Vancouver IslandKling, Glöckchen!

Bären sind Allesfresser. Beim Wandern auf Vancouver Island versucht Stefan Schmitt, sie mit sanftem Gebimmel fernzuhalten. Die Rechnung geht auf – fast

Vancouver Island, Kanada 2010: Die Bärenmutter blickt erst in die Kamera, dann trottet sie mit ihren Kleinen davon.

Vancouver Island, Kanada 2010: Die Bärenmutter blickt erst in die Kamera, dann trottet sie mit ihren Kleinen davon.

Wir sind gut vorbereitet, daher das Gebimmel. Bei jedem Schritt klingt es metallisch, wie eine Kuhglocke in hoch. Ich trage die Geräuschquelle. Klein, silbern, im Trekkinglook dank Klettverschluss und Netzsäckchen. Eine Kuhglocke für Wanderer. Natürlich wurde das Ding im innerstädtischen Outdoorladen nicht als Menschenglocke verkauft. Sondern als Glocke für Bären. Ihnen gilt mein Gebimmel. Um sie frühzeitig vor uns heranstapfenden Wanderern zu warnen, habe ich das alberne Ding an den linken Schultergurt meines Rucksacks geklettet. Sobald der Küstenpfad durch Wald führt, lasse ich die Glocke frei baumeln. Und damit bimmeln. Den Bären soll das sagen: Nur ruhig, diese lärmenden Unbefellten sind harmlos! Die schleifen bloß Mückenspray, Zelt und Gaskocher durch die Wildnis, die sind rasch wieder weg...

August 2010, meine Liebste und ich wandern an der Küste von Vancouver Island entlang. Der Blick geht nach Südwesten auf die Juan de Fuca Strait. Im Süden, in Washington ragt der Mount Olympus aus den Wolken, im Westen liegt der offene Pazifik. Das fühlt sich an wie die Westkante der Welt. Tatsächlich ist es – Bärenland.

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Wie wunderbar wäre es, einen Bären in freier Wildbahn zu sehen, mit einem Foto als Trophäe in die Zivilisation zurückzukehren. Unversehrt natürlich. Zwischen diesen beiden Wünschen besteht ein gewisser Widerspruch. Schließlich haben wir es mit alles fressenden Raubtieren ohne natürliche Feinde zu tun, die prima klettern, schwimmen und rennen können. All das haben wir bei der Vorbereitung unseres Trips gelesen und auch, dass tödliche Angriffe durch Bären zumeist Missverständnissen geschuldet sind. Schon weil Menschen nicht ins Beuteschema der Bären passten. Man dürfe sie eben nicht überraschen, etwa im tiefen Wald. Oder in die Enge treiben, zum Beispiel auf einem schmalen Pfad. Oder, wirklich nie, zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen geraten. Dann sei ihnen ihr Beuteschema nämlich herzlich egal.

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Obacht also! Auch weil wir den Tipp bekommen haben, dass man auf unterschiedliche Bären unterschiedlich reagieren soll: Im Angesicht eines Schwarzbären auf den Boden stampfen und mit den Armen fuchteln, das beeindruckt die offenbar. Beim Grizzly in Embryonalhaltung auf dem Boden zusammenrollen und dabei den Nacken mit den Händen schützen – mit etwas Glück verliere der Bär dann das Interesse. Freilich setzt das voraus, dass der so belehrte Wanderer bei aller Überraschung Ursus americanus und Ursus arctos korrekt identifizieren kann.

Wir klatschen lieber, wenn der Pfad durchs Dickicht führt, zusätzlich zur Glocke noch in die Hände. Bimmel-bimmel, Patsch-patsch. Aus dem Unterholz betrachtet – das wir voller Augenpaare wähnen –, müssen wir aussehen wie Teilnehmer einer Indianerwallfahrt.

Zur Wahrung meiner Selbstachtung rede ich mir ein: Nicht trotz, sondern wegen dieses Krachs kreuzt in tagelanger Wanderung kein einziger Bär unseren Waldweg. Aber als dann die Route bei niedriger Tide ein Stück über die frei liegenden Klippen führt, sehen wir sie. Eine Bärenmutter mit zwei Jungbären, die zwischen Pfützen und Algen hindurchtapsen. Sehr behaart und voller Selbstverständlichkeit. Ein Bärenfamilienfoto fürs Urlaubsalbum! Die Bärin schaut zu uns herüber, direkt in die Kamera. Wir erstarren kurz, sonst passiert uns nichts. Denn die Bärin schubst ihre Jungen gleich mit der Schnauze in Richtung Waldrand. Kurz darauf ist sie samt Anhang im Dickicht verschwunden, ganz ohne Gebimmel.

 
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