DIE ZEIT: Professor Müller, Sie prophezeien das Ende des gedruckten Buchs. Werden Erstklässler künftig mit E-Books lesen lernen?

Horst M. Müller: In 50 bis 100 Jahren hat das gedruckte Buch ausgedient, aber sein Nachfolger wird nicht das E-Book sein. Das ist ja nur ein digitaler Abklatsch.

ZEIT: Wie wird ein Buch in 50 Jahren aussehen?

Müller: Man kann sich das als eine intelligente Maschine vorstellen. Was genau diese Maschine können wird, lässt sich natürlich nicht exakt voraussagen, da müsste man spekulieren.

ZEIT: Dann spekulieren Sie doch mal.

Müller: So ein Buch wird mit vielen Sensoren ausgestattet sein, mit einer Kamera, mit Web- und GPS-Modulen. Es wüsste immer, wo genau man sich gerade befindet. Ein Reiseführer zum Beispiel könnte dem Leser erklären, vor welchem Denkmal er gerade steht.

ZEIT: Das können Smartphones mit der entsprechenden App doch schon heute.

Müller: Ja, aber das ist nur der allererste Schritt. Das Buch der Zukunft geht weit darüber hinaus. Es könnte etwa an der Art, wie Sie mit ihm sprechen, feststellen, ob Sie gerade gestresst sind.

ZEIT: Haben Sie gerade gesagt, wir sprechen dann mit Büchern?

Müller: So ein »Buch« könnte einen Avatar erzeugen und so mit dem Leser kommunizieren.

ZEIT: Also eine virtuelle Person, mit der wir uns unterhalten können?

Müller: Ja, das könnte eine holografische Figur sein, die mithilfe von Laserstrahlen erzeugt wird – so wie bei Star Wars . Dieser Avatar würde sich optimal auf den Nutzer einstellen, wie ein guter Bekannter, der viel über ihn weiß.

ZEIT: Das hört sich nicht mehr nach Buch an.

Müller: Mit dem gedruckten Buch von heute wird das, was ich als Buch der Zukunft bezeichne, auch nicht mehr viel zu tun haben. Es ist eher so eine Art iPad hoch zehn. Allerdings mit einem ganz entscheidenden Unterschied: Es wird fast ohne Schrift auskommen.

Wir lagern nicht nur unser Wissen, sondern auch unser Denken aus

ZEIT: Wie soll das gehen?

Müller: Im Alltag hat diese Entwicklung ja schon längst begonnen: Lange Texte werden immer öfter durch Bilder ersetzt. Man kann das zum Beispiel an den Gebrauchsanweisungen für technische Geräte sehen.

ZEIT: Ist diese Bildersprache nicht ein intellektueller Rückschritt?

Müller: Ich glaube nicht, dass wir deshalb verblöden müssen. Der Wandel, der sich gerade vollzieht, ist nichts weiter als ein Schritt in der Evolution der sogenannten extrakorporalen Speicherung von Wissen.

ZEIT: Was bedeutet das?

Müller: Seit der Erfindung der Schrift, seit mehr als 6.000 Jahren, sind wir damit beschäftigt, Wissensinhalte auszulagern. Der Vorteil des Instrumentes Schrift ist ja, dass wir Gedanken extern speichern können. Wenn wir sie aufschreiben, sind sie selbst nach unserem Tod nicht verloren. Deshalb können wir heute noch nachvollziehen, worüber Aristoteles vor mehr als 2.000 Jahren nachgedacht hat.

ZEIT: Und diese Errungenschaft geben wir jetzt einfach auf?

Müller: Im Gegenteil, wir gehen noch einen Schritt weiter. Wir lagern nicht nur unsere Gedanken aus, sondern Teile des Denkens selbst und optimieren den Zugriff auf diese Gedanken. In Zukunft können wir dann nicht nur die Schriften von Aristoteles hören, sondern vielleicht sogar mit einem virtuellen Aristoteles diskutieren.

ZEIT: Wie soll das gehen?

Müller: Ein Avatar könnte mithilfe von wissensbasierten Datenbanksystemen aus der Fülle der Schriften von Aristoteles eigene Schlüsse ziehen und Fragen beantworten. Einem Professor für griechische antike Philosophie kann ich ja auch Fragen stellen: »Wie hätte Aristoteles dies und jenes erklärt?« Irgendwann könnte ein intelligentes Medium zu einer Art Ersatzprofessor werden.

Der Lehrer bleibt unersetzbar

ZEIT: Kann man die komplexen Inhalte einer philosophischen Theorie denn überhaupt begreifen, ohne sie schwarz auf weiß zu lesen?

Müller: Es wird immer Experten geben, die sich mit Texten auseinandersetzen, deshalb wird das klassische Buch auch nie ganz verschwinden . Aber die Masse wird mit Schrift nicht mehr viel anfangen können – und auch nicht müssen.

ZEIT: Wenn es künftig vor allem darum geht, Computer zu bedienen, um sein Wissen zu erweitern, warum sagen dann manche Hirnforscher, Bildschirme hätten in Klassenzimmern nichts zu suchen?

Müller: Ich habe ein Szenario beschrieben, dessen Nutzen sich Erwachsenen erschließt. Bei Kindern ist das anders. Vor allem beim Spracherwerb kann das kindliche Gehirn von Menschen, die über einen Bildschirm zu ihm sprechen, kaum profitieren.

ZEIT: Warum nicht?

Müller: Beim Spracherwerb ist es wichtig, Wörter nicht nur zu hören, sondern auch die begleitende Gestik und Mimik seines Gegenübers zu erfahren, sich in seine Gefühle hineinzuversetzen. Das geht nur in der realen Interaktion.

ZEIT: Mit einem Avatar geht das nicht?

Müller: Nein. Das noch unausgereifte Hirn des Kindes braucht den Kontakt zur realen Person, das konnte in Versuchen belegt werden. Wenn ein Kind etwa von seinem Großvater etwas erzählt bekommt, dann lernt es neue Wörter. Es beobachtet den Opa und weitet seinen eigenen Wortschatz aus. Sitzt das Kind stattdessen vor dem Fernseher, kommt es nicht in gleichem Umfang zu dieser Ausweitung. Vermutlich, weil die multimodale Bindung von Geruch, Aussehen, akustischer Information und Mimik, zwischen Berühren und Interagieren fehlt.

ZEIT: Was bedeutet das für das Klassenzimmer der Zukunft?

Müller: Dass intelligente Maschinen zwar das gedruckte Schulbuch ersetzen können. Aber nicht den Lehrer.