Die lebenslange Schulbank

Der Verlegenheit, dass das gestern Gelernte schon heute überlebt ist, versuchen sich die Schulexperten zu entziehen, indem sie unter dem Motto »Lebenslang lernen« sich anschicken, auch die Alten auf die Schulbank zu setzen. Das ganze Leben wird so zur Ganztagsschule. Die Rente schließt sich dann nahtlos an die verlängerte Kindheit an. Die Verschulung des Lebens entspricht einer schleichenden Regression der Gesellschaft, in der alle länger leben, aber niemand mehr alt werden will. Die Gesellschaft flüchtet in die kindliche Idylle, um sich die Zumutungen der Wirklichkeit vom Hals zu halten. Die Utopie einer goldenen Kindheit verlangt nach einer lebenslangen pubertären schulischen Wohlfühlphase. Das ist gut für die Stellenpläne der Schulverwaltung, aber schlecht für ein erfahrungsreiches Leben, das seine Lösungen nicht aus einem Wissensspeicher entnimmt, sondern aus einem erlebnisreichen Fundus von erfahrungsgesättigten Grundeinstellungen, die man Bildung nennen könnte. Vielleicht ist Bildung das, was übrig bleibt, wenn man vergessen hat, was man gelernt hat. Also das Kondensat von Fakten, das diese überlebt.

Mein Verlangen, Neues zu erkunden und zu erfinden, ist jedenfalls eher durch die Herausforderungen des Lebens stimuliert und durch Lebenseinstellungen stabilisiert als durch ein mitgeschlepptes Schulpensum angetrieben worden. Die Wissbegier ist eher eine Einstellung, also Bildung, als eine Wissensmenge – also Besitz.

Der schulische Imperialismus

Die Schule entwickelt zusehends einen ehrgeizigen Expansionsdrang, für alles zuständig zu sein, was das Leben an Aufgaben den zukünftigen Erwachsenen abfordern könnte. Deshalb weitet sich der schulische Lehrplan ständig aus. Denn die moderne Schule traut sich anscheinend zu, die zukünftige Gesellschaft sowohl ab- als auch auszubilden. Für diese Anmaßung muss sie freilich zuvor die ganze Kinderzeit beschlagnahmen.

Inzwischen ist die Schule nicht nur zuständig für ihre eigenen traditionellen Felder, sondern bietet zudem allerlei prophylaktische Lebenshilfen an wie etwa Verkehrserziehung, Ernährungskunde, Kochunterricht, Medienpädagogik, Kommunikationstechniken, Umweltschutz inklusive Entsorgungsfragen, Meditations- und Selbsterfahrungstraining, Verbraucherberatung, Integrationskurse, Erste Hilfe, Bastelei, Tourismusprojekte, Projekte je nach Vorliebe des Schulkollegiums. Die Schule saugt auf diese Weise alle Aktivitäten auf, die früher außerhalb von ihr, nämlich in Familie, Vereinen und unter Freunden, initiiert wurden. So trocknet der Raum zwischen Individuum und Staat aus. In diesem Zwischenraum war aber von jeher der Widerstand gegen totalitäre Vereinnahmung lokalisiert, weshalb alle Diktatoren diese intermediären Widerstandsnester aus dem Weg zu räumen versuchten, um ihr Feld so zu planieren, dass es von der konturlosen Masse und deren Bewegungen besetzt werden konnte. In diesem Vorhaben unterschied sich Robespierre nicht von Hitler und Stalin.

Die Eliminierung gesellschaftlicher Eigenwilligkeiten wird jetzt von der Schule betrieben. Dazu bedarf es permanenter Lehrerkonferenzen, Meetings, Evaluierungen und Planungsausschüsse, welche die Strategie und Logistik der Einvernahme planen und die inzwischen mehr Lehrerzeit in Anspruch nehmen als die eigentliche Unterrichtszeit. Schließlich muss das Netz geknotet werden, in welchem die Schule die Spinne ist.

Die moderne Schule versucht, für alles alle Antworten vorzuhalten. So wird die Schule am Ende ihrer Perfektionierung schließlich einem aseptischen Brutkasten gleichen, in dem Küken ausgebrütet werden, um nach der schulischen Brutzeit als verbrauchsfertige und gebrauchsfähige Erwachsene ins Berufsleben abgeliefert zu werden.

Dabei befindet sich die Schule in einer merkwürdigen Zwitterstellung. Sie übernimmt einerseits von der Familie die letzten Reste der praktischen Lebensvorbereitung der Kinder, verlagert aber andererseits diese Aufgabe in ein lebensfernes theoretisches Trainingsgelände ohne Berührung mit dem Ernstfall, in dem die familiäre Erziehung einst ihr Heimspiel hatte. Die Schule ist deshalb nicht der Ersatz für die Familie, sondern ihr siegreicher Konkurrent.

Der pädagogisch-industrielle Komplex

Die Schule hat ihr pädagogisches Konklave für die Transformationsaufgabe gut abgesichert. Ohne Schulzeugnis keine Berufsreife. Ohne Examen keine Karriereaussichten. Die Schule ist das Laufbahnstellwerk.

Der Schule entkommt niemand: Das Zuckerbrot der Berufskarriere und die Peitsche der allgemeinen Schulpflicht sorgen dafür.

Da die Universität zwischenzeitlich im Rahmen des Bologna-Prozesses ebenfalls in einen Dressurbetrieb mit Lehrplan in die allgemeine Verschulung integriert worden ist, bildet die Schule zusammen mit der Universität nach ihr und dem Kindergarten und -hort vor ihr einen neuartigen, stabilen pädagogisch-industriellen Komplex.

Es geht nicht darum, die Schule abzuschaffen, sondern ihre professionelle pädagogische Omnipotenz zu demontieren und die Erwartungen an die Schule zu relativieren.