Ist das wirklich der Mann, über den alle Schweizer, die mit ihm zu tun haben, sagen, er sei ein Betonkopf? Gianluca Grippa, Leiter des Swiss-Desk im Europäischen Auswärtigen Dienst, empfängt in seinem Büro an der Rue de la Loi. Die Wände sind vollgepflastert mit Werbeplakaten von Jungfraubahn und Tessin-Tourismus, auf dem Aktenschrank stehen Bildbände übers Wallis und die Stadt Zürich. Der Mann, der wie keiner sonst der Eidgenossenschaft das Leben in Brüssel so schwer macht, ist ein Schweiz-Fan.

Allein, der Italiener mit den leidlichen Englischkenntnissen, liebt zwar das Klischee der Schweiz – aber Hoffnung auf ein Entgegenkommen macht sich in Bern deswegen niemand. Dazu gibt es auch keinen Grund. Der hohe Diplomat wiederholt mantraartig, was in allen Depeschen aus Brüssel steht, die in den vergangenen Jahren den Weg nach Bundesbern fanden: Wer an Europa, diesem Markt mit 500 Millionen Konsumenten, teilhaben will, muss sich an die Spielregeln halten. Punkt.

Wer heute ohne Aufnahmegerät mit EU-Vertretern spricht, wundert sich über die scharfe Tonlage. Das klingt dann so: Ihr Schweizer, ihr »unruly kids«, ihr »Rosinenpicker«, müsst endlich entscheiden. Seid ihr dabei oder nicht? Akzeptiert ihr unsere Regeln oder nicht? Gianluca Grippa selbst sagte vor ein paar Monaten gegenüber Schweizer Kantonsvertretern: »Der bilaterale Weg ist viel zu kompliziert. Er ist ein Fehler, den man nicht wiederholen darf.« Kompromisse, das war mal. Gibt es nicht mehr. Basta.

Egal, ob im Parlament, dem Rat oder in der Kommission, überall heißt es: Erst wenn die Schweiz eine unabhängige Instanz akzeptiert, welche die Umsetzung der bilateralen Verträge überwacht; erst wenn klar ist, welche Richter allfällige Streitigkeiten der Vertragspartner EU und Eidgenossenschaft schlichten; erst wenn die Schweiz automatisch neues EU-Recht anwendet, das in den Geltungsbereich der bilateralen Verträge fällt – erst dann werden neue Abkommen ein Thema.

Die EU will Ordnung in Europa, kein bilaterales Gewurstel

Und so scheint alles klar, als man an diesem nebelverhangenen Spätwintertag den menschenleeren Rundbau des Auswärtigen Dienstes an der Rue de la Loi verlässt und ins historische Zentrum von Brüssel schlendert: Die Schweiz muss sich bewegen. Der Königsweg, der bilaterale, ist zur Sackgasse geworden. Er ist zu komplex.

Tags darauf an der Place du Luxembourg, vis-à-vis dem Europäischen Parlamentsgebäude. In einem schlecht geheizten Stadtpalais aus dem frühen 19. Jahrhundert arbeitet Jacques de Watteville, Chef der Schweizer Mission bei der EU. Eine geschwungene Treppe führt ins Obergeschoss, wo de Watteville den Besucher bittet, auf einem tiefen, beigefarbenen Ledersofa Platz zu nehmen. »Der Schweiz-Desk im Europäischen Auswärtigen Dienst vertritt einen dogmatischen Ansatz«, sagt der Botschafter lächelnd. Für diese Leute gibt es nur: Acquis! Der Vertrag von Lissabon, der die EU im Innersten zusammenhält, geht ihnen über alles. »Wenn es keine Fortschritte in den Verhandlungen über den Marktzugang gibt, ist das für diese Beamten kein Problem. Die erweiterte EU ist zu einem eher unflexiblen Dampfer geworden«, sagt de Watteville. Die Schweiz hingegen, die sei oft pragmatisch.

Der Botschafter gibt ein Beispiel. 2009 verkündete Brüssel: Wer in Zukunft Waren aus einem Nicht-EU-Staat in die Union importieren wolle, müsse dies 24 Stunden im Voraus und im Detail anmelden. Eine Maßnahme zur Terrorbekämpfung. Die Folgen für die Schweiz, das Nicht-Mitgliedsland, wären fatal gewesen, die neue Regel hätte große Probleme für den freien Warenverkehr bedeutet. Also weibelten die Schweizer Diplomaten bei der deutschen Regierung, den Italienern, Franzosen, Österreichern, dem Lastwagengewerbe, beim EU-Transport-Kommissar. Diese machten Druck auf die Kommission, und schließlich unterzeichnete die Union ein »Abkommen über Zollerleichterungen und Zollsicherheit«. Die Schweiz erhielt einen Sonderstatus als »sicheres Drittland«, ihre Experten sitzen seitdem sogar in den Arbeitsgruppen, die neues EU-Zollrecht ausarbeiten.

Auch beim Schengen-Abkommen, das den freien Personenverkehr regelt, hat sich die Schweiz eine Extrawurst erstritten. So darf Bundesrätin Simonetta Sommaruga als einziges Schweizer Regierungsmitglied an den Treffen des Justiz- und Innenminister-Rats der EU teilnehmen. Für die Abstimmungen muss sie zwar den Raum verlassen, und damit sie an den gemeinsamen Mittagessen teilnehmen darf, ist sie auf den Goodwill der Vorsitzenden angewiesen. »Auf das Essen könnte ich ja gut verzichten«, sagte Sommaruga einst selbst. »Aber wir wissen alle, dass gerade der informelle Austausch oft am besten geeignet ist, um wichtige Entscheide vorzubereiten und Kontakte zu vertiefen.«