Magdalena NeunerEin Wintermädchen

Triumph und Rücktritt der Sportlerin Magdalena Neuner – Eindrücke von der Biathlon-WM in Ruhpolding.

Magdalena Neuner in Ruhpolding

Magdalena Neuner in Ruhpolding

In Block B hat sich eine Rentnerin die Wangen schwarz-rot-gold geschminkt, über ihr wogen deutsche Fahnen. Tröten hupen, Ratschen knattern, aus den Lautsprechern dröhnt Viva Colonia . Da erscheint mitten im Geschunkel auf der proppenvollen Tribüne eine Traueranzeige. Sie ist so groß wie ein Bettlaken, zwei Fans halten sie in den strahlend blauen Himmel von Ruhpolding: »Lena, du wirst uns sehr fehlen.«

Lena, Magdalena Neuner, macht einen vitalen Eindruck. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt, stemmt den linken Ellbogen energisch in die Hüfte und zielt. Auf der Tribüne wird es still. Als die erste Scheibe fällt, schreien 26.000 Zuschauer »hey«. Vom Berg hinter dem Schießstand kommt das Echo zurück: dreimal »hey«, zweimal »oooh«.

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Offiziell findet in Bayern gerade die Biathlon-WM statt. Tatsächlich sind es die Magdalena-Neuner-Festspiele. Die Winterkönigin hat angekündigt, in Ruhpolding sechs Medaillen gewinnen zu wollen. Im Frühjahr werde sie dann abtreten. Die Königin ist erst 25 Jahre alt, aber sie sehnt sich nach einem normalen Leben.

Man könnte jetzt fragen, warum das Volk ausgerechnet eine Biathletin verehrt? Wo kein normaler Mensch eine Waffe schultert, wenn er zum Langlaufen geht. In der Bronzezeit sind Jäger so durch die Wälder Skandinaviens gepirscht. Auch Soldaten sehen in der Kombination aus Ski und Gewehr einen gewissen Sinn. Aber warum fasziniert dieser merkwürdige Sport die Massen?

Das erste Rennen von Ruhpolding gibt eine Antwort. In der gemischten Staffel treten für jedes Land zwei Frauen und zwei Männer an. Magdalena Neuner läuft die zweite Runde. Sie übernimmt als Sechste. Im Stehendschießen muss sie zweimal nachladen. Trotzdem holt sie mächtig auf und schickt Andreas Birnbacher als Drittplatzierten ins Rennen. Der trifft alle zehn Scheiben, läuft schnell und übergibt mit einem Vorsprung von 58 Sekunden an den Schlussläufer Arnd Peiffer. Die Goldmedaille scheint zum Greifen nahe. Das Stadion von Ruhpolding liegt wie ein Amphitheater in den Bergen, und jetzt zeigt dieser Sport Züge eines antiken Bühnenstücks: Als ob ein rachsüchtiger Gott den Helden aus heiterem Himmel strafen wollte, trifft Peiffer beim letzten Schießen nur zwei Scheiben. Zweimal muss er nachladen, einmal muss er durch die Strafrunde. Norwegen und Slowenien ziehen an Deutschland vorbei, aus dem sicher geglaubten Sieg wird ein dritter Platz.

Am nächsten Tag erklärt Bild den Sportler Arnd Peiffer zum Deppen: »Panne-Mann verballert Lenas erstes Gold«.

Solche Dramatik hat Biathlon zur perfekten Sportart fürs Fernsehen gemacht. Innerhalb von Sekunden kann sich alles ändern. Und das Ergebnis sieht jeder Sesselsportler mit bloßem Auge: Ein Treffer macht die schwarze Scheibe weiß.

Das ZDF zeigt nicht nur die gemischte Staffel von Ruhpolding, es überträgt auch das Anschießen. Vor dem Rennen geben Neuner und die anderen ein paar Probeschüsse ab und schrauben ein bisschen an ihren Gewehren herum. Es ist ein Nachmittag unter der Woche, aber zwei Millionen Deutsche wollen das sehen. Das Fernsehen gibt sich alle Mühe, perfekte Bilder zu liefern. Über dem Schießstand schwebt eine Kabelkamera wie eine dunkle Drohne. An den steilen Anstiegen fährt eine Kamera auf Schienen mit. Wie ein U-Boot im Schnee schnurrt sie beim Zielsprint nebenher. Zwischendurch zeigen normale Kameras das Alpenpanorama.

Leserkommentare
  1. Diese Werbung schreckt schon ab.

    Magdalena Neuner.
    Sie ist schon längst nicht mehr das Nonplusultra im Frauen-Biathlon.
    Domratschewa, Berger, Määkareinen stehen schon längst auf gleicher Stufe.

    Laufen alleine reicht nun mal nicht, man muss auch treffen können.
    Und dieses Jahr zeigt sie, dass sie nicht mehr die dominierend starke Läuferin ist, andere haben aufgeholt.

    Ihren Anspruch von 6 Medaillen wird sie schon nicht erfüllen.
    Mir graut schon vor dem heutigen Staffelrennen.
    Und morgen, wenn alle gemeinsam in die Spur gehen, wird sich zeigen, wie ihre Leistung zu bewerten ist.

    Ich selbst habe immer angenommen, dass sie nach den nächsten Olympischen Spielen abtritt.
    Vielleicht hätte sie noch ein oder zwei Medaillen gewinnen können.
    Olympische Medaillen zählen immer, sie haben einen größeren Wert.

    • ksoze
    • 10.03.2012 um 12:29 Uhr

    ...bitte helfen Sie mir bei der Auswertung dieser Zeilen:

    "Populär ist Biathlon auch, weil dieser Sport seit Jahren verlässlich deutsche Sieger liefert. Die unvergessene Uschi Disl gibt in Ruhpolding Autogramme. Als sie 2006 aufhörte, betrat Magdalena Neuner die Bühne."

    Es gab in der Tat sehr viele deutsche Erfolge im Biathlon vor "Lena". Hier aber v.a. Uschi Disl, wenn auch "unvergessen", zu bringen und diese auch noch als direkte Vorgängerin von "Lena" darzustellen...

    Ich habe zwei Erklärungsmöglichkeiten:
    1) Sie kommen aus Bayern, o.ä. und haben eigentlich k.A. von dem Sport. In Ihren Lokalgazetten ist jahrelang immer U.Disl aufgetaucht...andere (wesentlich erfolgreichere) deutsche Sportler(innen) kamen nicht vor...und jetzt ist "Lena", zweifellos die beste Biathletin aller Zeiten (d.h. bis jetzt ;-), da...

    2) ähm...sie wissen schon...

    Bitte sagen Sie mir, dass es 1) ist...

  2. Es ist und bleibt nur Sport, aber Sport wie er heute massentauglich inszeniert wird und da ist den übertragenden Medien kein Euro zu wenig, wenn es darum geht Werbemillionen einzukassieren und anderen Sendern die Zuschauer abzuzocken. Magdalena Neuner ist sicherlich ein besonderer Glücksfall für den medienabhängigen Sport, wie es Steffi Graf für Tennis oder Rosi Mittermaier für den alpinen Skisport war, aber allein Ausstrahlung und Charisma gepaart mit Können ist es nicht, was Biathlon und Frau Neuner in den Olymp hebt, Biathlon ist, wie schon im Artikel erwähnt, die perfekte Inszenierung einer eigentlich eher langweiligen Sportart, die aber nur durch das raffiniert ommnipräsente Medienzeitalter zum Hype werden konnte. Das hat schon den Charakter einer "griechischen Tragödie", wenn bis zum letzten Schießen jeder der Favoriten gewinnen oder alles verlieren kann. Neuner ist die perfekte Projektionsfläche eines sauberen, ehrlichen, selbstbewussten und charakterstarken Menschen, sie verkörpert eine Sehnsucht nach Reinheit, Erfolgswillen und Menschlichkeit, wie sie z.B. in der Politik oder in der Wirtschaft nicht mehr zu finden ist. Wie auch in vielen anderen Sportarten nicht, der gefallene Engel Jan Ullrich kann ein garstig Lied davon singen. Und Neuner ist so selbstbewusst, der Realität und dem Wunschdenken der Menschen Nahrung zu geben, indem sie sich selbst als Favoritin ohne Allüren präsentiert, da verzeiht man auch mal einen Patzer, denn erfolgreich ist sie trotz alledem.

  3. Congratulations to Germany!!. Thank you for a wonderful event in Ruhpolding.
    Grüße aus Norwegen

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