Köln ist nicht Stuttgart . Es wird kein Monsterbahnhof ins Erdreich getrieben, und niemand will die Stadt noch weiter verschandeln. Alles scheint ruhig, doch der Aufruhr ist groß: Fast zwölftausend Bürger haben gegen Pläne des Westdeutschen Rundfunks protestiert, die Hörfunkprogramme WDR3 und WDR5 abermals zu reformieren. »Die Radioretter« ( www.die-radioretter.de ), so nennt sich die Initiative, fürchten das Übliche: Das Niveau sinkt, es gibt mehr Wiederholungen, mehr Musik, mehr Konfektionsware mit Kulturpromi-Komponente und Glamourfaktor (»Näher dran«). Aalglatte »Allrounder« ersetzen Fachredakteure, und am Ende entsteht eine sämige »Kultur to go«. Auch im WDR ist der Unmut groß. Die Redakteursvertretung hat einen Brandbrief verfasst, und wenn ihre Vorwürfe gegen die Anstaltsleitung zutreffen, dann sollte man sich den Unterschied zwischen einem Sender und einem Kasernenhof nicht allzu groß vorstellen. Immerhin, der Rundfunkrat hat die Reformpläne nicht müde durchgewinkt, sondern erst einmal zurückgewiesen.

Niemand hat mit diesem Aufschrei gerechnet, und nun fühlt sich der WDR ungerecht behandelt, ist doch sein Kulturprogramm immer noch opulent. Tatsächlich sieht alles nach einer Ersatzhandlung aus. Der Bürgerprotest richtet sich nicht bloß gegen den Kölner Sender, er richtet sich gegen die Programmpolitik der Öffentlich-Rechtlichen insgesamt. Das Maß ist voll. Für Sport, Volksmusikgedudel und Talkshow-Idiotie wird das Gebührengeld tonnenweise rausgeworfen, während Kulturprogramme scheibchenweise eingekürzt oder gleich ganz von ihren Inhalten befreit werden.

Wer es genauer wissen will, der studiere einmal die Verlautbarungen der Sender. Selbst der WDR redet beim Kulturprogramm von »Effizienzsteigerung«, von »Optimierung« und »Controlling«. Diese Formeln aus dem Phrasenbestand von Unternehmensberatern sind einer öffentlich-rechtlichen Anstalt unwürdig, aber Zufall sind sie nicht. Den Sendern droht nämlich dasselbe Schicksal wie den Universitäten – sie werden zu Wirtschaftsunternehmen umgebaut, und die »Kultur« ist darin ein Produkt, das man dem scheuen Hörer mit viel Musik mundgerecht verkaufen muss. Die Einschaltquote ist dann der Preis, den man auf dem Markt für seine Ware erzielt. Deshalb darf niemand den Hörer mit einem neuen Gedanken erschrecken. Dann kauft er das Produkt nicht – und schaltet ab.

Der WDR-Programmdirektor, der wie ein Löwe für seine Reform kämpft, wirft seinen Kritikern vor, sie hätten einen antiquierten Kulturbegriff. Er hat recht. Der alte Kulturbegriff war schwer verkäuflich, man musste genau hinhören. Die neue Kultur, so steht zu befürchten, dient der kollektiven Therapie. Der Hörer legt sich auf einen Wortmusikteppich, er ist dabei, er fühlt sich wohl. Diese »Kultur« hilft nicht, die Welt verständlich zu machen; sie ist dafür da, den Hörer vor der unverständlichen Welt zu schützen, auf dass er angesichts ihres Zustandes nicht in Depression versinke.