Die Wissensgesellschaft gilt als der Inbegriff des Fortschritts. In der Wissensgesellschaft findet der Homo sapiens scheinbar sein Paradies.

Wissen wird in der Schule gelehrt. Die Schule ist die Kirche der Modernität, die Lehrer sind ihre Priester. Die Liturgie der neuen Religion ist der Unterricht, ihr Ritus das Curriculum. Schule ist die allein selig machende Erlösung aus der Dummheit des Menschengeschlechts: extra scolam nulla salus, außerhalb der Schule gibt es kein Heil.

So predigen es uns die Kardinäle der Wissensgesellschaft. Aber: Sie überschätzen die Kraft des Wissens, Probleme zu lösen. Die großen Bedrohungen der Menschheit wie Krieg, Hunger und Umweltzerstörung sind nicht die Folge von Wissensdefiziten, sondern das Ergebnis des Mangels an Moral und gutem Willen. Wissen allein löst keine Probleme, zumal auch das Wissen keine Antwort auf alle Probleme hat. Selbst die exakteste unter allen exakten Wissenschaften, die Mathematik, kennt Aufgaben, die sie nicht lösen kann.

Schulmeister Praxis

Das neue schulische Unfehlbarkeitsdogma ist eine Anmaßung, keine Beschreibung der pädagogischen Realität. Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich nicht in der Schule gelernt. Reden und Singen, Arbeiten und Spielen, Essen und Trinken, Lieben und Trauern, all das beherrsche ich aufgrund außerschulisch erworbener Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Techniken guckte ich mir bei anderen ab, und das Verhalten ahmte ich von Vorbildern nach. Schreiben und Lesen und Rechnen sind dagegen wahrscheinlich stärker schulvermittelt. Obwohl bei Licht betrachtet selbst diese Kenntnisse mehr durch externe Nutzung als durch interne Schulung trainiert wurden. Die Praxis ist eben der bevorzugte Schulmeister des Lebens. Das wusste schon der alte Aristoteles.

So wie mir erging es vermutlich vielen Kindern. Meine erfolgreichsten Lehrer waren Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten, Onkel, vor allem aber Freunde, Spielkameraden und -kumpane, Nachbarn, Cliquen. Auf der Straße wurde mir mehr beigebracht als in den Klassenräumen, in denen ich – Gott sei Dank – nur Teile meiner Kindheit verbrachte.

Meinen stärksten Lernschub erhielt ich allerdings in der Werkzeugmacher-Lehre bei Opel; nicht in der dortigen Berufsschule, sondern an der Werkbank, und zwar durch meine Lehrgesellen, die sich von den schulischen Lehrern dadurch unterschieden, dass sie mir keine Lehrware lieferten, die ich entschlüsseln musste, sondern mir das Erlebnis ermöglichten, mit- und nachzumachen, was sie mir vorgemacht hatten. Das bezog sich sogar auf die theoretischen Teile meines angestrebten Berufes. Werkstoffkunde erfuhr ich beim Feilen, Sägen, Bohren, Hobeln, Schmieden nachhaltiger als an den Wandtafeln der Berufsschule.

Nicht ohne Grund hat der theoretische »Begriff« sein sprachliches Vorbild im An- und Umfassen, dem Begreifen.

Die berufliche Lehre war für mich die Fortsetzung des familiären »Curriculums« mit anderen Mitteln, am anderen Ort, aber mit derselben Methode, nämlich Lernen im Ernstfall des Lebens.

Ganz anders waren meine schulischen Lernerlebnisse. Ihre Erfolge wurden abgepackt und mit Noten versehen. Die Lehrlingserfolge bestanden dagegen vor allem in der Erfahrung, dass das klappte, was ich mit anderen probierte, um es nachher zu produzieren. Freilich, die Theorie war nicht nutz- und sinnlos. Theorie begleitet die Praxis, geht ihr voran und erklärt, was nachher praktiziert wird. Theorie verkürzt das Ausprobieren, weil sie Umwege erspart und Abwege versperrt und sogar hie und da neue Wege öffnet.

3000 Jahre lang hat das chinesische Mandarin-System Bildung und Eignungsprüfung institutionell und auch zeitlich streng voneinander getrennt. Wir aber knüpfen den Berufszugang weitgehend an benotete Schul- und Hochschulzertifikate. Ein Dampfkesselüberwacher hat möglicherweise in seinem Studium niemals etwas von den komplizierten Druckverhältnissen in komplizierten Dampfkesseln gehört, dafür aber ein Diplom erhalten. Das Diplom reicht. Es ist das berufliche Passepartout. Gott sei Dank hat sich die Lebenspraxis Wege gesucht, um das Zugangsmonopol des Diploms zu umgehen.

Verlust von Lehrmaterial

Lernen durch Erprobung verliert jedoch leicht sein Lehrmaterial in Zeiten, in denen die Produkte sich schnell abnutzen und fortwährend durch neue ersetzt werden. Erhaltung durch Wiederherstellung lohnt nicht mehr. Früher war die Reparatur eines defekten Motors auch ein Lernerlebnis für den Autoschlosser. »Gewusst, wo« war sowohl eine theoretische wie eine praktische Aufgabe. Heute wechselt er die Ersatzteile aus, die ihm ein Elektrogerät als defekt meldet, und ist vor allem Monteur.

»Ist es aber nötig und möglich, dass ein Kind alles lernt, was ein Erwachsener wissen muss?«, fragte schon vor mehr als zwei Jahrhunderten der Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau . Die Aussichtslosigkeit eines solchen Versuchs hat sich verschärft.

In einer Gesellschaft, in der Wissen schnell veraltet, wirkt das Vorhaben, alles Wissen, das zukünftig gebraucht wird, in die kleinen Köpfe der Kinder zu trichtern, eigentlich wie der Versuch, Eis auf Vorrat in der Sahara zu lagern.