PraxiserfahrungAb in die Praxis

Business Schools schicken ihre Studenten als Berater in Firmen. von Bärbel Schwertfeger

Anfang Januar stand die Harvard Business School vor ungewohnten logistischen Herausforderungen. 900 MBA-Studenten mussten in 150 Teams in ein Dutzend Länder geschickt werden, von Argentinien über China und Indien bis nach Polen oder in die Türkei . Dort sollten sie eine Woche lang an einem realen Projekt für ein Unternehmen arbeiten. Es sei schon ein riesiger Unterschied, ob man für seine Arbeit ein echtes Feedback von echten Betroffenen bekomme, sagte die Studentin Barrie Altshuler hinterher in der Harvard Gazette.

Was nach einer Trivialität klingt, ist in der MBA-Welt fast schon eine Revolution: Bisher vertraute man in Harvard und anderswo vor allem auf die Lehrmethode der Fallstudie, bei der in erzählerischer Form ein Problem beschrieben wird, mit dem sich ein Manager in einem bekannten Unternehmen hat auseinandersetzen müssen. Die Case Study gilt als Harvard-Erfindung; die Studenten sollen sich in die Rolle des Managers versetzen und – meist in Teamarbeit – überlegen, welche Entscheidung sie an seiner Stelle getroffen hätten. Danach präsentieren sie ihre Lösungen vor der Klasse und diskutieren darüber. Mehr als 500 Fallstudien müssen Studenten in Harvard im Laufe des zweijährigen Studiums bearbeiten.

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Dass ausgerechnet dort nun erstmals mit realen Erfahrungen experimentiert wird, ist Nitin Nohria zu verdanken, der im Juli 2010 seinen Job als Dean antrat und das Programm umkrempeln will. Der Klassenausflug ist Teil des neuen Programms FIELD (Field Immersion Experiences for Leadership Development). Eine »Ergänzung« zu den Fallstudien solle FIELD sein, betont Nohria – so ganz will man von den Studien dann doch nicht lassen.

Dabei gibt es schon länger Kritik an ihnen, vor allem wenn sie als dominierende Lehrmethode eingesetzt werden. Die Studenten hätten keine Ahnung von den wirklichen Gegebenheiten in dem Unternehmen, über das sie diskutieren, kritisierte der kanadische Managementprofessor Henry Mintzberg schon Anfang der neunziger Jahre. »Sie lesen 20 Seiten und halten sich für einen Experten.« Zudem biete eine Fallstudie stets nur Informationen aus zweiter Hand. Ganz zu schweigen von der fehlenden Auseinandersetzung mit realen Menschen und ihren Befürchtungen und Ängsten.

Viele Schulen haben das erkannt und schicken ihre Studenten zu Projekten in andere Länder, lassen sie Start-ups beraten oder Businesspläne schreiben . Wohl am weitesten prescht dabei derzeit das IMD in Lausanne mit seinem neuen Curriculum vor. So verbringen die Studenten im einjährigen Vollzeit-MBA künftig rund 40 Prozent des Studiums in Unternehmen. Gerade das Managen von Komplexität ließe sich eben durch experimentelles Lernen am besten vermitteln, so MBA-Direktorin Martha Maznevski. Im Klassenzimmer zu sitzen sei nur dann sinnvoll, wenn die Studenten damit auf ihr Handeln vorbereitet würden. MBA-Programme sollten daher bereits vom ersten Tag an Erfahrungen aus der Praxis beinhalten, wie etwa reale Projekte bei Unternehmen. Die Erfahrungen müssten jedoch in den Lehrplan eingebettet sein und nicht nur als einzelner Kurs angeboten werden, so die MBA-Direktorin. Sie sieht im neuen Programm am IMD so etwas wie ein geführtes »Training on the job«, bei dem akademische Inhalte mit sorgfältig ausgewählten Erfahrungen kombiniert werden. »Wir suchen für unsere Studenten die besten Lernmöglichkeiten, sei es bei der Wahl des Unternehmens oder des Landes«, sagt Maznevski. Ganz nebenbei bewirke das experimentelle Lernen auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Einstellungen und Werten wie Moral und Verantwortung. »Wie man in schwierigen Situationen mit Mut und Integrität führt, weiß man nur, wenn man diese Situationen bereits selbst erlebt hat und darüber diskutiert und nachgedacht hat«, sagt die MBA-Direktorin.

Stephanie Weg sollte während ihres MBA-Studiums ein Start-up in Südafrika beraten. Sie und ihre Kommilitonen sollten der neu gegründeten Personalberatung in Johannesburg helfen, ihre Firma in Schwung zu bringen. Für Weg wurde der Kontakt mit den beiden Unternehmern zur Überraschung. »Ziel für sie war es, dass ihre Firma lediglich so viel Geld einbringt, dass sie gut über die Runden kommen«, sagt die heute 31-Jährige immer noch verwundert. »Die wollen Spaß am Job haben und ein angenehmes Leben führen.« Für die auf Effizienz und Erfolg fokussierten MBA-Studenten eine ungewohnte Erfahrung.

Die Integration von handlungsorientiertem Lernen in ein MBA-Programm bedeutet natürlich auch ein höheres Risiko für die Programmverantwortlichen. Was passiert, wenn das Unternehmen, für das die Studenten ein Projekt bearbeiten, ihnen dabei Steine in den Weg legt? Was geschieht, wenn die Studenten ihre Sache nicht gut machen? Was ist, wenn der Ansprechpartner im Unternehmen wechselt und der neue Ansprechpartner nicht mit der Schule weiter zusammenarbeiten will? »Unternehmen und Manager sind schwieriger zu handhaben als Lehrbücher und Fallbeispiele«, sagt MBA-Direktorin Maznevski.

Leserkommentare
  1. ... dass ich mich irre, aber das macht Harvard automatisch zu einer Fachhochschule, richtig ?

    Gut !

    2 Leserempfehlungen
  2. ...sollten die feinen Damen und Herren aus den Hochschulen. Wie hat ein weißer Mann immer gesagt: Erst kommt das Fressen dann die Moral. Und genau das sollte man hier auch walten lassen. Erstmal vor der eigenen Tür kehren, anständige Umgangsformen erlernen und den Gegenüber respektieren.
    Und wenn das mal im Menschen drinnen ist, dann kann man anfangen darüber zu reden, ob der Herr oder die Dame irgendwo Beratungstätigkeiten ausführen kann. Davor ist das doch alles nur Hanebüchen und ein Vorwand der Hochschulen ihre menschenfeindliche Politik fortzuführen.

    Harvard... das ich nicht lache!

    • phigo
    • 20. März 2012 8:50 Uhr

    Passiert das nicht ewig das Studenten an realen Projekten in Firmen arbeiten. Wir hatten der uni zahlreiche Projekte wo es um designstrategische Beratung von kleinen startups und global Playern ging.

    via ZEIT ONLINE plus App

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