Organe nicht richtig ausgebildet sind, wenn der Mops schweratmig ist oder der Dalmatiner taub – dann ist Schmerz nicht nachweisbar und Qual Definitionssache. Der Besitzer eines Mopses würde ja jederzeit schwören, dass sein Hund munter, lieb und glücklich ist. Und dass ihn das Schnarchen des Hundes keineswegs beunruhigt, im Gegenteil: Er findet es gemütlich.

Dem einen Hundeproblem, den genetisch bedingten Krankheiten, widmen sich Züchter schon lange. Ihr Dilemma: Viele Tiere tragen den Genfehler verborgen in sich (Anlageträger); verpaart man solche Tiere, so tritt das Leiden bei ihren Nachkommen tatsächlich auf (Merkmalsträger). So kann es geschehen, dass erst nach Generationen eine Erbkrankheit auffällt – und man dann erst weiß, dass Ururopa oder Ururoma Anlageträger waren.

Um solche Krankheiten sukzessive zurückzudrängen, warteten Züchter sehnlich auf Tests, mit denen Anlageträger entdeckt werden können. Die Entwicklung der Genetik – 2005 wurde das Hunde-Genom sequenziert – führte dazu, dass Züchter heute über zahlreiche Gentests zur Erkennung von Hundekrankheiten verfügen.

Ottmar Distl kann seit vier Jahren einen genetischen Test auf die Anlage zu HD bei Schäferhunden anbieten. Auch eine Neuigkeit gibt es zu vermelden: Für die angeborene Taubheit der Dalmatiner gibt es demnächst einen Test. Der Gendefekt führt in aller Regel zu einer Pigmentstörung, die sich in einem wenig gescheckten, überwiegend weißen Fell äußert (bei der Kundschaft erwünscht!) und gleichzeitig in einer Degeneration der Blutversorgung der Cochlea. Die Störung der Gehörgangsschnecke bedeutet frühe Taubheit. Die entsprechende Hannoveraner Studie wird demnächst veröffentlicht.

In Hamburg in der feinen Rothenbaumchaussee liegt eine Tierarztpraxis. Hier arbeiten Susanne Elsner, Präsidentin der Tierärztekammer Hamburg, und Rolf Willm Deckena. Deckena kennt einen besseren Weg, um Qualzucht zu bekämpfen: »Das muss eine gesellschaftliche Debatte werden! Es darf nämlich nicht mehr sexy sein, niedliche, aber kranke Hunde zu haben!« Winzige »Taschenhunde« haben zum Beispiel manchmal noch im Alter eine offene Fontanelle. Die kann man mit einem Radiergummiwurf töten! Oder der chinesische Extremfaltenhund Shar Pei. »Supersüß! Aber die Züchter sind kriminell!« Und erst recht der Mops. »Möpse sind das beste Antidepressivum! Humorvoll, fröhlich, sie haben Spaß daran, wenn Leute lachen. Doch wenn sie umkippen, weil es zu warm ist, kommen einem die Tränen.« Ein Hund müsse doch rennen und atmen können! »Auch wir Tierärzte haben da versagt«, gesteht Deckena, »wir haben die Qualzucht nicht genug thematisiert, vielfach aus Angst vor Umsatzverlusten.« Schluss damit! Nur wenige Züchter und schon gar keine Qualzüchter werden von dieser Tierarztpraxis betreut.