Mut ist, was wir alle wollen, aber nur wenige besitzen. Und wenn dann doch mal einer das Herz hat, eine Revolution mitzumachen, so wie damals dieser Rostocker Pfarrer, der jetzt deutscher Präsident werden soll, dann genügt uns das auch wieder nicht. Dann werfen wir ihm zwanzig Jahre später vor, dass andere Pfarrer viel mutiger und rebellischer waren. Neuerdings heißt es, Joachim Gauck sei »kein richtiger Oppositioneller« gewesen. Dass er während der friedlichen Revolution ganz vorn stand, zählt nicht.

So sind wir Deutschen: Wir haben die Revolution nicht erfunden, aber wir stellen sie uns als Spaziergang vor. Wir leugnen, dass im Herbst 1989 die Zehntausende Demonstranten eben doch in der Minderheit waren. »Es waren viele, aber wenige«, hat Wolf Biermann gesagt. Die meisten Ostdeutschen hockten zu Hause, und die westdeutschen Reporter rissen sich auch nicht alle um eine Revolutionsrecherche in der DDR – aus Angst vor einer blutigen Eskalation.

Joachim Gauck ging trotzdem auf die Straße . Daran muss man jetzt noch einmal erinnern, wenn über den Grad des Heldentums unseres künftigen Bundespräsidenten gestritten wird. Damals wurden schon einfache Demonstranten von der Polizei auf Lastwagen gezerrt. Der Revolutionspastor Gauck wollte da nicht den Helden geben. Aber Rostock hatte einfach keine so starke Opposition wie etwa Leipzig , man brauchte jemanden, der zu den Massen sprechen konnte, die plötzlich in die Kirche drängten.

Anpasser und Stasifreund

Der 49-jährige Pfarrer schien sich vor ihrem Zorn nicht zu fürchten. Es waren vor allem junge Männer, denen er »Keine Gewalt!« predigte. Dann zogen sie zur Bezirksstelle der Staatssicherheit, hinter deren Türen andere junge Männer saßen: ebenfalls wütend und nervös, ausgerüstet mit scharfer Munition und unklaren Befehlen. Manche, die dabei waren, finden heute, Gauck habe »unheimlich was riskiert«.

Manche finden das nicht. In Zeitungen, Internetforen und Talkshows, von Journalisten, Politikern und auch ein paar Bürgerrechtlern hört man plötzlich, dieser Gauck habe sich zu Unrecht zum Helden stilisiert. Mittlerweile heißt es sogar, Gauck sei ein Anpasser und Stasifreund gewesen. – Ach, Kinder!, möchte man da mit einer seiner Lieblingsformeln rufen, zum Helden hat er sich nun nicht selbst erhoben.

Seit wann gehört Unfehlbarkeit überhaupt zur Jobbeschreibung eines Bundespräsidenten? Warum genügt uns nicht einfach ein Mensch ? Offenbar gibt es auch in demokratischen Gesellschaften noch eine Sehnsucht nach strahlenden Führerfiguren. Die Fehler des abgedankten Bundespräsidenten Christian Wulff sind für die irre Hoffnung auf einen Unfehlbaren nur die halbe Erklärung. Sehnen wir uns immer noch nach Übermenschen und mythischen Erzählungen? Nationale Identitätsstiftung hat es jahrzehntelang ja nur mit negativem Vorzeichen gegeben: als Erinnerung an die beiden deutschen Diktaturen und ihre Opfer. Nun wünschen wir uns für den kalten, von politischen Mythen entrümpelten Raum unserer Republik noch mal etwas wärmend Heroisches, ohne freilich daran zu glauben. Und das kommt dabei heraus: ein Präsident in spe, der glorifiziert und im gleichen Atemzug demontiert wird.

Alles nur Mediengewoge? Dann bliebe immer noch das Rätsel, warum niemand Angela Merkel vorgeworfen hat, dass sie als Studentin in Moskau war. Bei Gauck dagegen nimmt man es kleinlich genau. Weil er der Stasi im Vorfeld des Rostocker Kirchentages 1988 auf deren Frage, ob dies eine oppositionelle Veranstaltung werde, mit Nein antwortete, hat er nun angeblich die Opposition verraten. Ja, sollte Gauck den Geheimdienst aufscheuchen durch die Ankündigung einer Rebellion? Sollte er ein Verbot provozieren?