BuchhandlungVöllig ausgebucht

In Buxtehude können Leser die Nacht in einer Buchhandlung verbringen. Allein unter 5.000 Ratgebern und Romanen – ein berauschender Selbstversuch

Durchs Fenster scheinen die Lichter der Buxtehuder Altstadt zu mir herein, gegenüber in der Tapas-Bar trinken Menschen Rotwein. Ich bin froh, diese Nacht von alledem ausgeschlossen zu sein. Wie oft nimmt man sich einen Leseabend vor und lässt sich dann doch von der Lektüre ablenken? Heute werde ich durchhalten; denn ich übernachte in einer Buchhandlung. Mit einer Hand streiche ich über die Papprücken in den Regalen, frage stumm: Na, wer von euch 5.000 will mit mir diese Nacht verbringen? Da meldet sich eine Stimme. Ich zucke zusammen. Draußen stehen Menschen und versuchen, zwischen den Bettlaken hindurchzuspähen, mit denen die Scheibe verhängt ist. Sie klopfen; halten wie Zoobesucher Ausschau nach dem Tier, das sich hier versteckt. Lasst mich in Ruhe! Dies ist kein Big Brother-Container. Das Schild an der Eingangstür sagt es doch: »Hier wird heute übernachtet!« Ich verkrieche mich in einer Ecke hinter einem Stapel Bücher, den ich angehäuft habe.

Selten hat meine Samstagabendplanung so eifersüchtige Reaktionen provoziert wie diesmal: »Oh, das wollte ich immer schon machen!« – »Darf ich mit?« Offenbar gehören Buchhandlungen für viele seit Kindertagen zu den Top Ten der beliebtesten Übernachtungsorte (nach der Süßwarenabteilung). Vielleicht wegen der geheimnisvollen Aura, die Büchern oft zugeschrieben wird – man denke nur an die verstaubten Bände mit Schnörkelschrift in Harry Potter und Tintenblut. Oder sind Buchhandlungen so beliebt, weil die Sympathieträger von Filmen wie Notting Hill und Auf der anderen Seite dort arbeiten?

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Ich betrete den Laden Schwarz auf Weiss am frühen Abend. Es ist ein Ort, den man entweder liebt oder um den man einen großen Bogen schlägt: Räucherstäbchenduft und Entspannungsmusik benebeln sanft die Sinne. Man sieht keine Kameras, Rolltreppen oder Geschenkbuchtische, nur einen Verkaufsraum, etwa zehn Schritte lang und breit; dazu Teeküche, Büro und Toilette. Die Bücher sind nicht nach Bestsellerlisten ausgewählt – es gibt Roman-Klassiker, Neuheiten und viele Ratgeber. »Machst du den Kassenabschluss und pumpst das Gästebett auf?«, ruft Tabea Marchand, die Inhaberin, ihrer Mitarbeiterin zu.

Zwischen Kinderbuchecke und Gesundheitsratgebern liegt die noch luftleere Matratze, daneben stehen eine Leselampe und ein Krug mit Wasser. Was nach Notunterkunft aussieht, ist ein begehrtes Bett: Immer wieder hatten Kunden gefragt, ob sie hier eine Nacht verbringen könnten. Vor zwei Jahren sagte Marchand schließlich Ja. »Ein Vater hat sich eine Nacht lang mit seinem Sohn bei uns eingeschlossen«, erzählt ihre Mitarbeiterin. »Sie haben einen ganzen Fantasyroman gelesen.« Das Angebot sprach sich herum; inzwischen reisen sogar Leute aus Bielefeld oder Frankfurt an. »Ich vertraue meinen Kunden und erlaube ihnen alles«, sagt Marchand. Rauchen, Essen, Betrinken, Stöbern.

Bevor sie geht, gibt sie mir noch ihre Handynummer, falls es mir unheimlich werden sollte. Ach was! Das Einzige, wovor mir gruselt, ist die unansehnliche Salzkristall-Leuchte. Ich schalte alle Lichter außer der Leselampe aus, die Musik auch... nein, doch lieber nicht, denn es knackt hier und da, und gelegentlich fällt ein Band mit lautem »Rums!« zu Boden.

Eigentlich hatte ich vor, mir nun in Ruhe das perfekte Buch für die Nacht auszusuchen. Doch auf einmal überfordert mich die riesige Auswahl: Wie sich festlegen? Rastlos streune ich umher. Klaue jedes Mal einen Gummifrosch aus dem Glas neben der Kasse, wenn ich vorbeigehe. Schreibe mir selbst eine Postkarte, um mich später an den Abend zu erinnern. Wühle in peinlichen Ratgebern zu Themen wie »Darmentgiftung« oder »Reden mit Engeln«: Seitdem ein Mann mich einmal beim Stöbern im Buchladen beobachtete und sagte: »Ach, so eine sind Sie!«, suche ich lieber online nach Büchern als in Geschäften. Doch jetzt kann ich mich schamlos umsehen, alleine im Schlafanzug.

Leserkommentare
    • keibe
    • 28.03.2012 um 19:07 Uhr

    Man verzeihe mir die kleine Polemik:

    5001!

    "Carsten Maschmeyer, der berühmte Unternehmer und Politikerfreund, hat ein Ratgeberbuch geschrieben. Was lehrt uns das?"

    http://www.zeit.de/kultur...

    Es lehrt: 5000 + 1 = 5001. ;-)

    Ansonsten: guter Artikel.

    • ruphus
    • 28.03.2012 um 20:01 Uhr

    für diesen Artikel!

    • fsner
    • 28.03.2012 um 21:37 Uhr

    5000 mal ist nix passiert, 5000 und eine Nacht, und es hat bummmm gemacht!

  1. Ich kann die Autorin gut verstehen! Buchhandlungen und Bibliotheken sind etwas wunderbares... Wie oft hab ich mich während meiner Zivildienstzeit in der Stadtbücherei nach Schluss, wenn alle Besucher verschwunden sind, noch stöbernd im halbdunkel zwischen den Regalen gefunden!

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