KolonialerbeSchmerzende Narben

Am 18. März jährt sich das Ende des französischen Krieges in Algerien zum 50. Mal. Aber die postkoloniale Macht tut sich mit Reue noch immer schwer. von 

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor einer Karte von Algerien.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor einer Karte von Algerien.  |  © CLAUDE PARIS/AFP/Getty Images

Kolloquien, Bücher und Dokumentarfilme, alles war so schön vorbereitet. Der 50. Jahrestag der Verträge von Évian, die am 18. März 1962 das Ende des französischen Krieges in Algerien besiegelten, hätte ein Moment des Innehaltens werden können, des Nachdenkens über einen ungeheuerlichen Abschnitt der Geschichte.

Wie jede Kolonialmacht hatte Frankreich den Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung geführt, als seien die Gegner Lebewesen minderer Art. Etwa 350.000 algerische Zivilisten verloren ihr Leben, rund vier Prozent der damaligen Bevölkerung, was dem Blutopfer der Franzosen im Ersten Weltkrieg entspricht – »der große Krieg«, wie er in Frankreich heute noch heißt.

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Ungefähr 30.000 französische Soldaten starben in Algerien, womöglich ebenso viele Harkis – ihre algerischen Mitkämpfer – sowie 4500 pieds-noirs, wie die in Algerien beheimateten Franzosen genannt wurden, von denen dann im Frühjahr 1962 fast eine Million über das Mittelmeer nach Frankreich flüchtete, aus Angst vor der Grausamkeit der Sieger. Besonders schlimm traf es die Harkis. Die meisten von ihnen überließ die Republik ihrem Schicksal, also der Rache ihrer Feinde, und die 40.000, die es nach Frankreich geschafft hatten, wurden erst interniert und dann schlicht vergessen.

Algerien wartet auf eine Geste. Paris zeigt Arroganz

Fünfzig Jahre, das liegt nicht weit zurück. Die Narben sind noch empfindlich. Doch es ist Wahlkampf und keine Zeit für Behutsamkeit. Immerhin machen die pieds-noirs, die Harkis und ihre Nachkommen etwa acht Prozent der Bevölkerung aus; politisch schwanken sie zwischen Marine Le Pen, die 2011 ihrem Vater im Vorsitz des Front National folgte, und Nicolas Sarkozy . Weshalb Präsident Sarkozy am vergangenen Freitag an die Côte d’Azur reiste, wo diese Bevölkerungsgruppe besonders zahlreich vertreten ist, um die Harkis im Namen der Republik um Verzeihung zu bitten.

Nun wartet Algerien mit nicht minderem Recht auf eine Geste. Doch die postkoloniale Macht zeigt Arroganz: »Die militärischen Interventionen Frankreichs in Algerien, das damals zum nationalen Territorium gehörte, wurden von der Republik Frankreich unternommen und von legitimen und demokratisch gewählten Regierungen geleitet«, sagte Sarkozy am Freitag einem Lokalblatt in Nizza , und er setzte hinzu, »Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben«.

Zwei Tage später ging es in Paris auf einer Großveranstaltung der Sarkozysten in diesem Stil weiter. Die Staatssekretärin Jeannette Bougrab rief aus: »Ich, Tochter eines Harki, wähle Nicolas Sarkozy«, und berief sich auf einen der Offiziere, die sich 1961 am Putsch gegen die Dekolonisierung beteiligt hatten. Tausende Fahnenschwenker feierten dann den aus der Versenkung hervorgeholten Sänger Enrico Macias, dessen Lieder die lyrische Ausprägung dessen sind, was nostalgérie genannt wird: Trauer, Verklärung und der nacherlebte Schmerz des europäischen Exodus.

Der rechtskonservative Figaro hatte dem Abschied der Kolonisten kürzlich eine Fotostrecke seines Magazins gewidmet, und selbst der linke Nouvel Observateur, dessen jüngste Titelgeschichte das französische Folterregime in Algerien beschrieb, wählte als Umschlagbild ein Foto, das pieds-noirs an einer Reling zeigt, auf ihre Heimat zurückblickend, die sich für immer entfernt.

Leserkommentare
  1. ...begreift sich selbst heute noch als "Weltmacht"! (haha)

    Es wird auch nie Reue geben, da Frankreich zu den "Guten" gehört. Die "Guten" dürfen überall "militärisch intervenieren", haben immer Recht, und kein Angehöriger dieser "Guten" wird jemals nach Den Haag kommen.

    Reue, Schuld, Verbrechen - das gilt immer nur für die Anderen!

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    auf alle Nationen dieser Welt anwenden.

    Jede Nation sieht nur die Verbrechen deren Opfer sie wurde, aber nicht die Verbrechen die sie anderen antat.

  2. Es sollte in Frankreich per Gesetzt unter Strafe gestellt werden, den Völkermord an den der algerischen Zivilbevölkern zu leugnen. Im übrigen ist die Schätzung von 350.000 Zivilisten sehr verharmlosend. Andere Schätzungen gehen von bis zu 1mio. massakrierter Menschen aus.

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  3. auf alle Nationen dieser Welt anwenden.

    Jede Nation sieht nur die Verbrechen deren Opfer sie wurde, aber nicht die Verbrechen die sie anderen antat.

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    Antwort auf "Frankreich..."
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    So scheint sich auch niemand an den Massakern und der "ethnischen Säuberung" zu stoßen, mit der der FLN Algerien erfolgreich christenfrei gemacht hat.

    Deutschland sieht wohl als einziges Land der "Guten" seine Fehler.

    Aber es stimmt schon - "Selbstreflexion" ist nicht sehr weit verbreitet.

  4. So scheint sich auch niemand an den Massakern und der "ethnischen Säuberung" zu stoßen, mit der der FLN Algerien erfolgreich christenfrei gemacht hat.

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    Antwort auf "Das können Sie"
    • Varech
    • 15. März 2012 19:27 Uhr

    ... dass der Algerienkrieg gleich nach dem II. Weltkrieg begann, gleich nach der von Gockel-Franzosen als schmählich empfundenen Niederlage gegen die verhassten ach so virilen Boches. Vielleicht also war da eine heftige Eruption von aufgestautem Schöpsoglobin (nach Meyrink), gemischt mit Testosteron? Bei der Lektüre der Alten Augenzeugenberichte drängt sich mir dieser Gedanke auf. Klar, dass "Sarko" da nicht recht weiss, was er sagen soll.

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    Wenn sie so argumentieren,dann kann mn ja auch sagen,dass man bei den Vorgängen 1915 die Vorgeschichte betrachten muss.Die Armenier haben seinerzeit sich mit den Russen verbündet,das mit dem osmanischen Reich im Krieg stand und nichts fürchtete Istanbul mehr als eine 5.Kolonne im eigenen Staatsgebiet,deshalb etc.
    Würden Sie diese Begründung auch da gelten lassen?

    Wohl eher nicht,oder?

  5. Wenn über solch ein Thema berichtet wird, dann gehört auch die Vorgeschichte erwähnt und das Frankreich eingreifen mußte!
    Herr von Randow hätte ruhig die Islamisierung, vorangetrieben durch die FLN erwähnen können. "Ungläubige" wurden vertrieben und getötet, aber das ist nicht erwähnenswert!

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    • scoty
    • 15. März 2012 19:48 Uhr

    " Etwa 350.000 algerische Zivilisten verloren ihr Leben "

    um Zivilisten zu töten ?

    Lsssen Sie doch mal die Islamistenkeule an der Wand hängen, die ist mittlerweile genauso morsch wie die Nazi-Keule.

    Mein Gott bzw. Allah !
    Diese ewige Rechtfertigung für die eigenen Verfehlungen mit dem Kampf gegen die angeblichen Islamisten zu rechtfertigen, ist einfach nicht auszurotten. Da hat uns der Bush aber was beständiges vererbt...

    • Spez
    • 15. März 2012 19:51 Uhr

    Als Halbfranzose und somit hoffentlich einer antifranzösischen Grundhaltung unverdächtig, muss ich Ihnen sagen, dass die Vorgeschichte keine Rolle spielt. Was sich in Algerien seinerzeit abgespielt hat war kein gewöhnlicher Krieg und in schlechten Zeiten ein reines Massaker. Sie können mir vorwerfen, dass ich es mir zu einfach mache, wenn ich die Vorgeschichte ausklammere. Da es aber schlussendlich am Ergebnis nichts geändert hat, Frankreich musste die Kolonie aufgeben, wäre eine andere Lösung als Krieg, von Anfang an möglich gewesen.
    Dass Frankreich die historische Schuld und Verantwortung bis heute von sich weist, ähnlich der Verantwortung im Rahmen der Kollaboration mit dem dritten Reich, zeigt, dass Frankreich noch weit entfernt ist von einem modernem Geschichts-, sowie einem selbstkritischen und selbstreflektiven Staatsverständnis, wie es Deutschland hat.

    Er wollte hier ja auch keine Geschichtsstunde zum Kolonialismus erteilen, sondern eine scheinbar weit verbreitete Geisteshaltung darstellen, die absolut nicht zu einem Ausgleich beiträgt, bei dem beide Seiten zu bereuen hätten. Aufgrund eines solchen Artikels wird sich hoffentlich niemand sein Geschichtbild zusammenzimmern, also muss Journalisten auch nicht gleich Relativierung oä.vorwerfen, wenn sie auf zwei Seiten nicht nebenbei noch alle schrecklichen Verwirrungen der Unabhängigkeitskriege darstellen können. Auch Journlaisten sind nur Menschen

  6. unabhängige quellen berichten von bis zu 2 millionen getöteter algerier.

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  7. Es wird Zeit, das Frankreich zu den dunklen Kapiteln seiner Geschichte steht und den Völkermord in Algerien zugibt.

    Der Völkermord wurde übrigens von keiner Französischen Diktatur verübt, sondern von einer demokratisch gewählten Zivilregierung - Was natürlich einiges über das französische Verständnis von Menschenrechten und Demokratie aussagt.

    Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit galten eben auch damals schon nur für weiße "blanc" Franzosen - Und nicht für die dunkelhäutigen Menschen in den Kolonien.

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