Die Wissensgesellschaft gilt als der Inbegriff des Fortschritts. In der Wissensgesellschaft findet der Homo sapiens scheinbar sein Paradies.

Wissen wird in der Schule gelehrt. Die Schule ist die Kirche der Modernität, die Lehrer sind ihre Priester. Die Liturgie der neuen Religion ist der Unterricht, ihr Ritus das Curriculum. Schule ist die allein selig machende Erlösung aus der Dummheit des Menschengeschlechts: extra scolam nulla salus, außerhalb der Schule gibt es kein Heil.

So predigen es uns die Kardinäle der Wissensgesellschaft. Aber: Sie überschätzen die Kraft des Wissens, Probleme zu lösen. Die großen Bedrohungen der Menschheit wie Krieg, Hunger und Umweltzerstörung sind nicht die Folge von Wissensdefiziten, sondern das Ergebnis des Mangels an Moral und gutem Willen. Wissen allein löst keine Probleme, zumal auch das Wissen keine Antwort auf alle Probleme hat. Selbst die exakteste unter allen exakten Wissenschaften, die Mathematik, kennt Aufgaben, die sie nicht lösen kann.

Schulmeister Praxis

Das neue schulische Unfehlbarkeitsdogma ist eine Anmaßung, keine Beschreibung der pädagogischen Realität. Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich nicht in der Schule gelernt. Reden und Singen, Arbeiten und Spielen, Essen und Trinken, Lieben und Trauern, all das beherrsche ich aufgrund außerschulisch erworbener Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Techniken guckte ich mir bei anderen ab, und das Verhalten ahmte ich von Vorbildern nach. Schreiben und Lesen und Rechnen sind dagegen wahrscheinlich stärker schulvermittelt. Obwohl bei Licht betrachtet selbst diese Kenntnisse mehr durch externe Nutzung als durch interne Schulung trainiert wurden. Die Praxis ist eben der bevorzugte Schulmeister des Lebens. Das wusste schon der alte Aristoteles.

So wie mir erging es vermutlich vielen Kindern. Meine erfolgreichsten Lehrer waren Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten, Onkel, vor allem aber Freunde, Spielkameraden und -kumpane, Nachbarn, Cliquen. Auf der Straße wurde mir mehr beigebracht als in den Klassenräumen, in denen ich – Gott sei Dank – nur Teile meiner Kindheit verbrachte.

Meinen stärksten Lernschub erhielt ich allerdings in der Werkzeugmacher-Lehre bei Opel; nicht in der dortigen Berufsschule, sondern an der Werkbank, und zwar durch meine Lehrgesellen, die sich von den schulischen Lehrern dadurch unterschieden, dass sie mir keine Lehrware lieferten, die ich entschlüsseln musste, sondern mir das Erlebnis ermöglichten, mit- und nachzumachen, was sie mir vorgemacht hatten. Das bezog sich sogar auf die theoretischen Teile meines angestrebten Berufes. Werkstoffkunde erfuhr ich beim Feilen, Sägen, Bohren, Hobeln, Schmieden nachhaltiger als an den Wandtafeln der Berufsschule.

Nicht ohne Grund hat der theoretische »Begriff« sein sprachliches Vorbild im An- und Umfassen, dem Begreifen.

Die berufliche Lehre war für mich die Fortsetzung des familiären »Curriculums« mit anderen Mitteln, am anderen Ort, aber mit derselben Methode, nämlich Lernen im Ernstfall des Lebens.

Ganz anders waren meine schulischen Lernerlebnisse. Ihre Erfolge wurden abgepackt und mit Noten versehen. Die Lehrlingserfolge bestanden dagegen vor allem in der Erfahrung, dass das klappte, was ich mit anderen probierte, um es nachher zu produzieren. Freilich, die Theorie war nicht nutz- und sinnlos. Theorie begleitet die Praxis, geht ihr voran und erklärt, was nachher praktiziert wird. Theorie verkürzt das Ausprobieren, weil sie Umwege erspart und Abwege versperrt und sogar hie und da neue Wege öffnet.

3000 Jahre lang hat das chinesische Mandarin-System Bildung und Eignungsprüfung institutionell und auch zeitlich streng voneinander getrennt. Wir aber knüpfen den Berufszugang weitgehend an benotete Schul- und Hochschulzertifikate. Ein Dampfkesselüberwacher hat möglicherweise in seinem Studium niemals etwas von den komplizierten Druckverhältnissen in komplizierten Dampfkesseln gehört, dafür aber ein Diplom erhalten. Das Diplom reicht. Es ist das berufliche Passepartout. Gott sei Dank hat sich die Lebenspraxis Wege gesucht, um das Zugangsmonopol des Diploms zu umgehen.

Verlust von Lehrmaterial

Lernen durch Erprobung verliert jedoch leicht sein Lehrmaterial in Zeiten, in denen die Produkte sich schnell abnutzen und fortwährend durch neue ersetzt werden. Erhaltung durch Wiederherstellung lohnt nicht mehr. Früher war die Reparatur eines defekten Motors auch ein Lernerlebnis für den Autoschlosser. »Gewusst, wo« war sowohl eine theoretische wie eine praktische Aufgabe. Heute wechselt er die Ersatzteile aus, die ihm ein Elektrogerät als defekt meldet, und ist vor allem Monteur.

»Ist es aber nötig und möglich, dass ein Kind alles lernt, was ein Erwachsener wissen muss?«, fragte schon vor mehr als zwei Jahrhunderten der Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau . Die Aussichtslosigkeit eines solchen Versuchs hat sich verschärft.

In einer Gesellschaft, in der Wissen schnell veraltet, wirkt das Vorhaben, alles Wissen, das zukünftig gebraucht wird, in die kleinen Köpfe der Kinder zu trichtern, eigentlich wie der Versuch, Eis auf Vorrat in der Sahara zu lagern.

Die lebenslange Schulbank

Die lebenslange Schulbank

Der Verlegenheit, dass das gestern Gelernte schon heute überlebt ist, versuchen sich die Schulexperten zu entziehen, indem sie unter dem Motto »Lebenslang lernen« sich anschicken, auch die Alten auf die Schulbank zu setzen. Das ganze Leben wird so zur Ganztagsschule. Die Rente schließt sich dann nahtlos an die verlängerte Kindheit an. Die Verschulung des Lebens entspricht einer schleichenden Regression der Gesellschaft, in der alle länger leben, aber niemand mehr alt werden will. Die Gesellschaft flüchtet in die kindliche Idylle, um sich die Zumutungen der Wirklichkeit vom Hals zu halten. Die Utopie einer goldenen Kindheit verlangt nach einer lebenslangen pubertären schulischen Wohlfühlphase. Das ist gut für die Stellenpläne der Schulverwaltung, aber schlecht für ein erfahrungsreiches Leben, das seine Lösungen nicht aus einem Wissensspeicher entnimmt, sondern aus einem erlebnisreichen Fundus von erfahrungsgesättigten Grundeinstellungen, die man Bildung nennen könnte. Vielleicht ist Bildung das, was übrig bleibt, wenn man vergessen hat, was man gelernt hat. Also das Kondensat von Fakten, das diese überlebt.

Mein Verlangen, Neues zu erkunden und zu erfinden, ist jedenfalls eher durch die Herausforderungen des Lebens stimuliert und durch Lebenseinstellungen stabilisiert als durch ein mitgeschlepptes Schulpensum angetrieben worden. Die Wissbegier ist eher eine Einstellung, also Bildung, als eine Wissensmenge – also Besitz.

Der schulische Imperialismus

Die Schule entwickelt zusehends einen ehrgeizigen Expansionsdrang, für alles zuständig zu sein, was das Leben an Aufgaben den zukünftigen Erwachsenen abfordern könnte. Deshalb weitet sich der schulische Lehrplan ständig aus. Denn die moderne Schule traut sich anscheinend zu, die zukünftige Gesellschaft sowohl ab- als auch auszubilden. Für diese Anmaßung muss sie freilich zuvor die ganze Kinderzeit beschlagnahmen.

Inzwischen ist die Schule nicht nur zuständig für ihre eigenen traditionellen Felder, sondern bietet zudem allerlei prophylaktische Lebenshilfen an wie etwa Verkehrserziehung, Ernährungskunde, Kochunterricht, Medienpädagogik, Kommunikationstechniken, Umweltschutz inklusive Entsorgungsfragen, Meditations- und Selbsterfahrungstraining, Verbraucherberatung, Integrationskurse, Erste Hilfe, Bastelei, Tourismusprojekte, Projekte je nach Vorliebe des Schulkollegiums. Die Schule saugt auf diese Weise alle Aktivitäten auf, die früher außerhalb von ihr, nämlich in Familie, Vereinen und unter Freunden, initiiert wurden. So trocknet der Raum zwischen Individuum und Staat aus. In diesem Zwischenraum war aber von jeher der Widerstand gegen totalitäre Vereinnahmung lokalisiert, weshalb alle Diktatoren diese intermediären Widerstandsnester aus dem Weg zu räumen versuchten, um ihr Feld so zu planieren, dass es von der konturlosen Masse und deren Bewegungen besetzt werden konnte. In diesem Vorhaben unterschied sich Robespierre nicht von Hitler und Stalin.

Die Eliminierung gesellschaftlicher Eigenwilligkeiten wird jetzt von der Schule betrieben. Dazu bedarf es permanenter Lehrerkonferenzen, Meetings, Evaluierungen und Planungsausschüsse, welche die Strategie und Logistik der Einvernahme planen und die inzwischen mehr Lehrerzeit in Anspruch nehmen als die eigentliche Unterrichtszeit. Schließlich muss das Netz geknotet werden, in welchem die Schule die Spinne ist.

Die moderne Schule versucht, für alles alle Antworten vorzuhalten. So wird die Schule am Ende ihrer Perfektionierung schließlich einem aseptischen Brutkasten gleichen, in dem Küken ausgebrütet werden, um nach der schulischen Brutzeit als verbrauchsfertige und gebrauchsfähige Erwachsene ins Berufsleben abgeliefert zu werden.

Dabei befindet sich die Schule in einer merkwürdigen Zwitterstellung. Sie übernimmt einerseits von der Familie die letzten Reste der praktischen Lebensvorbereitung der Kinder, verlagert aber andererseits diese Aufgabe in ein lebensfernes theoretisches Trainingsgelände ohne Berührung mit dem Ernstfall, in dem die familiäre Erziehung einst ihr Heimspiel hatte. Die Schule ist deshalb nicht der Ersatz für die Familie, sondern ihr siegreicher Konkurrent.

Der pädagogisch-industrielle Komplex

Die Schule hat ihr pädagogisches Konklave für die Transformationsaufgabe gut abgesichert. Ohne Schulzeugnis keine Berufsreife. Ohne Examen keine Karriereaussichten. Die Schule ist das Laufbahnstellwerk.

Der Schule entkommt niemand: Das Zuckerbrot der Berufskarriere und die Peitsche der allgemeinen Schulpflicht sorgen dafür.

Da die Universität zwischenzeitlich im Rahmen des Bologna-Prozesses ebenfalls in einen Dressurbetrieb mit Lehrplan in die allgemeine Verschulung integriert worden ist, bildet die Schule zusammen mit der Universität nach ihr und dem Kindergarten und -hort vor ihr einen neuartigen, stabilen pädagogisch-industriellen Komplex.

Es geht nicht darum, die Schule abzuschaffen, sondern ihre professionelle pädagogische Omnipotenz zu demontieren und die Erwartungen an die Schule zu relativieren.

Die Enteignung der Kindheit

Die Enteignung der Kindheit

Kindheit und Schule sind eine Liaison eingegangen, die zu keiner Zeit so fest war wie heute. Die Schule hält die Kindheit im Klammergriff. Die Schule verwaltet die Kindheit. Die Eroberung der Kindheit durch die Schule als den alles umfassenden Ort, in dem Kindheit stattfindet, kulminiert in der Ganztagsschule.

Für Kindheit bleiben nach diesem »ganzheitlichen« Schulkonzept lediglich die Nacht sowie der kümmerliche Rest zwischen Tag und Nacht. Frühmorgens ziehen die Kinder noch halb ausgeschlafen in die Schule und kommen spätnachmittags müde und ausgelaugt an den familiären Rest- und Rastplatz zurück; zur Not wird hier noch Nachhilfe untergebracht. Kinder sind auf diese Weise immer in einen außengesteuerten Betrieb integriert. Selbstgesuchte Liebhabereien und eigene Beschäftigungen finden keine Zeit mehr und keinen Raum. So werden die Kinder frühzeitig für den Rhythmus der Erwerbsgesellschaft abgerichtet, in den ihre Mutter und ihr Vater schon voll eingespannt sind. So fügt sich eines zum anderen.

Um jegliches Ausscheren aus der schulischen Allzuständigkeit zu vermeiden, bieten die Schulen jetzt auch Ferienbetreuung an. Ferien, meine Insel, nach der ich mich in trüben Schulstunden sehnte, und meine Vorfreude auf die Schule, die mich regelmäßig gegen Ende jeder Ferienzeit erfasste, sind längst durch die Verlängerung der Schulzeit in der schulischen Ferienbetreuung untergepflügt. Die Schule taucht wie der pädagogische Igel immer am Ende der Furche auf, in welcher der kindliche Hase rennt. Ferien sind keine schulischen Auszeiten mehr, sondern eine etwas andere Schulzeit.

Die Ferienbetreuungsregelung kommt freilich auch den Wünschen der berufstätigen Eltern entgegen, die zu ihren stärkeren Berufslasten nicht noch mehr Erziehungsaufgaben schultern können.

Die Unterordnung der Familien unter die Wirtschaft

Was für die Lückenfüllung während der Schulzeit gilt, gilt für die Betreuungsnachfrage vor der amtlichen Pflichtschulzeit, die am besten schon kurz nach der Geburt im Kinderhort befriedigt werden soll. Es darf schließlich durch Kindererziehung möglichst wenig Zeit der Erwerbsarbeit verlustig gehen. Das entspricht der allseits geforderten Maxime der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich die allseits akzeptierte Forderung jedoch hauptsächlich als Unterordnung der Familie unter die Wirtschaft. So ist scheinbar beiden gedient: Die Wirtschaft hat ihre Arbeitskräfte, und die Eltern haben ihr Einkommen.

In der verwirtschafteten Gesellschaft gilt Einkommensverlust durch Kindererziehung als sozialer Abstieg und gesellschaftlicher Defekt. Dass Kinder ein nicht bezahlbares Glück sind, taucht in der monetären Rechnung nicht auf. Freilich entspricht der Familienlastenausgleich dem Gebot der Gerechtigkeit zwischen den Familien, deren Kinder die Zukunft sichern, und den Kinderlosen, die ihre gegenwärtigen Konsumansprüche nicht mit Kindern teilen müssen. Aber der Familienlastenausgleich kann niemals den Einsatz der Eltern für ihre Kinder gänzlich wettmachen. Kein Lastenausgleich schafft nämlich die Tatsache aus der Welt, dass Kinder in jedem Fall eine Einschränkung elterlicher Freiheit bedeuten, sofern Freiheit als Maximieren von Optionen und Selbstverwirklichung als Steigerung des Wohlstandsquantums verstanden wird. Eltern teilen mit ihren Kindern Zeit, Raum und Leben und werden durch diese Teilung reicher. Das freilich geht nicht in die materialistische Rechenkunst ein.

Wachstum ist das Einmaleins des Kommunismus und des Kapitalismus, beide sind die Zwillingskinder des Materialismus.

Im Sozialismus wird die Wirtschaft vergesellschaftet, im Kapitalismus die Gesellschaft verwirtschaftet. In der Praxis läuft das aufs Gleiche hinaus.

Das verlorene Abenteuer der Kindheit

Von der Kindheit als dem Raum und der Zeit der abenteuerlichen Erkundung der Welt und ihrer Geheimnisse zusammen mit Spielkameraden und Cliquen und Verschworenen, dazu noch auf eigene Gefahr, bleibt wenig übrig, bestenfalls Erinnerungsfetzen, zum Beispiel an das von Mutter und Vater organisierte Event eines Kindergeburtstags, zu dem zuvor handverlesene Einladungen verschickt worden sind. Dort wird dann für ein paar Stunden das wilde Leben der Kindheit von der Leine gelassen, freilich nicht ohne später die mitgebrachten Geschenke zu taxieren, denn sie liefern das Richtmaß für Gegengeschenke im jeweiligen Rückspiel. So werden Kindergeburtstage zu todernsten Prestigeveranstaltungen.

Die Magie einer Kindheit, von der Rousseau in Émile träumt, ist im Getriebe der professionellen Schulmaschine und ihrem vor- und nach- und beigelagerten Räderwerk längst zerrieben. Die Fantasie hat sich aus dem Land der überraschungslosen Kindheit zurückgezogen.

Die Allzuständigkeit der pädagogischen Experten

Wo noch offene Stellen im professionellen schulischen System sind, da tauchen alsbald die Erziehungsexperten als mobile Einsatzreserve der staatlichen Schulaufsicht auf und entmündigen die Überbleibsel der familiären Kompetenz. Die Erziehungsexperten definieren die Erziehungsprobleme, und sie lösen auch die so definierten Erziehungsprobleme, und was sie als solche nicht definiert haben, sind auch keine Erziehungsprobleme.

Nur wenige Eltern getrauen sich noch, schwierige Erziehungsentscheidungen zu fällen, ohne zuvor Expertenrat herangezogen oder in ausführlichem Studium von Erziehungsliteratur Nachhilfe gesucht zu haben. Die Idealkonstellation der pädagogischen Expertokratie besteht darin, dass die 40-jährige Mutter sich von der 20-jährigen Erziehungsberaterin sagen lässt, wie sie ihr fünftes Kind erziehen soll.

Das neue Engagement der Eltern

Probleme von Schulkindern, die es von alters her gab, wie beispielsweise Unaufmerksamkeit, Geschwätzigkeit und Flegeleien sind inzwischen mit anspruchsvollen, aber unverständlichen Fachtermini belegt, die einerseits den Erziehungsamateuren Respekt einflößen, andererseits die Objekte so stigmatisieren, dass sie den Erziehungsprofis neue Beschäftigungsfelder eröffnen. Der »Flegel« war noch ertragbar. Der »Zappelphilipp« stand noch unter Aufsicht der Eltern. Das Kind mit ADS (»Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom«) ist jedoch als Objekt der Experten-Therapie gebrandmarkt.

Das neue Engagement der Eltern

Elternangst und pädagogische Allmacht kommen sich in der neuen Kompetenzverteilung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre entgegen. Da die Schule mit Zeugnis und Schulabschluss die Eintrittsbillets für die Karrieren verteilt, kämpfen Eltern verzweifelt um das Maximum der Schulerziehung für ihre Kinder. »So viel Schule wie möglich« ist die vorweggenommene Bedingung für Berufserfolg. Die Schule wird für alle Kinder alles: Mutter, Vater, Freundesclique, Verein, Kirche...

Ganztagsschule, schulische Ferienbetreuung, Kinderhort und -tagesstätte entpuppen sich als die klammheimlichen Instrumente der Enteignung der Kindheit und der verborgenen Machtergreifung der öffentlichen Verwaltung des Menschen und seiner wirtschaftlichen Verwertung. So ist beiden geholfen, den Eltern ob ihrer Vorsorge für den Lebenslauf ihrer Kinder und der Wirtschaft für ihren Bedarf an maximaler Arbeitskräfteversorgung.

Warum müssen eigentlich alle Kinder gescheit sein? Auch wissensschwache Schüler können zu klugen Erwachsenen reifen.

Schule im Wettbewerb

Das Schulsystem selbst hat sich unter der Hand in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem neoliberalen Mainstream an die Gepflogenheiten des Marktes assimiliert. Die »unsichtbare Hand« des Marktes soll auch in der Schulerziehung die maximale Bedürfnisbefriedigung gewähren. Der »Wille des Marktes« solle in die letzten Winkel der Betriebe wehen, befahl einst der neoliberale Guru Tom Peters, der nebenher auch noch der Erfinder der »Ich-AG« ist, zu welcher der Mensch sich evolutionär vollenden soll. Die Schule ist im neoliberalen Konzept nur Zulieferant der Betriebe und muss sich deshalb deren Imperativ beugen. »Des Marktes Wille geschehe«, schwafelte dieser Peters einst pseudoreligiös. Man braucht nur noch hinzuzufügen: »Wie im Himmel, so auch in der Schule.«

Da die Schulen um das aus demografischen Gründen knapper werdende Schülergut konkurrieren müssen, passen sie sich den Konsumentenwünschen der nachfragenden Eltern an, die ihre Kinder der guten Zeugnisse wegen in die Schule schicken. Eine gute Schule ist nämlich eine Schule, die gute Noten vergibt.

Als Lockangebote dient den Schulen eine neue Unterhaltungskultur, mit deren Hilfe sie schulmarktkonform auf sich aufmerksam machen, beispielsweise durch gemeinsame Übernachtungen von Lehrern und Schülern im Klassenraum. Das und anderes sind Freizeitspäße, die früher Eltern, Jugendgruppen, Vereinen vorbehalten waren. Jetzt dienen sie der Kinder-Kundenwerbung und nehmen überdies den Eltern noch Teile der üblichen kindlichen Urlaubserwartungen ab.

Die Eltern selbst kompensieren ihre familiären Verlustgefühle, die ihnen durch die Allzuständigkeit der Schule zugefügt worden sind, durch intensive Formen der Begleitung der schulischen Laufbahn ihrer Kinder. Die elterlichen Sprechstunden, mit rechtlichem Anspruch auf eine schulamtliche Mindestberatungszeit, degenerieren vielerorts zu pädagogischen Tarifverhandlungen über Noten, Stoff- und Unterrichtsgestaltung, in denen die Eltern die Rolle von Funktionären einer Schülergewerkschaft einnehmen. Da von der Note die Zukunft der Kinder abhängt, wird zur Not der Rechtsanwalt zu Hilfe geholt, wenn nicht zuvor schon ein um Schülerzahlen und Schulprestige besorgter Schulleiter die weiße Fahne gehisst hat.

Der pädagogische Raum der Schule wird zum erweiterten Kampffeld von Rechtsauseinandersetzungen. Die Verrechtlichung der Schule folgt der Verrechtlichung aller Lebensbereiche von der Medizin über die Familie bis zum Straßenverkehr. Verrechtlichung flankiert die Verwirtschaftung der Gesellschaft. Beides entspringt der Verflüchtigung eines ungeschriebenen Ethos der Uneigennützigkeit, welche ein zwangloses Miteinander von Menschen ermöglicht.

Die Schule wird zum eigentlichen Kriegsfall des Elterneinsatzes. Früher hofften Eltern, dass aus ihren Kindern »etwas wird«. Heute erwarten Eltern von der Schule, dass sie aus ihren Kindern »etwas macht«.

Die spezifische Differenz zwischen Hoffnung und Erwartung liegt im Maß der Zieloffenheit von Erziehung. Erwartung ist auf das Ergebnis der Erziehung fixiert. Hoffnung ist so offen wie die Bildung, die sich innerhalb einer Bandbreite der Erfüllung vollzieht. Reife ist etwas ganz anderes als das, was sich heute als Notendurchschnitt im sogenannten Reifezeugnis ausdrückt.

Die Spitze der Unverschämtheit

Die Spitze der Unverschämtheit

Das Unterhaltsrecht im Scheidungsfall ist die ungewollte Entlarvung des neuen staatlichen Imperialismus, der sich anschickt, die Familie plattzumachen. Die Abdankung der familiären Erziehung und die brutale Unverschämtheit der öffentlichen Gewalt offenbaren sich in den Regelungen des Konfliktfalles der Scheidung. Wie so oft ist die Ausnahmeregelung von heute die Antizipation der Normalität von morgen. Das Scheidungsrecht nimmt also das zukünftige Familienrecht vorweg.

In der Rechtsprechung zum Unterhaltsrecht zeigt sich, wie weit der Staat bereits ins Familienregiment interveniert und Elternrechte minimiert hat. Nach dem Willen des Bundesgerichtshofes soll etwa eine geschiedene Mutter nach dem dritten Lebensjahr ihres Kindes dieses der »Fremdbetreuung« übergeben, damit sie voll erwerbstätig werden kann, um den geschiedenen Vater von seinen Unterhaltspflichten zu entlasten. Die geschiedene Mutter mit Kind soll also im gleichen Maße erwerbstätig werden wie der geschiedene Mann ohne Kind.

Familiäre Erziehung ist nach der Auffassung unserer höchsten Richterinnen und Richter offenbar keine Erziehungsarbeit. Denn für die Erziehungsarbeit ist der Staat zuständig.

Das allseits geforderte umfassende staatliche Betreuungsangebot entpuppt sich so hinterrücks als Waffe gegen das Recht auf Erziehung, das das Grundgesetz »zuvörderst den Eltern« sichert. Dieses privilegierte Elternrecht endet nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes nach drei Jahren. Anscheinend sind die Kinder nach dieser Sichtweise vom Staat den Eltern nur befristet ausgeliehen worden, und zwar solange sie sich gut führen. Das Kindergeld ist danach eine Art von Schadensersatz, den der Staat den Eltern gewährt, und der Unterhalt für die geschiedene Frau ist ein zugestandenes Überbrückungsgeld, das die Erwerbseinkommenseinbuße durch vorübergehende Erziehungsarbeit ausgleicht. Die Mutter, die der Erziehung der Kinder wegen auf Erwerbseinkommen teilweise oder ganz verzichtet, weil dies einer innerfamiliären Abmachung entsprach, ist im Scheidungsfall die Gelackmeierte. Der Mann macht sich mit seinem höheren Einkommen, das er der Hilfs- und Spanndienste der Frau verdankte, auf und davon. Zurück bleibt die Frau, die naiv einem ehelichen Nachhaltigkeitsversprechen traute, das unter der emanzipativen Bedingung »Jeder ist sich selbst der Nächste« nicht mehr gilt. Mit anderen Worten: Eine familiäre Arbeitsteilung, auf die sich Ehepartner verständigen, wo nach Lohnarbeit und Erziehungsarbeit zwischen den beiden unterschiedlich gewichtet und verteilt wird, erweist sich im Scheidungsfall als Nachteil für denjenigen der beiden Ehepartner, der sich kein oder wenig Erwerbseinkommen verschafft hat – während der andere, dessen höheres Einkommen auch durch die Familienarbeit des Ehepartners ermöglicht worden ist, sich mit der Beute seines Lohnes auf und davon macht. Die Ehe ist unter diesen modernen Bedingungen des neuen Scheidungsrechts das Bündnis von zwei Ich-AGs, die so lange kooperieren, wie es beiden nützt, also bis auf Weiteres.

Ausgeschlossen werden kann eine Übertölpelung des einen durch den anderen Ehepartner nur, wenn schon zu Beginn eine vertragliche Regelung für den Fall des Scheiterns getroffen wird. Das setzt voraus, dass eine Scheidung für die verliebten Neuvermählten kein undenkbarer Unglücksfall, sondern das Normalrisiko ist. Wie im Arbeitsrecht können auch im Familienrecht Abfindungen für den Gekündigten vorausschauend vereinbart werden. Ehe und Familie sind nur noch lebensabschnittsweise durch wechselseitige Pflichten gesichert. Ehe und Familie zählen schon nicht mehr zu den nachhaltigen Projekten des Lebens, sondern stehen unter dem Vorbehalt der Geltung, solange nichts Besseres kommt. Denn in der Optionsgesellschaft darf sich niemand eine Gelegenheit entgehen lassen, die eine größere Chance bietet. In der Ehe ist es wie im Betrieb. Auf das flexible Arbeitsverhältnis folgt das flexible Eheverhältnis.

Emanzipation ist Erwerbsarbeit

Unter dem Modernisierungsdruck einer emanzipativen Bewegung, die Befreiung vornehmlich an der uneingeschränkten Einbeziehung aller Mütter und Väter in die Erwerbsgesellschaft misst, besteht die Freiheit in der Unterordnung der Erziehungsarbeit unter die Lohnarbeit, wofür der Staat den finanziellen Flankenschutz bietet, indem staatliches Geld an die Bedingung der Erwerbsarbeit beider Elternteile geknüpft werden soll. Dem darf man sich nur zeitlich beschränkt entziehen, um sich vorübergehend – bis zum dritten Lebensjahr des Kindes – der Eigenbetreuung der Kinder zu widmen, danach steht die »Fremdbetreuung« zur Verfügung. Die Paradoxie dieser Logik besteht ideologischerweise mancherorts in der verqueren Strategie, erst die Erwerbsgesellschaft als repressive Leistungsgesellschaft zu brandmarken, um im zweiten Schritt alle in diesen angeblichen Hort der Unterdrückung zu zwingen, aus dem Mutter und Vater im dritten Schritt gemeinsam befreit werden.

Summa summarum

Im Schicksal von Kindheit und Familie spiegelt sich die Zukunftsperspektive einer Welt, in der alle privaten Rückzugsmöglichkeiten verstaatlicht sind und die Gesellschaft rücksichtslos verwirtschaftet ist. Sollte jemand auf den Einwand verfallen, dass die Erwerbsarbeit beider Elternteile aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich sei und der Selbstverwirklichung des Menschen nur die Berufsarbeit zur Verfügung stehe, so muss er sich die Frage gefallen lassen: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Geld und Karriere alles ist?