ArbeiterbewegungDie Hofräte der Revolution

Erstmals wurde ein spannender Briefwechsel aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung veröffentlicht. von Wolfgang Maderthaner

Friedrich Engels im Jahr 1868

Friedrich Engels im Jahr 1868  |  Public Domain

Es war eine turbulente und dramatische Sitzung des sozialdemokratischen Parteivorstandes, die da Ende Oktober 1933 im Traditionshaus an der Rechten Wienzeile stattfand. Die Situation schien ausweglos: In Deutschland hatten die Nazis die Macht an sich gerissen, in Österreich verfolgte Kanzler Engelbert Dollfuß mit Notverordnungen einen autoritären Kurs mit dem Ziel, die letzte sozialdemokratische Bastion, das Rote Wien, möglichst rasch auszuhöhlen. Unter dem Eindruck der Massenarbeitslosigkeit erodierte die Partei. Binnen weniger Monate verlor sie ein Drittel ihrer Mitglieder. Unter diesen Umständen begann man sich auf Exil und Untergrundarbeit vorzubereiten. Allem voran aber stimmten die Funktionäre darin überein, dass es nun gelte, die geistige Substanz der Arbeiterbewegung zu bewahren. Der Sekretär der Sozialistischen Internationale, Fritz Adler, der Sohn des Parteigründers, wurde mit der Rettung des Archivs betraut. Darin befand sich eine besondere Preziose: der Briefwechsel von Victor Adler mit Friedrich Engels, dem Freund und Partner von Karl Marx. Nun erschien erstmals eine Edition dieser Kostbarkeit aus der Frühgeschichte der Arbeiterbewegung.

Anlässlich des dritten Todestages seines Vaters hatte Fritz Adler im November 1921 in der internationalen sozialdemokratischen Presse einen Aufruf verbreitet, in dem er alle Freunde und Bekannten von Victor Adler ersuchte, eventuell noch vorhandene Briefe und Manuskripte nach Wien zu senden. Die Reaktion übertraf selbst hochgesteckte Erwartungen. So entstand gemeinsam mit den bereits vorhandenen Papieren ein Nachlassarchiv von außergewöhnlicher Dichte und Qualität. Dessen notwendig gewordene Sicherstellung nahm Fritz Adler, gemeinsam mit weiteren prominenten Sozialdemokraten, zum Anlass einer groß angelegten Rettungsaktion für das gesamte, akut bedrohte geistige Erbe des europäischen Sozialismus. Für den Nachlass des Parteigründers begann dadurch eine jahrzehntelange Odyssee.

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Zunächst wanderte er in das 1935 gegründete Internationale Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam. Man nahm an, Holland werde sich, ähnlich wie 1914, aus einem Krieg, der bereits heraufdräute, heraushalten können. Als der Irrtum offensichtlich wurde, traf die deutsche Besetzung das Institut nicht unvorbereitet. Rechtzeitig vor Kriegsausbruch waren zentrale Archivmaterialien nach Oxford verbracht oder in Den Haag, Alkmaar und auf einem Frachtkahn in Amsterdam versteckt worden. Die Dokumente von Victor Adler wurden in der Pariser Filiale des IISG deponiert. Angesichts des deutschen Vormarsches mussten sie bald darauf neuerlich verlegt werden. Man vergrub sie im westfranzösischen Amboise im Schlossgarten eines sympathisierenden Aristokraten.

Wolfgang Maderthaner

Der Autor leitet den Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung und ist Mitherausgeber einer Edition des Briefwechsels zwischen Victor Adler und Friedrich Engels, die soeben im Berliner Akademie Verlag (267 Seiten, 99,80 €) erschienen ist.

Der von ständigen Todesahnungen erfüllte, politisch exponierte und nicht zuletzt durch seine jüdische Herkunft höchst gefährdete Fritz Adler koordinierte diese Aktion unter Einsatz seines Lebens. Im April 1946, zu dem für ihn ehestmöglichen Zeitpunkt, begab er sich dann aus seinem amerikanischen Exil nach Europa, um dort Klarheit über das Schicksal der über den halben Kontinent verstreuten Archivbestände des Amsterdamer Instituts zu gewinnen. Die Bergung des Nachlasses seines Vaters aus dem Versteck in Amboise unternahm er persönlich. Gleichermaßen erstaunt wie euphorisiert berichtete er bereits Anfang Juni 1946 an den Parteivorstand in Wien, das Vermächtnis des Parteigründers sei den Umständen entsprechend gut erhalten wieder in Amsterdam eingelangt.

Schlussendlich nahm Adler dann den Nachlass seines Vaters zu sich nach Zürich, wo er seinen Wohnsitz genommen hatte und eine politische Biografie von Victor Adler erstellen wollte. An der Jahreswende 1948/49 gingen daher zehn Kisten aus dem Amsterdamer Sozialgeschichte-Institut auf die Reise in die Schweiz. In ihnen steckte auch der Briefwechsel mit Engels, dessen ideeller ebenso wie materieller Wert vor den Hintergrund der Überlieferungsgeschichte nicht einmal mehr abschätzbar ist.

Der aus einem begüterten jüdischen Großbürgerhaus stammende Victor Adler hatte im Sommer 1883 eine mehrere Monate lange Studienreise durch Deutschland, die Schweiz und England unternommen, um sich auf die angestrebte Berufslaufbahn eines Fabrikinspektors vorzubereiten. In seinem Gepäck befanden sich Empfehlungsschreiben von Karl Kautsky, des aus Prag stammenden Wegbereiters der deutschen Sozialdemokratie, und von Leo Frankel, des legendären Mitglieds der Pariser Kommune, der damals in Wien lebte.

Leserkommentare
  1. http://de.wikipedia.org/w...

    Nur selten - wie etwa 1989 - ging eine ernstzunehmende Veränderung von den Betroffenen selbst aus. Dafür fehlt(e) ihnen ja meist auch das erforderliche (Herrschafts-)Wissen und die (Produktions-)Mittel. Vielleicht ändert das Internet etwas daran.

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