Krebsmittel Avastin: Die 100.000-Franken-Therapie
Wie Roche versucht, sein medizinisch umstrittenes Krebsmittel Avastin im Markt zu halten.
Was ist der Unterschied zwischen einer Amerikanerin und einer Europäerin? Keiner, sollte man meinen. Mensch ist Mensch. Aber wenn es um horrend teure Arzneien geht, klaffen plötzlich gewaltige Gräben. Wirtschaftspolitische Kriterien verdrängen die medizinischen. Aufmerksamkeit erregte jüngst ein Streit, den der Basler Pharmakonzern Roche mit der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA) ausfocht. Ein amerikanischer Expertenausschuss kam im Juni vergangenen Jahres zum Schluss, dass die Behandlung von Brustkrebs mit Avastin nur schade und nichts nütze.
Das Medikament war von Genentech, der Roche-Tochter in Kalifornien, ursprünglich gegen Darmkrebs entwickelt worden und wird inzwischen jedoch auch gegen eine Reihe anderer Formen der Krankheit eingesetzt. Bei der Behandlung von Brustkrebs verfügte nun die FDA-Chefin Margaret A. Hamburg im November die Aberkennung der amtlichen Zulassung, weil den »möglichen lebensbedrohenden Nebenwirkungen kein erwiesener Nutzen für die Patientinnen« entgegenstehe.
»Wir sind weiter bereit, mit der FDA zusammenzuarbeiten, um eine Lösung zu finden, die im besten Interesse von Patientinnen ist, die Avastin benötigen«, ließ Roche nach dem Verdikt vom Juni verlauten. Die Firmenjuristen brachten umgehend Argumente vor, die es ermöglichen sollten, im Brustkrebs-Markt dennoch im Geschäft zu bleiben: Der Misserfolg von Avastin sei gar keiner, es seien bloß die falschen Patientinnen behandelt worden, die Indikation müsse enger gefasst werden.
Neue Biomarker-Tests sollen nun die Auswahl der »richtigen« Patientinnen für die Avastin-Therapie besorgen, mit dem Ziel, die heute erfolglosen Behandlungen zu vermeiden. Akzeptanz soll das zurzeit allgegenwärtige Schlagwort »personalisierte Medizin« schaffen. Eben erst wurde ein entsprechendes EU-Forschungsprojekt gestartet.
Der Ausbau des Diagnostikgeschäfts, das heute ein knappes Viertel des Konzernumsatzes liefert, ist strategische Absicht. Die rasch wachsende Sparte wird künftig eine beherrschende Stellung in diesem Markt einnehmen. Dass Roche hier zügig vorangeht, zeigt die gegenwärtige Übernahmeschlacht um den kalifornischen Diagnostikkonzern Illumina, für den aktuell 5,7 Milliarden Dollar geboten werden.
Jede neue Indikation für Avastin weckt indes Hoffnungen bei Millionen Erkrankten – leider zumeist vergebliche. Es geht um eines der einträglichsten Produkte der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Avastin steuert rund 7 Milliarden Franken zum Konzernumsatz von Roche bei, das ist annähernd so viel, wie die Technologiekonzerne Sulzer und Oerlikon zusammen erzielen.
Avastin kann in den USA weiter verabreicht werden, auch nach dem no der FDA, auch gegen Brustkrebs: Wer das Medikament im sogenannten Off-Label-Use haben möchte, muss es einfach selber berappen – die Privatversicherer bezahlen nicht mehr dafür.
Dass die Patientinnen trotz abratender Experten weiter auf Avastin setzen, ist leicht nachvollziehbar: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Diesem Prinzip scheint auch die EU-Zulassungsbehörde zuzuneigen. Die European Medicines Agency (EMA) hat Avastin erst im Juni für Brustkrebs registriert – fast zeitgleich mit der Ablehnung durch die FDA-Experten. Der Entscheid, den Einsatz eines Mittels gegen eine bestimmte Krankheit zu bewilligen, ergibt sich eben auch aus den juristischen Möglichkeiten und dem wirtschaftspolitischen Gewicht, das ein Pharmakonzern in die Waagschale werfen kann. Seit Jahren wird auf Fachsymposien beklagt, wie die Bewilligungsbehörden von der Branche immer konsequenter unter juristisches Sperrfeuer genommen würden. Mit statistischer Trickserei und Drohgebärden versuchen die Konzerne, für jeden halbwegs tauglichen pharmazeutischen Wirkstoff immer neue Anwendungen bewilligt zu bekommen. Avastin erhielt in den USA im Jahr 2008 die Zulassung zur Behandlung von metastasierendem Brustkrebs, obschon das zuständige Expertengremium dies damals schon abgelehnt hatte – und sogar in einem beschleunigten Verfahren. Danach ergaben Zusatzstudien, dass die von Roche eingereichten Daten deutlich zu optimistisch waren. Doch bis die FDA die Bremse zog, gingen drei Jahre ins Land – und so brachte das Geschäft Roche in den USA im Jahr 2010 immerhin 800 Millionen Dollar Umsatz ein.






Und das bei einer solch reißerischen Überschrift? Wurde dieser Artikel überhaupt veröffentlicht? Hat ihn irgendjemand gelesen?
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